Orientierung für die Zukunft

 

Das neue Sürtiroler Bildungsleitbild ist fertig und allen bekannt. Verschwindet es nun in den Schulbladen oder wird konkret weitergearbeitet? Wie stellt man sich die konkrete Umsetzung vor? Rudolf Meraner, der verantwortliche Koordinator und Direktor des Pädagogischen Instituts, entwickelt im Interview mit „forum schule heute“ Zukunftspläne und reagiert auf erste Kritik.

 

 

f : Welchen Zweck verfolgt ein Bildungsleitbild?

 

Rudolf Meraner: Ein Leitbild soll in erster Linie Orientierung bieten. Es gibt die Richtung an und bietet Leitlinien für die unmittelbare Zukunft. Ein Leitbild sollte auch nicht spektakulär oder revolutionär sein. Denn zum einen würde das ja die bisherige Entwicklung in ein negatives Licht rücken, zum anderen kann die Schule keine Revolution gebrauchen. Viel wichtiger ist, auf dem Bestehenden aufzubauen und das weiterzuentwickeln.

 

f : Kann das neue Südtiroler Leitbild diese Ansprüche erfüllen?

 

Meraner: Ich denke schon! Es bietet viele interessante Ansatzpunkte für die nächsten fünf Jahre. So sind etwa die n Lernkultur und die Individualisierung sehr gut und zukunftsweisend dargestellt. Ich sehe hier eine große Übereinstimmung zum Berufsbild, das die Lehrerverbände ausgearbeitet haben.

 

f : Wie hoch sind die Erwartungen an das Leitbild in der Südtiroler Bildungslandschaft gesteckt?

 

Meraner: Hier gibt es sehr große Unterschiede. Für die Bildungswelt ist besonders der Gedanke wichtig, den laufenden Entwicklungen nachzugehen. Bestimmte Gesellschaftsschichten aber erwarten sich größere Neuerungen im Bildungsbereich. Das wurde im gesamten Leitbildprozess immer wieder deutlich. Vor allem was den Sprachunterricht betrifft, sind die Erwartungen teils sehr hoch gesteckt, etwa in Richtung einer mehrsprachigen Schule.

 

f : Sie haben einen Zeitraum von etwa fünf Jahren genannt. Sind die im Leitbild formulierten Ziele in diesem Zeitraum umsetzbar?

 

Meraner: Noch sind keine sehr konkreten Maßnahmen genannt, dies ist im Leitbild auch noch nicht vorrangig. Das Wichtigste ist, dass es eine Orientierung, Richtung gibt. Manches wird nach fünf Jahren umgesetzt sein, an anderen Dingen wird man weiterarbeiten müssen.

 

f : Es gab in diesem Zusammenhang Kritik an zu allgemeinen und platten Formulierungen, zu wenig konkreten Aussagen. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

 

Meraner: Ich denke, ein Leitbild darf gar nicht zu sehr ins Detail gehen, das ist nicht seine Aufgabe. Wenn man genau hinblickt, gibt es sehr wohl richtungsweisende Aussagen von großer Tragweite.

 

f : Verschiedentlich wurde angemerkt, dass die Lehrer/innen selbst relativ schwach in der Entwicklung des Leitbildes eingebunden waren.

 

Meraner: Die Entwicklung war sehr breit angelegt, es sollten alle Südtiroler Gesellschaftsschichten vertreten sein. Die Möglichkeit ist für alle geschaffen worden und jeder konnte teilnehmen. Tatsächlich waren jene, die sich in Südtirol mit der Bildung auseinandersetzen, auch die Lehrer und Lehrerinnen und die pädagogischen Fachkräfte im Kindergarten, sehr stark vertreten, sowohl in den Arbeitsgruppen als auch im Open-Space-Kongress.

 

f : Wie erklären Sie sich das äußerst geringe Interesse an den Diskussionsforen auf der Homepage?

 

Meraner: Das Internet ist wohl das falsche Medium, um sich mit einem so komplexen Thema tiefgreifend auseinanderzusetzen. Die Beteiligten bevorzugten den direkten Austausch. Dazu kommt aber auch eine gewisse Scheu vor diesem elektronischen Medium.

 

f : Hat sich der Landesschulrat schon zum Leitbild geäußert?

 

Meraner: Nein. Er ist dazu aber auch nicht aufgefordert worden. Allerdings waren Vertreter des Landesschulrates bei der Entwicklung des Leitbildes beteiligt.

 

f : Zu inhaltlichen Fragen: Die Berufsmatura hat im Leitbild großen Stellenwert. Wird sie kommen?

 

Meraner: Tatsächlich wurde auf die Gleichwertigkeit der Berufsbildung und der staatlichen Schulen bzw. der Praxis und der Theorie geachtet. Die Berufsmatura wird kommen, im so genannten Bildungsomnibus ist sie bereits enthalten.

 

f : Das Leitbild ist sehr offen formuliert in Bezug auf neue Wege im Sprachunterricht, Stichwort Immersion. Ist das in der gegenwärtigen Situation in Südtirol machbar?

 

Meraner:Das ist eine Frage der Auseinandersetzung in der Politik. Landesrat Saurer nimmt diesen Punkt sehr ernst und bemüht sich um Lösungen. Ich denke, in der derzeitigen Schule wird zu wenig Rücksicht genommen auf die Realität etwa mit Kindern aus gemischtsprachigen Familien. Da müssen neue Wege beschritten werden. Allerdings wird das kaum die Immersion sein. Wir müssen überlegen, welche Modelle sinnvoll und zugleich umsetzbar sind.

f : Wie geht es nun konkret mit dem Leitbild weiter? Sind konkrete Schritte geplant?

Meraner: Die Projektgruppe, die sich schon seit einem Jahr mit dieser Aufgabe beschäftigt, arbeitet nahtlos weiter. Alle beteiligten Institutionen sind nun aufgefordert, das Ergebnis für sich zu analysieren, Schwerpunkte zu setzen und Maßnahmen zu erarbeiten. Dies geschieht noch innerhalb April 2008. Danach muss man die geeigneten Maßnahmen auswählen, absprechen und koordinieren, um sie in nächster Zukunft in die Praxis umzusetzen. Dazu sollen Arbeitsgruppen entstehen, die die Zusammenarbeit koordinieren, denn eine einzelne Institution wird diese Aufgaben nicht allein erledigen können.

Wir denken auch daran, zu einem späteren Zeitpunkt wiederum eine Open-Space-Konferenz zu gestalten, die möglichst breit angelegt sein soll. Insgesamt ist es schwierig, mit den Ergebnissen dieses Umsetzungsprozesses Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Dennoch soll die Öffentlichkeit sehr wohl über die geplanten Maßnahmen informiert werden.

 

f : Im Vorfeld hatte man das Gefühl, dass mit großer Verve an der Sache gearbeitet wurde, auch die finanziellen Ressourcen schienen großzügig. Bleibt das auch in Zukunft so, nachdem Landesrat Saurer ja im Herbst aus der Politik ausscheiden wird?

Meraner: Landesrat Saurer will auf jeden Fall so viel vom Leitbild als möglich umsetzen. Er macht Druck, dass der Prozess vorangeht, auch die Institutionen sind dran interessiert.

 

f : Danke für das Gespräch!

Die Fragen stellte Johannes Kofler.