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Kompetenz- und entwicklungsorientiert Die Ausbildung von Kindergärtnerinnen, Kindergärtnern, Lehrerinnen und Lehrern an der Universität
Im Oktober 2007 feierte die Freie Universität Bozen ihre Gründung vor 10 Jahren. Seitdem ist auch die Bildung und Ausbildung für die pädagogische Profession im Kindergarten und in der Grundschule in Südtirol universitär. Sie erfolgt an der Fakultät für Bildungswissenschaften in Brixen. von Werner Wiater
Auf die Besonderheiten einer universitären im Unterschied zu einer nichtuniversitären Ausbildung des pädagogischen Personals von Kindergärten und Grundschulen soll im Folgenden mit einigen Thesen eingegangen werden. 1. Pädagogische Praxis muss theoriegeleitet sein. Im Alltagsverständnis kommt die Theorie im Gegensatz zur Praxis schlecht weg. Was zählt, ist erfolgreiches Handeln – der Praktiker, der weiß, wie es geht, der über Handlungswissen verfügt, ist dem Theoretiker mit seinem Informationswissen offensichtlich überlegen. Wozu dann eine theoretische Ausbildung? Die Antwort ist schnell gegeben: Pädagogisches Handeln, ob im Schulunterricht oder bei der Kindergartenarbeit, ist ein Handeln, mit dem Einfluss auf andere Menschen genommen wird, und die Menschen, denen es gilt, sind in Kindergarten und Schule unmündig, können also nicht bzw. nur sehr begrenzt selbst bestimmen, was, wie und wozu etwas mit ihnen geschieht. Infolgedessen muss das pädagogisch-didaktische Tun und Lassen in Kindergarten und Schule nicht nur transparent gemacht, sondern auch erklärt und legitimiert werden. Dafür reicht es nicht, dass die Praktiker ihre Privatmeinung äußern oder auf ihre jahrelange Erfahrung verweisen. Beide Hinweise mögen in der konkreten, in Frage stehenden Situation durchaus zutreffende Erklärungen sein, sie behalten aber solange den Charakter von Privatmeinungen, individuellen Einschätzungen zufällig entstandenen Einstellungen einzelner Lehrerinnen/Lehrer oder Kindergärtnerinnen/ Kindergärtner, als sie nicht auf allgemein gültige Forschungsergebnisse und durch Forschung ermittelte Theorien bezogen werden können. Schulpädagogische Theorien sind ja nichts anderes als intersubjektiv gültige Aussagensysteme zu pädagogischen Institutionen, die auf Grund von Beobachtungen und quantitativ oder qualitativ durchgeführten Forschungen zum Feld pädagogisch-didaktischer Handlungen und Handlungsbedingungen formuliert wurden. Deshalb braucht jede singuläre Erfahrung eines Lehrers oder einer Kindergärtnerin, jede Einzelerkenntnis zum Lehren, Lernen und Erziehen von Kindern, die Konfrontation mit den vorliegenden Theorien, um mehr zu sein, als eine subjektive Meinung und um berechtigterweise Anspruch auf Richtigkeit und Geltung erheben zu können. Um die Einflussnahme auf Kinder rechtfertigen zu können, braucht es in der verwissenschaftlichten Gesellschaft von heute unabdingbar den Rückbezug auf Theorie und den Einbezug des konkreten, situativen und einmaligen pädagogisch-didaktischen Verhaltens in allgemeingültige, erforschte Zusammenhänge. Andernfalls kann das Handeln und Verhalten des pädagogischen Personals im Kindergarten und in der Grundschule nicht als professionell bezeichnet werden.
2. Pädagogisch-didaktische Ausbildung ist kompetenzorientiert zu konzipieren. Seit etwa 10 Jahren umschreibt man die berufspraktischen Anforderungen an Lehrerinnen/Lehrer und Kindergärtnerinnen/Kindergärtner mit dem Begriff „Kompetenz“. Unter Kompetenz wird verstanden: (1) erworbene bzw. vorhandene Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen, über die jemand für seine Berufsausübung verfügen soll; (2) die (trainierte) Transformation dieser Fähigkeiten in die konkreten Praxissituationen des Berufs; (3) die Zuständigkeit und Motivation zur Verantwortungsübernahme und zur Bewältigung der beruflichen Anforderungen. Für die im Studium zu erlernenden Kompetenzen werden Standards angegeben, die sich an den Bildungs- und Erziehungszielen der pädagogischen Institutionen einerseits und an den Schul- und Kindergartengesetzen andererseits orientieren. Die Kompetenzen, über die Lehrer/Kindergärtnerinnen bei ihrer Berufsausübung verfügen sollen, beziehen sich auf folgende Bereiche:
Der Kompetenzaufbau durch die Universität, durch die Fakultät für Bildungswissenschaften, hat zum Ziel, das Berufsfeld Kindergarten und Schule theoriegeleitet und durch forschendes Lernen kennen und bewältigen zu lernen. Dabei wird exemplarisch und erfahrungsorientiert vorgegangen. Die organisatorischen Möglichkeiten, die dafür genutzt werden, sind Vorlesungen, Laboratorien und Praktika. Während Vorlesungen den Studierenden helfen, sich in den für ihre Berufstätigkeit bedeutsamen Wissensfeldern die zum besseren Verstehen und zur Praxisbewältigung notwendigen Erkenntnisse und Kenntnisse anzueignen, dienen die Laboratorien dazu, in Kleingruppenarbeit von der Theorie die Brücke zur Praxis zu schlagen. Konkret und in der eigenen Person erfahrbar und erlebbar wird der Weg vom Wissen zum Können dann in den Praktika, die in jedem Studienjahr verpflichtend abzuleisten sind. Sie werden von den Universitätsdozenten vorbereitet, begleitet und nachbereitet. Auf diese Weise wird für die Studierenden der Kompetenzerwerb zu einem vier Jahre dauernden persönlichen Entwicklungsweg. Im Rahmen des Studiums kommt es zu einer ersten Routinisierung und Habitualisierung des pädagogisch-didaktischen Handelns im Kindergarten und in der Grundschule. Dabei werden nicht nur Erfahrungen mit der Planung und Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen und erzieherischen Interventionen und Präventionsmaßnahmen gemacht, sondern auch Praxiskenntnisse zur Struktur und Organisation der gesellschaftlichen Institutionen Kindergarten und Grundschule. Dazu ist es erforderlich, dass alle Studierenden in einem (zur Zeit) zwei Studienjahre dauernden gemeinsamen Studienteil grundlegende theoretisch-praktische Kenntnisse erwerben und in einem anschließenden (zur Zeit) zwei Jahre dauernden Studienabschnitt institutionenspezifisch ausgebildet werden.
3. Der Kompetenzerwerb endet nicht mit dem Universitätsstudium. Die an der Universität erworbenen Kompetenzen bedürfen der permanenten Vertiefung und Erweiterung. Die Lehrer/innenfortbildung, organisiert von unterschiedlichen Institutionen und an unterschiedlichen Lernorten (Pädagogisches Institut, Schulamt, Lehrerverbände, E-Learning-Angebote…), kann helfen und sichern, dass die erworbene fachwissenschaftliche, fachdidaktische, allgemeindidaktische, pädagogische, psychologische und persönliche Kompetenz angesichts von gesellschaftlichen Umbrüchen und Veränderungen im privaten Lebensstil der Familien auf dem jeweils erforderlichen, neuesten Stand gehalten werden kann. Die Fortbildung des pädagogischen Personals bekommt dadurch eine andere Grundlage, dass ihre Teilnehmer praktische Erfahrungen bei der Realisierung ihrer Bildungs- und Erziehungsaufgaben vor Ort mitbringen. Sie verfügen über ein Professionswissen, das durch keine Theorie aussagbar ist, weil es nämlich aus der konkreten und individuellen Praxissituation erwachsen ist. Es ist „Wissen in Aktion“ (statt „Wissen in Reflexion“), es ist ein stark persönliches, emotional grundgelegtes Wissen um das, was hier und jetzt, in der konkreten pädagogisch-didaktischen Situation zu tun ist, damit diese Situation für die Beteiligten verantwortlich und erfolgreich bewältigt werden kann. Dieses Praxiswissen gehört in der Form kollegialer Fallberatung z. B. mit schulinternen Lehrerteams versprachlicht und so mitteilbar gemacht. Andere Formen der nachuniversitären Fortbildung gelten dem Erhalt und der Aktualisierung des Erworbenen. Denn Kompetenzen können in der Schulpraxis auch verloren gehen. Dies ist oft der Fall, wenn Routinisierungen nicht mehr hinterfragt werden, wenn Frustrationserlebnisse pädagogisch-didaktische Gedanken überlagern oder auch wenn ein Rückfall in Verhaltensweisen erfolgt, die man in der eigenen Kindergarten- oder Grundschulzeit erlebt hat und mit denen die damals Agierenden sich durchsetzen konnten. Wo es um die Weiterentwicklung des Fachwissens geht, das für die sachgerechte Vermittlung von Informationen, Einstellungen und Verhaltensweisen an Kinder in der jeweiligen Zeit und Gesellschaft geht, kommt die universitäre Weiterbildung ins Gespräch. Was sie beiträgt, ist der neueste Diskussionsstand der Wissenschaft(en), dessen Themen- und Problemauswahl sich an den Belangen, Interessen und Bedarfslagen der Praxis zu orientieren hat. Hier ist eine enge Kooperation zwischen Universität, Praxis und Bildungspolitik vonnöten. 4. Forschung ist ein zentraler Aspekt des universitären Kompetenzerwerbs. Die Universität ist eine Forschungseinrichtung, bei der – seit W. v. Humboldt – zum einen die Forschung mit der Lehre und die Lehre mit der Forschung eng verknüpft ist und zum anderen die Lernenden in die Forschungsprojekte der Lehrenden eingebunden sind. Studieren ist deshalb auch forschendes Lernen. Ganz konkret wird das für die Studierenden durch die an der Fakultät für Bildungswissenschaften eingerichtete Lernwerkstatt. Sie ist ein Markenzeichen der Brixner Ausbildung. In der Lernwerkstatt wird theoretisch und praktisch zum offenen, handlungsorientierten Lernen von Kindern geforscht. Theorien zum Werkstattunterricht werden aus der Fachliteratur erarbeitet, Werkstätten werden konzipiert und erstellt, Kindergruppen und Schulklassen nutzen das Lernangebot der jährlich neu hergestellten Lernzirkel- und Stationentraining-Angebote an einem ganzen Vormittag und werden dabei durch Studierende systematisch beobachtet; für Lehrkräfte, die beim Stationenlernen Unterstützung möchten, gibt es eigene Fortbildungsveranstaltungen. Forschendes Lernen wird während des Studiums außerdem durch Vorlesungen und Laboratorien zu den wissenschaftlichen Forschungsmethoden grundgelegt und erprobt, ferner werden in einzelnen Lehrveranstaltungen kleinere Forschungsaufträge an die Studentinnen und Studenten vergeben. Einen Schwerpunkt hat das forschende Lernen in der Laureatsarbeit, die Studierende am Ende ihres Studiums unter wissenschaftlicher Begleitung eines Dozenten/einer Dozentin anzufertigen haben und deren Präsentation und Diskussion Teil ihres Abschlussexamens ist. Höhepunkt der Forschung, die Studierende leisten, ist das Doktoratsstudium, das drei Jahre dauert und an den Laureatsabschluss anschließen kann. Die Forschungsplanung der Universität folgt verschiedenen Interessen. Zum einen sind es die individuellen Forschungsschwerpunkte der Professorinnen und Professoren, die Gegenstand nationaler oder internationaler Forschungsprojekte sind. Daneben gibt es Forschungsthemen, die aus dem „Arbeitskreis Schule – Universität“ erwachsen und die für die Provinz wichtige empirische Untersuchungen betreffen. Schließlich haben Initiativen zur Bündelung und Konzentration der Forschung zwecks internationaler Profilierung der Fakultät für Bildungswissenschaften die Etablierung von Kompetenzzentren gefördert (z. B. für Bildungsforschung, für Soziale Innovation und Qualitätsförderung in den sozialen Professionen, für Musik- und Bewegungserziehung, für Ladinistik, für Inklusive Didaktik und technologische Innovation, für Lebenslanges Lernen in allen Lebensbereichen). In die breite Öffentlichkeit wirkt die Universität durch Vortragsveranstaltungen und Ringvorlesungen, bei denen renommierte Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse zur Kenntnis bringen.
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