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Oft wird die Frage gestellt, ob der Religionsunterricht noch zeitgemäß ist, ob nicht vielmehr Ethikunterricht notwendig sei. Der Inspektor für Religionsunterricht Christian Alber, nimmt Stellung zu Fragen der Ethik, der Bedeutung des Christlichen und neuen Aufgaben des Religionsunterrichtes.

f : In der letzten Zeit war oft die Rede von den christlichen Wurzeln Europas. Gilt das auch für die Schule?

Christian Alber: Gerade in Südtirol hat diese Diskussion stark mit dem Bildungsgesetz begonnen, wo der Hinweis auf die europäischen Wurzeln festgeschrieben wird. Ich glaube, dass die christlichen Wurzeln in unserer Schule nach wie vor eine zentrale Rolle spielen. Viele Bereiche hängen ganz wesentlich mit dem Christentum zusammen, denken wir nur etwa an die ganzen Feste, an den Kalender, an die Bräuche, die Bauwerke, die Musik. Diese Phänomene sind kaum erklärbar und deutbar ohne Bezug zum Christentum. Das gilt auch für eine säkularisierte Gesellschaft.  

 

f : Der Historiker Hans Heiss meinte dazu einmal, es sei vielmehr die Tradition der Aufklärung mit ihrer Rationalität und Säkularität, die die Schule geprägt habe. Wie stehen Sie dazu?

Alber: Auch die Aufklärung ist ein sehr bedeutsamer Bereich für die Entwicklung der Schule und der Gesellschaft allgemein. Aber die christliche Basis unseres Bildungswesens ist mindestens gleich bedeutend. Darüber hinaus gibt es aber noch andere Bereiche, die Einfluss übten, etwa die Klassik oder das römische Recht.  

f : Die klassisch-humanistische Bildungstradition formuliert das positive Prinzip, dass der Mensch durch die Anschauung des Guten und Schönen zu besserem, zu ethischem Handeln gelange. Ist Werteunterricht, Religionsunterricht auch in diesem Sinne zu verstehen?

Alber: Das ist sehr treffend formuliert. Der Religionsunterricht hat in den letzten Jahren einen sehr starken Wandel erlebt. Früher standen stark das Vermitteln von Wissen und der „ewigen Wahrheit“ im Vordergrund. Heute zielt der Unterricht vor allem darauf ab, zwar mit religiösen Inhalten und Traditionen vertraut zu machen, aber immer den Bezug zur Lebenswirklichkeit herzustellen. Die eigene Wirklichkeit wird in Bezug zu christlichen Inhalten reflektiert. In der Literatur und auch in der Diskussion in den Medien wird immer wieder betont, dass die Werteerziehung ein wesentlicher Faktor in der schulischen Ausbildung sein sollte, denn ohne sie ist gar keine Erziehung möglich.  

 

f : Stichwort „religiöses Wissen“: In zahlreichen Fächern ist die religiöse Sachkenntnis fundamental, etwa in der Kunst oder in der Musik. Auch in der Literatur wird immer wieder Bezug auf die Bibel genommen. Ohne die Kenntnis der Bibel sind manche Texte gar nicht richtig zu verstehen und zu interpretieren. Nun entsteht der Eindruck, dass dieses Wissen immer stärker schwindet. Macht der Religionsunterricht hier Fehler?

Alber: Natürlich muss auch heute noch religiöses Grundwissen Inhalt und Ziel des Religionsunterrichtes sein. Allerdings wurde es in den letzten Jahren immer schwieriger, solches Wissen zu vermitteln. Viele Kinder und Jugendliche verbinden keine Praxis damit und so bleibt es oft ein rein theoretisches Wissen, so wie es in vielen anderen Fächern vermittelt wird. Damit wird auch vieles vergessen. Es mangelt also eher an der persönlichen religiösen Praxis als am Religionsunterricht.

 

f : Andererseits stellt man sich oft die Frage, ob in unserer säkularen Welt die Schule überhaupt noch religiöses Wissen vermittelt werden kann/darf. Ist das nicht Aufgabe der Familie bzw. der Kirche?

Alber: Die Schule muss religiöse Kenntnisse vermitteln, das ist eine ganz zentrale Aufgabe des Religionsunterrichtes. Sie haben auf die religiöse Praxis abgezielt. Die muss natürlich in der Familie, in der Pfarrgemeinde passieren. Der Religionsunterricht ist der falsche Ort dafür. Deshalb wurde in den letzten Jahren die gesamte Sakramentenkatechese aus dem Lehrplan gestrichen und in die Hände der Pfarrgemeinde gelegt. In der Schule geht es darum, einmal den Kindern und Jugendlichen ein religiöses Grundwissen zu vermitteln, zum anderen sie mit religiösen Inhalten zu konfrontieren und sie dazu zu bewegen, diese kritisch zu überprüfen und die Gültigkeit und Bedeutung in Hinblick auf das eigene Leben zu hinterfragen.

 

f : Immer mehr Schüler/innen lassen sich vom Religionsunterricht befreien, weil sie nicht der katholischen Religion angehören. Sollte man nicht religionsfreien Werteunterricht anbieten, damit alle Schüler/innen gemeinsam diese Stunde in diese Richtung nutzen können?

Alber: Zunächst möchte ich nicht so sehr von einer „Abmeldung“ oder „Befreiung“ sprechen, sondern mit den Durchführungsbestimmungen des Autonomiestatutes von „Verzicht“ auf den Religionsunterricht. Da steckt eine andere Konnotation dahinter. Ein Verzicht ist ein aktiver Akt, eine Befreiung ist etwas, worauf ich Anspruch habe. In Südtirol verzichten etwa 2% aller Schüler/innen auf den Religionsunterricht. Das ist eine sehr geringe Zahl. Zum reinen Ethikunterricht möchte ich sagen, dass es grundsätzlich sehr wichtig ist, dass eine Lehrperson eine Position einnimmt, einen Standpunkt vertritt, von dem aus sie bestimmte Verhaltensweisen bewertet und hinterfragt. Aus diesem Grund glaube ich, dass sich Lehrpersonen nicht leichter tun würden, wenn allgemeiner Ethikunterricht angeboten würde. Denn dort ist der Standpunkt eigentlich noch nicht geklärt, während dies beim Religionsunterricht sehr wohl der Fall ist.

 

f : Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Anteil der muslimischen Schüler/innen zunimmt, v.a. in den Städten. Können Sie sich einen islamischen Religionsunterricht vorstellen?

Alber: Ja, prinzipiell schon. Das hängt wesentlich von der Anzahl der betroffenen Schüler/innen ab. In Österreich etwa ist dies genauso wie der evangelische und orthodoxe Religionsunterricht lange schon Realität. Zurzeit stellt sich diese Frage in Südtirol aber nicht, denn die Zahl islamischer Schüler/innen ist noch relativ klein.

 

f : Zuvor war die Rede von Standpunkten: Auf welchem Standpunkt sollte sich ein Religionslehrer befinden?

Alber: Die Lehrperson sollte sich mit sich selbst auseinandergesetzt haben, mit den eigenen Einstellungen und Haltungen, mit der eigenen Persönlichkeit.

f : Gibt es bestimmte Grundwerte, auf deren Vermittlung der Unterricht einerseits nicht verzichten kann, die andererseits eine Lehrperson vertreten muss, um Religion unterrichten zu können?

Alber: Mit Grundwerten verbinde ich allgemeine Menschenrechte, Demokratie, Toleranz, Freiheit, Respekt vor dem anderen. Die hat aber nicht nur der Religionslehrer zu vermitteln und zu leben, diese Aufgabe betrifft jede Lehrperson.

f : Könnte ein Religionslehrer/eine Religionslehrerin nicht einfach auch eine Ansprechperson für Schüler/innen mit Problemen sein, eine Person, die ethische Orientierung bietet?

Alber: Das ist an sehr vielen Schulen bereits Realität, etwa im so genannten „ZIB“, Zentrum für Information und Beratung, v.a. in den Oberschulen. Dort arbeiten sehr viele Religionslehrer/innen mit. Dazu gibt es auch zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen. Abseits vom Notendruck können hier Vertrauenslehrpersonen Hilfe anbieten, auch bei persönlichen Problemen.

f : Im Jugendalter gibt es häufig Probleme und Fragen im Bereich Sexualität. Welche Rolle sollte der Religionsunterricht in der Sexualerziehung spielen?

Alber: Ein sehr wichtige! Es braucht zwar einerseits die naturwissenschaftlichen Informationen zur Sexualität, aber der Religionsunterricht kann zu einer ganzheitlichen Sicht des Themas wesentlich beitragen, denn Sexualität ist mehr als nur Naturwissenschaft.

Die Fragen stellte Johannes Kofler