Sprach(gruppen)übergreifend - Das Europäische Sprachenportfolio in Südtirol

 

Ja, es gibt es, das über die Sprachgruppen hinweg Umfassende, Verbindende und gemeinsam Geschaffene: das Südtiroler Europäische Sprachenportfolio , das für alle drei Schulsysteme im Land gilt. Eine Leserrückmeldung hat uns auf die Lücke in unserem letzten Heft hingewiesen, diese sei nun gefüllt.

von Ledi Turra Rebuzzi

 

Knapp ein Jahr nach dem vom Europarat vorgestellten „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen“ und in Anlehnung daran schlugen die Schulämter und die Direktoren der drei Pädagogischen Institute vor, ein gemeinsames sprachenübergreifendes Sprachenportfolio zu entwickeln, das den Gegebenheiten der jeweiligen Schulsituation und den besonderen Bedürfnissen der drei Sprachgruppen im Land Rechnung trage. Eine Arbeitsgruppe mit Vertreter/innen aller Sprachgruppen hat unter der wissenschaftlichen Beratung von Eike Thürmann und mit Hilfe engagierter Lehrer/innen, die die praktische Umsetzbarkeit im Unterricht testeten, das Europäische Sprachenportfolio für Südtirols Schulen ausgearbeitet. Inzwischen gibt es europaweit mehr als 80 Sprachenportfolios. Das Südtiroler Modell für die Grundschule wurde vom Europarat als 65. Dokument im Jahr 2004 validiert, das der Mittelschule als 69. im Jahr 2005. Anschließend wurde es der Öffentlichkeit im Rahmen einer Internationalen Tagung in Meran vorgestellt und mit dem Schuljahr 2005-06 den Schulen zur Verfügung gestellt.

 

Für Sprachenvielfalt sensibilisieren

Unter Berücksichtigung der Entwicklungsstufen der Schüler/innen wurden drei ESP-Modelle entwickelt, die den Altersstufen von 9 bis 11 Jahren (4. – 5. Klasse der Grundschule), von 11 bis 14 Jahren (Mittelschule) und von 14 bis 19 Jahren (Oberschule) Rechnung tragen.

„Augen und Ohren“ der Schüler/innen sollten für die Wahrnehmung von Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten in den sie umgebenden Sprachen geöffnet, das Nachdenken über den eigenen Spracherwerbsprozess und über Eigenheiten der Sprachen solle gefördert werden, so die Landesräte im Vorwort.

Somit ist das Europäische Sprachenportfolio Lernbegleiter und Informationsinstrument zugleich. Es soll für das Sprachenlernen motivieren und beim Sprachenlernen helfen und informiert anschaulich, transparent und international vergleichbar über Sprachenkenntnisse und interkulturelle Erfahrungen. Insofern revolutioniert das Sprachenportfolio das althergebrachte Muster von Sprachunterricht, bindet es doch die Lernenden in die Verantwortung für das Gelingen des Lernprozesses ein und begleitet den Lernprozess in lebenslanger Perspektive.

 

Funktion und Struktur

Den Lernfortschritten und dem Selbstbewusstsein der Lerner/innen entsprechend verlagert sich die Funktion des Portfolio von einer vorwiegend pädagogischen Aufgabe hin zu einer immer mehr dokumentarischen, die eigenverantwortliches Lernen fördert. Die strukturierte Sammlung dokumentiert schulische und außerschulische Erfahrungen im Prozess des Sprachenerwerbs und fördert das Sprachenlernen, zumal die Lernenden ihre Sprachkenntnisse und ihre Sprachfertigkeiten selbst einschätzen, beschreiben, belegen und somit sichtbar machen können.

Der dreiteilige Aufbau unterstützt das bewusste Sprachenlernen: Die Sprachenbiografie dokumentiert die Geschichte des eigenen Sprachenlernens, gibt Auskunft über die persönlichen Lernziele, informiert über sprachliche und kulturelle Erfahrungen und enthält Checklisten zur Selbsteinschätzung. Der Sprachenpass belegt den aktuellen Stand der Sprachkenntnisse mit entsprechenden Zertifikaten. Und in der Schatzkiste, dem Dossier, sammeln sich persönliche Arbeiten, die anschaulich die eigenen sprachlichen Leistungen sowie den Stand der Sprachkompetenz dokumentieren.

 

Prinzipien und Visionen

Das Sprachenportfolio entspricht den Forderungen der Neuen Lernkultur. In offenen Lehr- und Lernformen ermöglicht es die Individualisierung des Lernens, situations- und handlungsorientiertes Arbeiten sowie kooperatives Lernen. Als besonders wertvoll schätze ich die Grundhaltung ein, alle Fähigkeiten, alles Wissen positiv zu würdigen. Dies bewirkt eine neue Bewertungskultur, die sich in ihrer positiven Erwartungshaltung hoffentlich auch auf andere Lernbereiche niederschlägt.

Da die Lernziele realistisch und transparent formuliert sind, wird Lernen sinnvoll und macht Freude. Und die Lernenden können ihre Sprachkompetenzen mit Hilfe eines europaweit anerkannten Instruments dokumentieren; dadurch werden Leistungen vergleichbar. Die einzelnen Kompetenzstufen entsprechen jenen, die im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen vorgegeben sind: angepeilt werden in der Grundschule das Niveau A2, in der Mittelschule das Niveau B1 und in der Oberschule der Standard von B2.

Mit der Befähigung zu immer autonomerem und eigenverantwortlichem Sprachenerwerb wird interkulturelles Denken und Handeln gefördert, und die Bereitschaft, mit verschiedenen Kontexten umzugehen und sich unterschiedlichen Kulturen zu öffnen, wächst. Sprachen sind das Medium, mit Menschen und Kulturen in Kontakt zu treten. Das Weißbuch des Europarates fordert von den Bürgerinnen und Bürgern Europas die Kenntnis von mindestens drei Sprachen. Südtirols Schüler/innen erweitern ihren Horizont und werden Europäer/innen.

 

Nachdenken über eigene Sprachkenntnisse

Erfahrungen

Eine genaue Auskunft darüber, wie viele Schüler/innen konkret mit dem Sprachenportfolio arbeiten, war nicht überall zu erhalten. Die Initiatoren an den Pädagogischen Instituten und an den Schulämtern wollten die autonomen Schulen nicht unter Druck setzen, hieß es; der Einsatz beruhe, nach Vorgaben des Europarates, auf Freiwilligkeit. Die anteilmäßig größere Anzahl dürfte in den ladinischen Schulen zu finden sein, wo alle Schüler/innen das Sprachenportfolio erhalten haben. In den deutschen Schulen arbeiten laut Auskunft von Inspektor Rita Gelmi bisher 3541 Schüler/innen mit dem Sprachenportfolio. Allein von Brixen seien seit 2006 an die Lehrkräfte der GS 137 und an die Lehrkräfte der MS 249 Sprachenportfolios verteilt worden, berichtet die Koordinatorin Elisabeth Flöss. An den italienischen Schulen hätten ca. 200 Schüler/innen der Grundschule und ca. 300 Schüler/innen der Mittelschule das ESP erhalten .

Nur Lehrpersonen, die den entsprechenden Einführungskurs absolviert haben, können damit arbeiten und bekommen das ESP für ihre Schüler/innen. Deshalb gibt es auch bereits seit Jahren kontinuierlich Fortbildungsangebote im Bereich der Gemeinsamen Sprachdidaktik (s. Landesplan der Fortbildung Nr. 25.01, S. 103 ff).

Laut Rückmeldungen sind die meisten Schüler/innen, denen das Sprachenportfolio ja gehört, sehr begeistert und arbeiten mit Freude an ihrem eigenverantwortlichen Lernen, ist es doch immer aufbauend und motivierend, wenn man sich eines Lernfortschrittes bewusst wird.

Die Eltern müssen in die neue Sprachenlernphilosophie eingeführt werden; grundsätzlich aber schätzen sie, dass ihre Kinder mit Freude lernen.

Als schwankend lässt sich die Reaktion der Lehrer/innen bezeichnen: sie reicht von großer Einsatzbereitschaft bis zu abwartender Skepsis. Immerhin bedeutet der Einsatz des Sprachenportfolios Mehrarbeit, verlangt ein Überdenken der eigenen Lehrerrolle und ein Überprüfen des eigenen Unterrichts. Es erzwingt nach jeder Einheit ein Innehalten, damit der/die Lernende selbst die erworbenen Fertigkeiten überprüfen kann. Die Lehrkraft muss zum Lernbegleiter werden, Lernanlässe bieten und dann zur Reflexion über das eigene Können führen. Aber die Aussicht, die Früchte der Arbeit nachweislich zu sehen, ist gewiss reizvoll. Für die Lehrer/innen ist on-line eine Handreichung unter www.esp-pel.it/310.html verfügbar.