|
Erfolgsmodell Brixen
„forum schule heute“ liefert das angekündigte ausführliche Interview mit dem Dekan der Fakultät für Bildungswissen-schaften Gerwald Wallnöfer nach. Im ausführlichen Gespräch nimmt der vorsichtige Diplomat auch zu kritischen Fragen Stellung. Die Uni Brixen sei ein aufstrebendes Modell, das international Beachtung finde, so der scheidende Dekan.
f: Es gab viel Kritik am Unigebäude, etwa wegen seiner betonierten Kälte. Die Architektur hat Einfluss auf das Lernen. Was finden Sie gut am Universitätsgebäude in Brixen, was bemängeln Sie?
Gerwald Wallnöfer: Positiv ist jedenfalls, dass wir eine sehr moderne Struktur haben, die allen Ansprüchen gerecht wird, etwa im Bereich der modernen Medien. Das ist international in diesem Ausmaß kaum anzutreffen. Die Räume wirken ruhig und beruhigend, das sorgt für ein positives Lernklima. In einzelnen Räumen haben wir bewusst eine große Transparenz angestrebt, etwa im großen Hörsaal, wo man nach draußen sieht. Wir gingen davon aus, dass eine gewisse „Ablenkung“ für die Konzentration nicht störend ist sondern eher fördernd, der Blick auf Bäume und Blätter bringt positive optische Reize. Wir hatten auch das große Glück, die Raumplanung von vornherein mitbestimmen zu können. Aber natürlich gibt es wie in jedem Gebäude Teile, die man heute so nicht mehr machen würde. Leider ist das Gebäude inzwischen auch schon zu klein. Wir wollten aber keine überdimensionale Planung machen, zudem war der große Ansturm kaum absehbar. Der größere Fehler wäre sicher eine Überdimensionierung gewesen. Aber wie gesagt, wir wollen gar keine Massenuniversität werden.
f: Auch die Länge der Studien spielt hier hinein, denn je länger die Studierenden brauchen, desto mehr Kapazitäten belegen sie. In Brixen schließen die Studentinnen und Studenten nun sehr zügig ab. Sehen Sie da einen Zusammenhang zur Präsenzpflicht?
Wallnöfer: Wir wollen den Studenten ermöglichen, in der Mindeststudiendauer abzuschließen. Nicht nur die Besetzung der Ressourcen spielt da eine Rolle, man muss auch den finanziellen Aspekt, die Belastung für die Familien sehen. Die Zeit, die in das Studium investiert wird, soll intensiv genutzt werden. Zudem brauchen wir für bestimmte Inhalte in der Pädagogik zwei Voraussetzungen: Die Anwesenheit der Professoren und jene der Studierenden. Vieles kann nicht per Buch oder auf Distanz vermittelt werden, gerade wenn es um Kompetenzen in den Bereichen Kommunikation, Beobachtung, Interaktionsprozesse oder Reflektion geht. Die Präsenzpflicht wird oft kritisiert. Das Studentenleben umfasse mehr als ein Studium, es gibt auch Vorstellungen einer gewissen studentischen Boheme. Das hat seinen unbestreitbaren Charme. Ich denke aber, dass die Nachteile überwiegen. So ein Lebensentwurf ist nicht für alle Schichten leistbar.
f: Sehen Sie nicht die Gefahr einer zu starken Verschulung?
Wallnöfer: Die Kriterien zur Unterscheidung von Schule und Universität sind ganz andere. Wäre der Unterschied einzig die Präsenzpflicht, wäre es schlecht um die Qualität bestellt. Der Unterschied besteht darin, dass hier Forschung betrieben wird, dass zwischen Forschung und Lehre ein Zusammenhang besteht. Wir bemühen uns, gute Dozenten aus ganz Europa nach Brixen zu bringen. Das bedeutet natürlich einen großen Zeitaufwand. In Prüfungszeiten müssen sich die weitgereisten Professoren auf die Anwesenheit der Studenten verlassen können. Außerdem hat ein großer Anteil unserer Studierenden Anspruch auf Stipendien. Wir haben die Verpflichtung, einen gewissen Grad an Verbindlichkeit herzustellen. Wir verpflichten ja nicht nur die Studenten zur Anwesenheit, auch die Dozenten müssen kommen. Es darf keine Beliebigkeit herrschen. Ich finde den Ausdruck „Verschulung“ völlig unpassend, weil man damit nicht sagt, was man wirklich meint.
f: Vielleicht meint man damit ja, dass aufgrund hoher Erwartungen an eine „gute“ Universität den Studierenden viel Wissen „serviert“ wird, diese jedoch weniger gefordert sind, an ihrer Persönlichkeit und an Kompetenzen zu arbeiten und einen eigenen Stil zu entfalten?
Wallnöfer : Ich sehe das genau umgekehrt. Eine Universität mit einem geringeren Grad an Verbindlichkeit, etwa in der Anwesenheitspflicht, funktioniert nur dann, wenn die Studierenden irgendwo an Lehrbüchern arbeiten. In unserem Bereich geht es aber nicht um den Erwerb von abrufbarem Wissen, sondern um Kompetenzen, die nur in Zusammenhang mit reflektiertem Handeln und Lernen erworben und entwickelt werden können. Z. B. kann ich die Kompetenz, mit anderen Menschen angemessen in Interaktion zu treten, nur vor Ort im Kontakt mit anderen erwerben. Genau hier bieten wir Laboratorien in kleinem Rahmen an und da fordern wir die genannte Verbindlichkeit.
f: Diese Verbindlichkeit betrifft ja auch die Dozenten. Können Sie hier an der Uni auf Professoren und Dozenten zählen, die bewusst damit umgehen, dass ihr Lehrverhalten auf Studierende abfärbt und von diesen oft auch übernommen wird?
Wallnöfer : Wir legen auch bei den Professoren großen Wert auf Verbindlichkeit. Dafür gibt es Kriterien und Evaluation. Übrigens kommt der Vorwurf der „Verschulung“ auch von Dozenten. Das ist kritisch zu hinterfragen. Denn hier wird - oft bewusst - die Freiheit der Forschung und des Geistes mit Beliebigkeit verwechselt. Manche Professoren möchten z.B. ihre Lehrveranstaltungen am Wochenende blocken. Wir wollen aber einen regelmäßigen Betrieb, wir brauchen keine Wochenenduniversität.
f: Ein häufig geäußerter Kritikpunkt ist, dass Lehrende aus dem ganzen europäischen Bereich kommen und hier in Brixen kaum verwurzelt sind, sich wenig mit dem Unistandort identifizieren und nur so oft anwesend sind, als unbedingt nötig.
Wallnöfer : Wir brauchen Stabilität und Kontinuität in der Lehre. Wir brauchen also einen gewissen Stamm, um zu vermeiden, dass Professoren, kaum angekommen, auch schon wieder weg sind. Die Uni lebt auch davon, eine eigene Forschungstradition und eigenen Nachwuchs aufzubauen, auch dazu brauchen wir Kristallisationspunkte, auch im Personalbereich. Auf der anderen Seite brauchen wir aber Professoren, die an der Spitze ihres Faches stehen, wir brauchen Internationalität. Da zählt nicht nur die Dauer der Anwesenheit sondern auch die Erfahrung und der universitäre Hintergrund, den Professoren mitbringen, Die Idealmischung liegt wohl etwa bei 50:50. Ein weiterer Aspekt: Würde man nach Entstehung einer neuen Uni alle Posten fix besetzen, hieße das, dass diese Posten auf Jahrzehnte hin besetzt sind und wenig Austausch und Erneuerung möglich wäre. Unser Modell wird im Ausland sehr positiv gesehen.
f: Gibt es institutionalisierte Kollegiumsversammlungen, wo alle Lehrenden einberufen werden und mit Ihnen als Dekan und miteinander Kontakt aufnehmen und ihre Konzepte mit den Vorgaben des Fakultätsrates abstimmen?
Wallnöfer : Es gibt die Studiengangsräte, es gibt Verantwortliche für alle Studiengänge und es gibt die Studentenvertretung. Auf dieser Ebene gibt es Austausch und Diskussion. Darüber hinaus gibt es den Fakultätsrat, in dem alles zusammenläuft. In unserem international zusammengesetzten Fakultätsrat ist übrigens ein interessanter Effekt entstanden: Es hat bisher wenig Austausch zwischen der deutschen und der italienischen pädagogischen Tradition gegeben. Bei uns haben sich deutsche und italienische Kollegen in einem Projekt zusammengeschlossen und ein gemeinsames Lexikon der Pädagogik erarbeitet, in dem beide Traditionen zusammenfließen. Kürzlich erschien der erste Band. Damit haben wir etwas erarbeitet, was auch außerhalb Europas sehr nachgefragt ist.
f: Wie gut kennen sich Ihrer Einschätzung nach die Kolleginnen und Kollegen untereinander?
Wallnöfer : Das ist sehr unterschiedlich. Ich würde behaupten, sie kennen sich nicht besser, aber auch nicht schlechter als an anderen Universitäten. Eine Besonderheit ist die Mehrsprachigkeit, die zu Kommunikationsschwierigkeiten führt. Das bedeutet auch für die Gremien einen enormen Aufwand.
f: Eigenverantwortung ist in der Bildung ein wichtiger Begriff. Wie viel Freiraum bleibt den Studierenden hier in Brixen? Wo ist eigenverantwortliches Lernen gefragt?
Wallnöfer : Es gibt mehrere Ebenen: Einmal gibt es Wahlmöglichkeiten; jede Studentin, jeder Student erarbeitet sich einen eigenen, individuellen Studienplan. Eigenverantwortung in den Lehrveranstaltungen geht von der Methodenvielfalt aus, auf die wir großen Wert legen. Wir lehren nach dem Prinzip des exemplarischen Lernens. Das zielt auf die Stärkung der Eigenverantwortung ab, etwa in der Auswahl der Themen und Arbeiten, in Referaten, Hausarbeiten oder Projekten.
f: Eigenverantwortung ist auch bei den Praktika gefordert. Haben Praktika hier einen stärkeren Stellenwert als an anderen Universitäten?
Wallnöfer : Ich habe viele Realitäten in Europa kennen gelernt. In Deutschland etwa beneidet man uns um die sehr guten Praktikumsbedingungen. Einzigartig ist etwa, dass wir freigestellte Praktikerinnen als Mitarbeiterinnen an der Fakultät haben. Wir haben eine starke Praxiskompetenz, die Praktika werden gezielt vorbereitet, begleitet und aufgearbeitet. Das ist entscheidend. Es geht nicht so sehr um die Dauer eines Praktikums. Die Arbeitspraxis erleben wir dann noch ein Leben lang. Wichtiger ist, wie zielgerichtet ich Aufgabenstellungen verfolge, wie geschult meine Wahrnehmung für Prozesse in der Gruppe ist und wie stark meine Fähigkeit zur Selbstreflexion geschult wird. Hier haben wir sehr gute Voraussetzungen, auch personell.
f: Stellen die Praktika also das Herzstück in der Ausbildung der Kindergärtnerinnen und Lehrpersonen dar?
Wallnöfer : Ja, sie sind ein wesentliches Element. Theorie und Praxis sollen in der Wechselwirkung einen Kreislauf in Gang bringen. Wir gehen davon aus, dass Ausbildung nie vollständig abgeschlossen ist. Wir wollen Instrumente vermitteln, mit denen man ein Berufsleben lang eigenes Handeln auf den theoretischen Prüfstand stellen kann und umgekehrt theoretische Ansätze in der Praxis kritisch hinterfragen kann.
f: Sie haben 1999 die Publikation „Unterricht als Herausforderung - Das Brixner Modell der Lehrerausbildung“ herausgegeben, in der Sie Ihre Vorstellung von Lehrerausbildung darlegten. Wie stehen Sie jetzt nach zehn Jahren Praxis dazu?
Wallnöfer : Es gibt ein Paar Ansätze, die neu waren, etwa das gemeinsame Biennium für Kindergarten und Grundschule. Das hat sich bewährt, weil die Transitionsphasen für die Kinder besser gestaltet werden können. Die beiden sonst traditionell eher voneinander getrennten Institutionen wissen und lernen mehr voneinander. Ein zweiter Effekt ist die horizontale Durchlässigkeit für die Berufsgruppe. Nach zehn Jahren denken wir aber immer weiter über Verbesserungen und Veränderungen nach. Auch gibt es etwa von Jahr zu Jahr die Ankündigung des Ministeriums, dass die Studiengänge reformiert werden. Ich hoffe, dass ein weiterer Kernpunkt beibehalten werden kann, nämlich das Praktikum in allen Studienjahren. Ich würde es nicht gut finden, wenn man das Praktikum an das Ende der Ausbildung verschieben würde.
f: Welche Rolle spielt das wissenschaftliche Arbeiten für die Studenten an der Uni Brixen und wie gut werden sie dabei betreut?
Wallnöfer : Wir haben eine Reihe von Veranstaltungen zum wissenschaftlichen Arbeiten, v. a. im Wahlbereich. Einmal gibt es die klassischen Einführungen in wissenschaftliches Arbeiten, zusätzlich bieten wir eine Schreibwerkstatt an. Die Voraussetzung für jeden Studienabschluss ist eine eigene Arbeit. Die Mitarbeit in Forschungsprojekten ist hauptsächlich im Doktoratsstudium angesiedelt. Aber auch im Laureatsbereich gibt es Lehrveranstaltungen mit kleinen Forschungsprojekten. Insgesamt mussten wir aber feststellen, dass es sich dabei um einen schwierigen Bereich handelt. Die Hemmschwelle zum Erstellen eines eigenständigen wissenschaftlichen Textes ist hoch. Der Sprung von der Oberschule zur Universität ist offenbar sehr groß.
f: Die eben angesprochenen Laureatsarbeiten sind in der Universitätsbibliothek nicht frei einsehbar. Warum?
Wallnöfer : Das geht auf die italienische Gesetzgebung zurück. Zum einen können die Studierenden entscheiden, ob sie die Arbeit zur Verfügung stellen oder nicht. Zum anderen befinden in Italien die Prüfungskommissionen über die Publikationswürdigkeit einer Arbeit. Ich persönlich bin der Meinung, dass alle Arbeiten zur Verfügung stehen sollten.
f: Die Gesetze regeln auch die Prüfungsmodalitäten sehr genau. Immer wieder wird die starke Formalisierung kritisiert.
Wallnöfer : Da gibt es große Missverständnisse. Der Akt der Prüfung ist in Italien erst abgeschlossen, wenn Prüfer und Prüfling ein Protokoll unterzeichnen, in dem der Zeitpunkt der Prüfung, das Ergebnis und die Prüfungsfragen festgehalten werden. Es gibt viele Formen der Leistungsüberprüfung, etwa auch Referate oder schriftliche Arbeiten. Bei diesen Formen braucht es nun auch das Moment des mündlichen Gesprächs, die Studenten brauchen die Gelegenheit, mit den Professoren zu reden. So können sie Fragen stellen, die Note kann erläutert werden. Kollegen aus dem Ausland kritisieren das nun oft, denn sie müssen dazu herkommen. Die strengen Gesetze schaffen auch eine Berechenbarkeit für die Studenten, eine verlässliche Planbarkeit. Das Ganze wurde also zum Schutz der Studierenden eingeführt.
f: Die Mitspracherechte der Student/innen wurden angerissen: Welche konkreten Mitsprachemöglichkeiten werden ihnen eingeräumt?
Wallnöfer : Man muss unterscheiden. Wenn damit die Zugänglichkeit zu einzelnen Professoren gemeint ist, dann gibt es unterschiedliche Erfahrungen. Aber natürlich sind institutionelle Vertretungen der Studenten auch hier vorgesehen: Studiengangsräte, Fakultätsrat, Senat und Universitätsrat. Wir wissen alle, dass über diese formalen Wege eine direkte Mitsprache noch nicht ausreichend garantiert ist. Wir versuchen aber, auf berechtigte Anliegen der Studierenden einzugehen, wenn das auch nicht immer möglich ist. Man kann nicht alle individuellen Ansprüche unter einen Hut bringen, vor allem im organisatorischen Bereich.
Die Fragen stellte Johannes Kofler.
|
Diskussion |
|---|