Offener und sachlicher Dialog gefordert

 

Selten wurde ein Thema, das die öffentliche Schule betrifft, so kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert. Dabei ist die Öffnung der Schule eigentlich unbestritten. Alle Betroffenen sind sich einig, dass eine moderne Schule den Kontakt zu den Eltern, zur Wirtschaftswelt und eben auch zu Vereinen und Musikschulen braucht. Nur wie weit diese Durchlässigkeit gehen soll, darüber entzweien sich die Geister.

 

Besonders ungeliebt ist in Schulkreisen die mögliche Anerkennung außerschulischer Bildungsangebote im Pflichtbereich. Der berühmt-berüchtigte Passus „17bis“ im Entwurf des Bildungsgesetzes sah genau dies vor. In seltener Einstimmigkeit lehnten Gewerkschaften, die Direktorenvereinigung, der Verband der autonomen Schulen und die Lehrer/innenverbände KSL und ASM diesen Vorschlag ab. Ein Streik stand im Raum, dem eine hohe Beteiligung beschieden schien. Und ebenso vehement wurde der Entwurf von Eltern-, Musikschul- und Vereinsvertretern verteidigt. Inzwischen wurde der betreffende Artikel von Landesrat Otto Saurer zurückgenommen – der Landesbeirat der Eltern ist unzufrieden und äußert dies etwa in einem Leserbrief der Tageszeitung „Dolomiten“ vom 13. Mai.

 

Im Kern geht es meiner Ansicht nach um das Verständnis von Schule. Wahlfächer, Wahlpflichtfächer und die Anerkennung außerschulischer Bildungsangebote sind probate Mittel, Kinder individuell zu fördern, Neigungen anzuerkennen, andere Bildungswege aufzuwerten. Oder aber sie sind Mittel, um Ungleichheit zu schaffen. Wer sich die besten Kurse für seine Kinder leisten kann, wird danach trachten, diese von der öffentlichen Schule anerkennen zu lassen. Und wer sie sich nicht leisten kann, nimmt halt das, was er kriegt... Ursula Pulyer , Direktorin in Obermais, bringt es im Rundgespräch auf den Punkt: „Wir können alles nivellieren oder die Begabten fördern.“ Ich höre hier ein wenig das amerikanische Schulmodell heraus. Oder ist das ein Nachhall (oder Vorgeschmack) von Berlusconi?

 

Nun, Schulentwicklung lässt sich nie an einer einzelnen Aussage oder an einem einzelnen Gesetzesartikel festmachen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Kooperationen zwischen der öffentlichen Schule und Vereinen bzw. der Musikschule fruchtbringend sind – allein, auf das Wie kommt es an! Die unabdingbare Voraussetzung dafür ist meiner Ansicht nach der Primat der öffentlichen Schule. Sie trägt laut Verfassung die Verantwortung für Bildung und Ausbildung, sie nimmt den gesellschaftlichen Auftrag wahr, sie ist – nach der Familie – eine tragende Säule unserer sozialen und demokratischen Staatsform. Lehrerinnen und Lehrer sind vielschichtig gebildete Profis, die auf eine lange Tradition und reiche Erfahrung bauen können. Unser Ziel muss es sein, diesen Beruf weiter zu professionalisieren. Es wäre äußerst unklug, mit unüberlegten Entscheidungen – wenn auch wohlmeinend und fortschrittsgläubig – den Lehrenden der öffentlichen Schule das Wasser abzugraben. Hier ist Vorsicht geboten!

 

Und das mag dann auch die Quintessenz der Diskussionen dieser Wochen sein: Man verspürt allenthalben Ängste und andere Emotionen, starke Worte beherrschen die Debatte. Was wir aber brauchen ist ein echter, offener und sachlicher Dialog, der nicht die rasche Entscheidung sucht.

 

 

Johannes Kofler, Chefredakteur

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