Bereicherung oder Selbstbedienungsladen?

 

Die umstrittene Öffnung der Schule im Gespräch

 

Das Thema ist heiß umstritten und wird emotional diskutiert: Wie weit soll sich die staatliche Schule öffnen und außerschulische Bildungsangebote anerkennen? Der Entwurf zum neuen Bildungsgesetz tat ein Übriges dazu, der Gegenstand ist endgültig zum öffentlichen Streitfall erhoben worden. „forum schule heute“ bemüht sich, einen sachlichen Diskussionsbeitrag zu leisten und lud Ursula Pulyer (Direktorin des Schulsprengels Obermais), Alexander Veit (Direktor der Musikschule Meran), Ulrike Malsiner (Vorsitzende der Interessensgruppe Musik im ASM) und Sigrid Ramoser (Kerngruppenleiterin für Musik am Pädagogischen Institut) zu einem Rundgespräch zum Thema am Beispiel der Musikschulen. Die Diskussion fiel erwartet lebendig und lange aus, sodass hier nur ein Ausschnitt die Kernpunkte wiedergeben kann.

 

f: Die Südtiroler Direktorenvereinigung stellt in einer Presseaussendung bezüglich einer stärkeren Öffnung der Schule etwas polemisch die Frage, ob „die Schule längerfristig von einer primären Bildungseinrichtung zu einem Selbstbedienungsladen degradiert werden.“ Sehen Sie das auch so, Frau Direktorin Pulyer?

 

Ursula Pulyer: Ich bin nicht die Vorsitzende der Direktorenvereinigung. Mein Anliegen ist ein völlig and eres . Mir geht es rein ums Kind, um die musikalische oder sportliche Ausbildung, die auf bestmögliche Weise zu fördern ist. Ich finde es anmaßend, dass die Schule sämtliche Bereiche abdeckt, im Besonderen den musikalischen und sportlichen Bereich. Die Schule bietet hier wenige Wochenstunden an. Im Vergleich: Religion wird in zwei Stunden unterrichtet, Musik nur in einer. Ich erachte es aber als extrem wichtig, dass ein Kind in diesen Bereichen gefördert wird. Deswegen ist eine Zusammenarbeit mit Institutionen, die das hervorragend können und machen, für mich unumgänglich. Das hat für mich nichts mit einem Selbstbedienungsladen zu tun.

 Ulrike Malsiner: Wenn die Musikstunden im Wahlpflichtbereich ausgelagert werden, dann wird ganz sicher das Kontingent an Lehrpersonen für diesen Bereich gestrichen. Damit wird an der Schule noch weniger Musik unterrichtet. Viele wertvolle Zielsetzungen des Musikunterrichtes an der Mittelschule gehen so verloren. Und vor allem die Zusammenarbeit der Fächer, der Lehrpersonen untereinander, das verliert sich notwendigerweise.

Alexander Veit: In der ganzen Grundsatzdiskussion sollte man einen Schritt zurückgehen zum Ursprung der Schulreform. Denn ursprünglich ging man vom Gedanken aus, dass eine gesamtheitliche Bildung des Kindes gewährleistet werden muss. Im Vordergrund steht also das Kind und nicht die Unterrichtenden! So lange wir immer nur auf der Frage beharren „Was bleibt mir, was tut mir gut?“, werden wir uns schwer tun, den Fokus auf das Kind zu richten.

 Sigrid Ramoser: Solange man auf das Kind schaut, ist das in Ordnung. Wir an der Grundschule schauen vor allem aufs Kind, wir unterrichten ganzheitlich! Wir haben keine Fachlehrer, wir unterrichten im Team. Daher ist für uns eine Zusammenarbeit in der geplanten Form schwer vorstellbar und eigentlich außer Diskussion.

Veit: Es findet gar keine Auslagerung statt! Der Kernbereich muss natürlich von der öffentlichen Schule abgedeckt bleiben, aber das Angebot wird bereichert. Wenn man diesen Aspekt der Bereicherung nicht sieht, wird es immer mehr zum Problem werden. Jeder glaubt nur, er müsse etwas abtreten, damit ein anderer sich bereichern kann. Wir müssen immer bedenken: Was bringt das für das Kind und für das Elternhaus?

 Ramoser: Zusammenarbeit kann ich mir nur dann vorstellen, wenn ich etwas gebe und etwas nehme. Ich bekomme Musikunterricht, aber was gibt die Musikschule? Bis jetzt habe ich das Gefühl, dass die Musikschule missionieren möchte. Erkennt etwa die Musikschule Leistungen der öffentlichen Schule an, etwa Rhythmikunterricht oder Singen? Ein zweites Problem sehe ich, um offen zu reden, darin, dass man offensichtlich die Musikschulen aufwerten will, indem das Zeugnis mehr Gewicht bekommt. So gibt es Pläne, dass im Grundschulzeugnis eine Spalte für Musikschulfächer eingeführt wird. Man fühlt sich der staatlichen Schule offenbar nicht gleichwertig.

 Veit: Es ist Interpretationssache, ob die Musikschulen gleichwertige Arbeit leisten oder nicht.

 

f: Musikschullehrer mit Ausbildung in Italien haben aufgrund der spezifischen italienischen Tradition keine sehr vertiefte pädagogisch/didaktische Ausbildung, im Unterschied zu jenen, die in Österreich studiert haben.

 

Veit: Richtig, aber der Ausbildungsweg der Musikschullehrkräfte unterscheidet sich nicht von jenem der Musiklehrkräfte der öffentlichen Schulen. Hier wie dort gibt es bunt gemischte Ausbildungswege, d.h. Lehrpersonen mit abgeschlossenem Studium einer Musikhochschule oder eines Konservatoriums des In- oder Auslandes.

Malsiner: Aber noch 1999 wurden Musikschullehrkräfte in die Stammrolle aufgenommen, die kein Diplom besitzen, während in den Staatsschulen das schon seit langer Zeit nicht mehr üblich ist. Heute muss man dort eine differenzierte pädagogisch-didaktische Ausbildung haben, während das im Musikbereich nur vom Konservatorium angeboten wird.

Veit: Das wird auch bei uns genauso verlangt werden!

 

Malsiner: Aber noch ist es nicht so weit!

Pulyer: Es gibt auch an der Staatsschule Lehrkräfte, deren Ausbildung nicht so gut ist, das gibt es einfach überall. Diese Diskussion finde ich müßig. Mich beschäftigen andere Fragen, etwa der Begriff „Auslagern“. Wir bei uns „lagern nicht aus“, wir „erkennen an“. Da kommt nicht etwa ein Musikschullehrer, der eine Klasse übernimmt. Es wird nur eine Wochenstunde auf der Basis genau definierter Kriterien anerkannt. Wir sind einfach als Schule nicht imstande, einem Kind ein Instrument beizubringen. Das Erlernen eines Instrumentes muss man aber anerkennen und fördern.

 

Malsiner: Wir haben uns immer schon bemüht, Schüler, die ein Instrument spielen, besonders im Unterricht einzubauen, diese so zu fördern und deren Einsatz besonders hervorzuheben, deshalb ist es nicht notwendig, in den Wahlpflichtfachbereich einzusteigen. Was die Anrechnung betrifft, sehe ich zudem große logistische Probleme. Nicht überall funktioniert das so gut, wie bei Ihnen, Frau Pulyer! Meist findet dieser Unterricht außerhalb des Schulgebäudes statt. Das ist erstens schwer zu kontrollieren und bedeutet in vielen Schulen außerdem, dass Schüler die Klassen während des Unterrichtes verlassen.

Pulyer: Es stimmt, dass es eine Qualitätssicherung geben muss, es braucht klare Kriterien. Man muss aber auch einmal eine Kultur des Vertrauens und der Zusammenarbeit aufbauen. Bei uns sind die Eltern sehr stark eingebunden, die ein Stück weit Verantwortung übernehmen.

 

f: Wer sollte über die Anerkennung von Bildungsangeboten entscheiden? Das Plenum, der Schulrat, der Elternrat?

 

Pulyer: Das muss der Schulrat entscheiden, dort sind alle vertreten.

Malsiner: Ich glaube, dass diese Entscheidung beim Lehrerkollegium liegen muss, es handelt sich um eine didaktische Entscheidung und dafür braucht es auch bestimmte Kompetenzen, um verantwortungsvoll darüber befinden zu können. Die Eltern sind ohnehin für eine Anrechung, so sind ihre Kinder versorgt, es gibt eine gute Nachmittagsbetreuung und sie entziehen sich so auch ein wenig ihrer Verantwortung. Außerdem sind die Lehrer im Schulrat automatisch im Hintertreffen.

Pulyer: Die Schule hat aber auch die Aufgabe, auf soziale Veränderungen zu reagieren. Viele Kinder sind auch in wohlhabenden Haushalten sträflich vernachlässigt und brauchen sinnvolle Beschäftigung. Die Schule wird ja dafür bezahlt, dass sie gesellschaftliche Verantwortung mitträgt.

Ramoser: Ich sehe nicht ein, dass die Schule immer mehr Aufgaben der Eltern übernehmen soll!

  Malsiner: Kinder sollen sehr wohl Musikschulen besuchen und am Nachmittag sportlich aktiv sein, doch bin ich einfach nicht der Meinung, dass alles immer im Zeugnis zusammenfließen muss. Die Nachmittagstätigkeit soll nicht auch noch mit Kontrolle und Leistung aufgeladen werden. Irgendwann muss dann auch die Jungschar und die Museumspädagogik anerkannt werden. Darf sich Schule nicht abgrenzen von dieser Art Freizeit?

Pulyer: Dem stimme ich zu, Schule soll sich abgrenzen können, nicht alles muss bewertet werden. Wie schon gesagt bin ich aber nicht der Meinung, dass die Schule das alleinige Bildungsmonopol hat.

Veit: Es dürften schon Unterschiede darin liegen, ob ich einen einmaligen Kurs besuche oder ein Instrument lerne, was jahrelangen hohen Einsatz erfordert. In dem Moment minimiert sich die Freizeit des Kindes. Auch deswegen soll ein Teil dieser Leistung anerkannt werden. Wir sprechen ja immer von der Ganzheitlichkeit. Die Musikschulen können hier sehr wohl ihren Teil beitragen.

 

f: Die ganzheitliche Erziehung setzt auch Teamarbeit voraus. Wie könnten Musikschullehrer konkret an dieser Teamarbeit teilnehmen? Etwa in der Arbeit der Gremien wie Klassenrat oder Planungskonferenzen.

 

Pulyer: An diesen Gremien könne Musikschullehrer natürlich nicht teilnehmen. An unserer Schule gibt es einen Vordruck, dort sind etwa die erreichten Kompetenzen aufgelistet, ganz ähnlich, wie bei den anderen Wahlpflichtfächern. Die vielgepriesene Teamarbeit funktioniert ohnehin nur an der Grundschule, vermutlich wegen der kleinen Teams dort. Die Klassenräte der Mittel- und Oberschulen sind durch das Fachlehrertum einfach zu schwerfällig. Man braucht also verwaltungsmäßige Formen der Zusammenarbeit.

Veit: Die Sorge, die Schule könnte Kontrolle, Einfluss und Stellen verlieren, ist unberechtigt, denn die Musikschulen können gar nicht so viele Kinder aufnehmen. Unsere Kapazitäten sind jetzt schon ausgereizt. Es geht nur darum, jenen Kindern, denen die musikalische Ausbildung wichtig erscheint, diese zumindest zu einem Teil anzuerkennen.

 

Ramoser: Warum will die Musikschule dann in die Staatsschulen eindringen? Warum verwendet man all diese Energie nicht daran, die Kapazitäten zu erhöhen, wenn es schon lange Wartelisten gibt? Es gibt so viele Marktnischen für die Musikschulen, etwa die Seniorenarbeit, die Eltern-Kind-Gruppen vormittags. Warum deckt die Musikschule diese nicht ab und drängt dafür so vehement an die öffentlichen Schulen?

 Malsiner: Es gibt leider viele Modelle der Öffnung der Schule, die nicht funktionieren. Das Kursmodell aus Obermais mag in Ihrer Schule funktionieren, Frau Pulyer, aber anderswo gibt es große Probleme damit.

Pulyer: Damit das funktioniert, muss sich die gesamte Schule intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und die klaren Regeln in das Schulprogramm aufnehmen. Wir haben als Kriterium festgelegt, dass wir nur Kurse in Gebieten anerkennen, in denen wir Defizite im Bildungsangebot unserer Schule erkennen. Das sind konkret Sport und Musik. And eres wird gar nicht anerkannt. Die Entscheidungen fallen also an der Schule, es wird uns nichts von außen aufgedrängt.

 

f: Sollte das Pflichtkontingent unangetastet bleiben und also die Formen der Zusammenarbeit nur im Wahlbereich angesiedelt werden? Denn der Artikel 17bis im Entwurf des neuen Bildungsgesetzes sieht die Anerkennung außerschulischer Tätigkeiten als Unterrichtszeit auch im Bereich der Pflichtquote vor.

 

Pulyer: Meiner Meinung nach eignet sich der Wahlbereich par excellence für diese Zusammenarbeit. Der Kernbereich ist durch Fachlehrkräfte gut abgedeckt.

Malsiner: Ich bin vehement gegen eine Öffnung der Pflichtquote! Das würde auf Stellenabbau hinauslaufen.

Ramoser: Auch ich stimme dem zu. Zuerst legt man gesetzlich die Autonomie der Schule fest, dann diktiert man uns, wie autonom wir zu sein haben. Wo bleibt hier die Autonomie?

Veit: Letztendlich ist die Schule ein Dienstleistungsbetrieb, der für Bedürfnisse und Veränderung der Zeit offen sein muss. Das Entscheidende ist aber, dass die Schule laut diesem Entwurf Kurse anerkennen kann , aber nicht muss .

Ramoser: Das ist eine Augenauswischerei, denn die Eltern werden natürlich großen Druck ausüben. Sie wollen natürlich möglichst viel anerkannt haben und die Schule wird sich diesem Druck kaum entziehen können.

Pulyer: Wenn der Druck der Eltern da ist, dann muss man das auch ernst nehmen, das hat dann irgendwann auch zu passieren. 

 

f: Bei Ihnen, Frau Pulyer, wurde die 5-Tage-Woche eingeführt. Sie befragten die Eltern vorher dazu...

Pulyer: ...das Ergebnis war 50:50. Nach einem Jahr Probephase führten wir die Umfrage erneut durch und erreichten eine Zustimmung von 80-90%. Dabei befragten wir die gesamte Schulgemeinschaft, Eltern, Schüler und Verwaltungspersonal.

f: Bringt nicht gerade die 5-Tage-Woche die Vereine und die Musikschulen unter Druck, weil dann nachmittags für die Kinder wenig Zeit bleibt? Ist sie also „Schuld“ an dieser ganzen Diskussion?

 Ramoser: Wegen der 5-Tage-Woche haben die Kinder tatsächlich immer weniger Zeit etwa zum Üben. Und hier entsteht das Hauptübel, nämlich Angst der Musikschule, die Kinder zu verlieren. Auch in der Staatsschule gibt es diese Angst, jene um die Stellen.

 

f: Wer bezahlt die Musikschullehrer, die Kurse an der Staatsschule geben?

 

Pulyer: Das zahlen die Eltern an das Institut für Musikerziehung, hat also mit uns direkt nichts zu tun. Ich möchte aber betonen, dass wir an der Schule trotz der Anerkennungen alles anbieten, kostenlos natürlich, wie von der Verfassung vorgesehen.

Malsiner: Das birgt eigentlich auch die Gefahr, dass betuchte Eltern sich über die Anerkennungen die bessere Ausbildung für ihre Kinder leisten können.

Pulyer: Das kann man auch als Begabtenförderung sehen. Wir können alles nivellieren oder die Begabten fördern.

f: Frau Ramoser, Sie äußerten sich bisher sehr kritisch zur Zusammenarbeit mit der Musikschule?

 Ramoser: Ja, in dieser Form lehne ich sie tatsächlich vehement ab! Ich bin aber nicht prinzipiell gegen eine Zusammenarbeit. Sie sollte aber zeitlich begrenzt bleiben und nicht über das Zeugnis bewertet werden.

Malsiner: Auch ich bin, was den Wahlpflichtbereich betrifft, völlig dagegen. Eine Zusammenarbeit, wie es sie eigentlich ja bisher schon gegeben hat, kann ich mir im Grunde aber schon vorstellen.

 

f: Ich danke für die rege Diskussion!

 

   

Das Gespräch wurde von Johannes Kofler moderiert.

 

Anmerkung : Das Rundgespräch fand unmittelbar vor der Rücknahme einiger Formulierungen im Bildungsgesetz durch Landesrat Saurer statt.

 

 

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