Rasante Veränderungen

„Schulen verändern sich langsamer als Kirchen“, meinte ein amerikanischer Organisationsentwickler. Auf Italien, speziell auf Südtirol trifft dies nicht zu.

Die Integration von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Bedürfnissen, die Abschaffung der Sonderschulen in den 70er Jahren sowie die Reform der Grundschule in den späten 80er Jahren wiesen auf große Veränderungen hin. Anfang der 90er Jahre begann in Italien die Diskussion um die Autonomie der Schulen. Mit dem Projekt „Schule zum Land“ in der Mitte der 90er Jahre und dem im Schuljahr 2000/01 neu erarbeiteten Direktionsverteilungsplan wurden die Rahmenbedingungen für weitere Veränderungsprozesse geschaffen, z. B. die Umsetzung der Schulautonomie durch das Landesgesetz Nr. 12/2000 und die aktuelle Schulreform.

Der Paradigmenwechsel vom Lehren zu einem teils autonomen Lernen hat vieles in Bewegung gebracht. Als Begleiterinnen und Begleiter von Lernprozessen sehen sich Lehrende heute zusehends stärker mit der Aufgabe konfrontiert, Lernende an Selbstverantwortung heranzuführen. Seien es nun Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, es gilt in jedem Fall, sie so zu fördern und zu fordern, dass sie ihr Lernen so weit als möglich selbst in die Hand nehmen, vereinbarte Regeln respektieren, je nach Bedarf und Situation sowohl eigenständig als auch mit anderen zusammen arbeiten und – in der Schule wie im Leben – mit Freiräumen und (Eigen-)Verantwortung angemessen umzugehen lernen. Kinder und Jugendliche benötigen die Unterstützung durch kompetente und emotional präsente Bezugspersonen, die ihnen aktiv und von einer reifen Position aus den Weg in das Erwachsenenleben weisen. Freiheit und Verantwortung bedingen sich gegenseitig; im Zusammenspiel wächst die Mündigkeit, das innere und äußere Vermögen zur Selbstbestimmung. Was bedeutet, dass Freiheit und Verantwortung auf allen Ebenen, im Unterricht ebenso wie in der Organisationsstruktur, als durchgängiges Prinzip wirksam werden sollte.

Nach Reinhard K. Sprenger müsste sich jede Organisation die Frage stellen, wie sie den Neuerer, den Innovativen, den Kreativen so einbinden könne, dass sie ein Ausscheren in die Anarchie verhindere, den Tatendrang aber nicht beschneide. In heutigen Unternehmen – zu denen aus meiner Sicht auch Schulen und Universitäten zählen – sieht Sprenger einen Reformbedarf, der historisch nur mit dem Beginn der Industrialisierung verglichen werden kann. Er fordert, dass Unternehmen sich für Unterschiede, für das Besondere, das Individuelle, für die Abweichungen des Lebendigen, insgesamt für Veränderbarkeit öffnen und mehr Vertrauen in die Individualität entwickeln.

Dem kann ich nur zustimmen. Auf dass eine demokratische (Lern-)Kultur entstehe, die über die Bildungseinrichtungen hinaus wirksam wird! Wo Lernende nicht beschämt und Lehrende geachtet werden, weil sie sich an Chancen und Ressourcen, nicht an Defiziten orientieren. Nur so kann der Zukunftsnutzen von Schule und Universität gesichert werden.

Maria Vötter, Redakteurin von „forum schule heute“

 

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