Eine politische, pädagogische, soziologische Diskussion
In einem Interview reflektiert der Rektor der Universität Innsbruck, Karlheinz Töchterle, über die historischen Zusammenhänge, das Konfliktpotential und die positive Kraft von Wert- und Bildungsdiskussionen.
f : Warum wird in letzter Zeit so oft über Werte und Wurzeln gesprochen? Warum erregen Formulierungen wie „christliche Wurzeln“ so viel Diskussion?
Ich würde behaupten, dass man immer über Wurzeln gesprochen hat; es gab natürlich Zeiten, wie in der 68er Bewegung, wo man die historische Bindung etwas weniger wichtig genommen hat, aber grundsätzlich nimmt man sie immer wichtig. Es ist jedem klar, dass diese Bindung etwas Bedeutsames ist. Dass man „die christliche“ Verwurzelung politisiert, dafür ist der nächstliegende Grund sicher der Gegensatz mit dem Islam, der durch die Immigration ständig zunimmt; und man entwickelt das Problembewusstsein, dass man mit der christlichen Ansichtsweise und Religion allein nicht mehr alles abdeckt, was an Bevölkerung da ist. Insofern hat diese Diskussion eine eminent politische Dimension, die noch sehr verschärft wird durch fundamentalistische Strömungen im Islam - die gibt es im Christentum auch, aber sie sind nicht so sichtbar und nicht so extrem. Auf der anderen Seite kann man diese Formulierung auch rechtfertigen, denn sie trägt einfach einer Tatsache Rechnung, denn wir sind selbstverständlich christlich verwurzelt, alle, das beginnt beim Jahresablauf, beim Brauchtum, bei so vielen Elementen in unserem Alltag und unserer Kultur, dass es einfach eine Ignoranz wäre, von christlichen Wurzeln nicht reden zu dürfen.
f : Und was das Bildungssystem betrifft? Es gab in Zusammenhang mit dem Südtiroler Bildungsgesetz Stimmen, die betonten, das europäische Bildungssystem sei im Wesentlichen auch von der Antike und von der Aufklärung geprägt.
Da muss man zwei Dinge sagen: Die Aufklärung war ja nicht eine völlige unchristliche Profanierung, sondern sie war eine politische Bewegung, die den Primat das Staates über den Primat des Christentums gesetzt hat, wobei sie das Christentum ja nicht völlig eliminieren wollte und konnte. Es wurde auch im Bildungssystem der Primat der christlichen Dominanz entfernt. Die Antike als zweite Quelle ist ja auch viel weniger unchristlich, als es z. B. durch den Neuhumanismus dargestellt wurde. Der Neuhumanismus tat so, als ob das Christentum die reine Antike entstellt hätte, was ja nicht stimmt, sondern das Christentum hat sich, um überhaupt eine christliche Kultur werden zu können, extrem stark der Antike bedient, Paradebeispiel ist Augustinus. Das Christentum hat die Antike durch- und überformt und ohne die Antike hätte die christliche Kultur sich nicht durchsetzen können. Man sieht das z.B. in der Philosophie, die größtenteils eine platonische ist, nur durch die Verbindung mit der hellenistischen, platonischen (und z. T. stoischen) Philosophie konnte eine tragfähige christliche entstehen. Dies zeigen aber auch sehr alltägliche Beispiele wie z. B. die Festkultur, die Planetenwoche: Überall ist die christliche Kultur eine Fortführung, eine Uminterpretation der antiken Kultur. Da sehe ich keinen Gegensatz. Und auch in diesem Sinne hat unsere Bildung selbstverständlich christliche Wurzeln.
Brisant und heikel wird es, wenn man das im Zusammenhang mit der multireligiösen Kultur sieht. Denn dann schließe ich durch eine solche Formulierung eine Gruppe von Menschen aus, die mit diesen Wurzeln nichts zu tun haben.
f : Aber beruhen die heftigen Reaktionen nicht auf einer Verwechslung von „Wurzeln“ und „Werten“?
Ja, man vermengt zwei Dinge; aber das ist kein Wunder, dass man sie vermengt, es ist verständlich: weil es schwierig und vor allem sehr akademisch ist, sie zu entflechten. Wenn jemand von christlichen Wurzeln spricht, impliziert er, dass wir damit noch verbunden sind. Ich würde so sagen: Natürlich steht unsere Kultur auf christlichen Wurzeln, das heißt aber nicht, dass heute alles nur aus diesen Wurzeln verstanden und abgeleitet werden muss, es gibt eben auch nicht christliche Elemente in unserer Kultur, das muss Platz haben. Und das entspricht natürlich, wenn man so denkt, dem aufgeklärten Staat, der sich programmatisch von jeglicher Dominanz der Religion löst. Das ist es ja, was man Laizismus nennt.
f : Gibt es einen Wertekanon, welchen Platz hat dieser in der Bildung der Gegenwart?
Grundsätzlich glaube ich, dass man ohne Werte nicht sein kann, eine menschliche Gesellschaft und ein menschliches Individuum brauchen für sämtliche Entscheidungen, die sie treffen, ein Wertesystem. Politische und Bildungsentscheidungen sind also eben auch von einem Wertesystem abhängig, das bei Bildungsentscheidungen heute ein Kanon sein kann, d.h. man orientiert sich an bestimmten – früher hätte man gesagt „großen“ Texten und Werken, weil die abendländische Kultur eine Textkultur war, was übrigens auch antik und christlich gleichzeitig ist, weil die großen Bücher des Abendlandes Homer, Vergil und die Bibel sind, also ein literarischer Kanon. Da wir aber nun teilweise immer stärker entliterarisiert werden, muss man den Kanon weiter fassen, aber natürlich gibt es in der Bildung auch einen Kanon; da gehört inzwischen z.B. auch EDV dazu, oder gesellschaftliche Verwertbarkeit, wirtschaftliche Nützlichkeit, was der Wertekanon eine Zeit lang nicht umfasste. Der Humboldtsche Kanon war demonstrativ zweckfrei. Heute wird er zweckhaft formuliert, aber das sind eben auch Werte; man muss sich in der Bildung entscheiden für oder gegen bestimmte Werte, für oder gegen Qualifikationen, für oder gegen Fertigkeiten, für oder gegen Wissen, und immer ist die Basis eine Wertorientierung. Man kann sie unterschiedlich formulieren, unterschiedlich setzen, konservativ oder progressiv, aber immer ist es eine Wertentscheidung.
f : Wo Bildung und ihre Werte im Gesetz verankert werden, hofft man da auf Nachhaltigkeit, geschieht das aus einem besondern Bedarf?
Ich beurteile es positiv. Gesetz heißt, dass der Souverän und ein vom Volk gewähltes Gremium festlegt, was sein soll.
Weil Bildung auf jeden Fall eine gesellschaftliche Aufgabe ist und gesellschaftliche Relevanz hat und meines Erachtens auf keinen Fall privatisiert werden soll, hat Gesellschaft auch die Pflicht, sie zu regeln, insofern finde ich es stimmig, wenn es Bildungsgesetze gibt; wie weit sie gehen, ob sie bis in die Inhalte hineinreichen, wie sie aussehen, das ist dann eine politische, eine pädagogische, eine soziologische Diskussion.
f : Kann eine heftige öffentliche Diskussion in der Gesellschaft das Bewusstsein nachhaltig beeinflussen?
Ich finde es sehr gut, wenn darüber gestritten wird, viel besser, als wenn man das Thema nicht spielt. Es ist ja so, dass der Mensch harmoniebedürftig ist und Streit ihn stört: Nun ist aber jede pluralistische Gesellschaft zum Streit einfach verurteilt, sie kann gar nicht anders als streiten, und sobald sie nicht mehr streitet, ist sie nicht mehr pluralistisch. Pluralismus und Demokratie heißt ja, dass es ständig einen Ausgleich zwischen Interessensgegensätzen geben muss. Jedes Individuum und jede Gruppe versucht, möglichst viel aus der Gesellschaft herauszuholen; dafür muss es Mechanismen geben und in der Demokratie sind diese eben die Debatte und der Streit. Dem zuwider läuft das Bedürfnis des Menschen nach klaren Regelungen und nach dem Kaiser und Vater, der weiß, was das Beste ist. Das ist die andere Seite, die in jedem von uns ist. Und das macht es anstrengend und mühselig, Demokratie zu leben. Aber das bleibt uns, wenn wir Pluralismus wollen, nicht erspart. Und es ist also gut, wenn man sich kräftig über Bildung streitet und natürlich sich irgendwann einmal findet und trifft.
Karlheinz Töchterle:
"Es
ist gut, wenn man sich kräftig über Bildung streitet"
f : Danke für das Gespräch.
Das Interview führte Anna Christoph.