Uni Brixen

Erwartungen der Brixnerinnen und Brixner – eine kritische Stellungnahme

 

Im März 2004 wurde in Brixen der Neubau der Universität Bozen feierlich eröffnet. Brixen setzte große Hoffnungen in die neue akademische Ausbildungsstätte. Es erwartete den Aufstieg zu einem pulsierenden Bildungszentrum und belebende Impulse für die örtliche Wirtschaft. Solche Hoffnungen haben sich bisher weder zur Gänze erfüllt noch wurden sie völlig enttäuscht.

von Hans Heiss

 

Mit knapp 2000 Studierenden erreicht die Bildungswissenschaftliche Fakultät bislang erst das Format einer übergroßen Oberschule. Die Präsenz der Universität ist auch deshalb wenig spürbar, weil viele Studierende nur einpendeln und das Stadtleben kaum prägen. Der von den Stuttgarter Architekten Kohlmayer und Oberst entworfene Neubau nahe am Stadtzentrum erhielt alsbald die wenig schmeichelhafte Bezeichnung „Obststeige“, da sich ihr quadratisches Karree mit den Fensterschlitzen fremdartig ausnimmt. Der Spitzname bezieht sich aber auch auf die Abgeschlossenheit des Baukörpers und seine schwache Beziehung zur Stadt.

 

Dynamisierung tut not

Die bisherige Bilanz und die Rückwirkungen auf die örtliche Schullandschaft fallen durchwachsen aus. Aus den Studiengängen in den Bildungswissenschaften geht bisher eine Riege akademischer Abgänger/innen hervor, die ein dichtes Angebot durchlaufen haben. Allerdings verlassen die Absolventinnen die drei- bis vierjährigen Kurse der Universität vielfach stark verschult, ohne tiefere wissenschaftliche Prägung und wenig autonom.

Der kleine Professorenstab ist z. T. zwar kompetent und motiviert, wie Siegfried Baur, Franz Comploj oder Walter Lorenz in den sozialen und pädagogischen Studiengängen, besteht aber auch aus einigen Senioren, die Brixen als komfortablen Alterssitz entdeckt haben. Die vorerst geringe Zahl fest angestellter Professoren, die Vielzahl an teuer bezahlten, ständig wechselnden Lehrbeauftragten sorgt für wenig didaktische Kontinuität. Es bleibt ein dringendes Anliegen, einen jüngeren, ortsfesten Dozenten- und Professorenkreis um die Vierzig aufzubauen, der durch Engagement, Visionen und Einbeziehung des Umfeldes überzeugt.

 

Verankerung vor Ort

Die Zusammenarbeit mit den örtlichen Schulen und Kindergärten, die viel versprechend sein könnte, wird bislang nur zum Teil wahrgenommen. Die Aufnahme von Praktikantinnen der Universität an den Kindergärten, den Grund- und Oberschulen verläuft stockend. Das Interesse der Lehrbeauftragten, sich auf die örtliche Bildungslandschaft einzulassen, sich mit ihr auseinandersetzen und in Kooperation konkrete Schulversuche zu wagen, ist begrenzt. Ein Manko vieler auswärtiger Lehrender ist es auch, dass sie das Schulsystem Italiens und seine gesetzlichen Rahmenbedingungen nur am Rande kennen.

Dass die Universität wichtige Kongresse und Tagungen nach Brixen geholt hat, ist ein gutes Signal. Solche Initiativen bedeuten Öffnung hin zum Binnenraum der Stadt und ein Fenster der Kommunikation ins Ausland. Ein großer Vorzug der Universität am Standort Brixen ist die Bibliothek, deren Angebot und Service keine Wünsche offen lässt.

Außensicht und Innenleben der Brixner Uni     
Fotos: Leonhard Angerer

 

Festigungsbedarf

Ein vorläufiger Befund ergibt: Die Universität in Brixen steht vor dem Übergang aus der Startphase in die notwendige Festigung. Sie bedarf einer zielgerichteten personellen Aufstockung mit exzellenten Hochschullehrern, die sie aus ihrem Schwebezustand zwischen Ober- und Fachhochschule auf wirklich universitären Rang heben. Neben der Verschulung muss sie auch Bürokratie abbauen. Ihre Forschungen sollten das regionale Umfeld verstärkt einbeziehen, umgekehrt muss Brixen stärker an der Universität präsent sein. Die rigide Trennung der Ausbildung nach deutschen und italienischen Studierenden muss Durchlässigkeit gewinnen.

Die Universität setzt sich in ihrem Leitbild hehre Ziele: Mehrsprachigkeit, lebenslanges Lernen, eine Rolle als öffentlicher Meinungsbildner, hohes Niveau von Forschung und Lehre. Diese Wege wurden zwar zaghaft eingeschlagen, müssen aber mit großer Entschiedenheit verfolgt werden. Die kommenden Jahre sind entscheidend für ein gutes Wachstum auch für den Standort Brixen, das Herzstück der Freien Universität. Werden sie nicht gut genutzt, droht gefährlicher Stillstand.

 

 

 

 

 

Hans Heiss, Historiker und Dozent an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, derzeit Abgeordneter zum Südtiroler Landtag

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