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Achill und die Schildkröte Lob auf die Kraft der Langsamkeit
Geschwindigkeitsrausch ist ein gesellschaftliches Problem. Die Schnelligkeit der Gesellschaft, der Reformen und Normen, die uns im Nacken sitzt, kann wohl dazu beitragen, dass wir auch an Schulen bisweilen unseren Teil zur Reizüberflutung leisten. Aber alles Beständige wächst langsam. von Anna Christoph
Sie kennen vielleicht folgende Anekdote aus Australien: Eine Gruppe amerikanischer Reporter wurde von einigen Aborigines durch die Gegend geführt. Die Amerikaner voraus, die Aborigines mit einer nervtötenden Gemächlichkeit hinterher. Einer der Reporter wird wütend und fordert, die Aborigines mögen gefälligst einen Gang zulegen, worauf einer von ihnen antwortet: „Das ist unmöglich, sonst kommt meine Seele nicht mehr mit.“
Zentrifuge Unsere Gegenwart ist zentrifugal. Wir sind an Schnelligkeit gewöhnt, wir brauchen sie: wenn wir warten müssen, zeigen sich Entzugserscheinungen. Was wir aber nicht bedenken, ist ein einfaches physikalisches Grundgesetz. Wer sich schnell dreht, wird nach außen getrieben, eigendynamisch, weg vom Zentrum, weg vom Eigentlichen, hinaus in eine naturgemäß langsamere Peripherie. Das heißt, dass unser Streben nach Schnelligkeit im Grunde sich selbst entgegenarbeitet.
Als ich Sten Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit“ (Piper 1983) las, war ich berührt. Ich erinnere mich, wie mich die Zielstrebigkeit des langsamen John Franklin beeindruckte. Seine Art der Bedächtigkeit, die ihn unglaubliche Mühe kostete und viel Spott einbrachte, führte ihn letztendlich schneller ans Ziel als die flotten Gesten und flinken Geisteskapriolen der anderen. Langsamkeit als Erfolgsgeheimnis.
Wir spüren alle den inneren Drang, den Anforderungen der Effizienz, des schnellen Erfolgs (Parameter, die mit Didaktik eigentlich nichts zu tun haben, die aus der Welt der Technik und Wirtschaft stammen, wo sie wohl angebracht sein mögen) entsprechen zu müssen. Konkurrenzkampf und Public-Relations-Druck führen zu Vorgängen an Schulen, die oft den Eindruck eines zersprengten Mosaiks wecken, dessen Konturen und Leitmotive wohl bisweilen auch unkenntlich bleiben. Das schlechte Gewissen schlägt zu, wenn wir ein Thema nicht zügig und spannend abwickeln; die Angst, unsere Schülerinnen und Schüler zu langweilen, sitzt uns im Nacken; der Zwang, Adrenalin (wohl gemerkt: nicht Stress!) ins Klassenzimmer bringen zu müssen, ist unerträglich. Langatmigkeit ist negativ konnotiert, wobei eigentlich die Kurzatmigkeit das gesundheitliche Problem ist. Unsere Schülerinnen und Schüler sind im Vergleich zu uns damals – gestehen wir es ruhig – wahre Enzyklopädien, nur dass sie vielleicht manchmal zu wenig Zeit haben, dieses Wissen sedimentieren zu lassen. Es gibt sie zuhauf, die Synonyme für Langsamkeit: Beharrlichkeit, Ausdauer, Geduld, Betrachtung, Ruhe, Reflexion, Analyse, Festigkeit, Nachhaltigkeit, Vernetzung.
Aber stopp! Das Lob der Langsamkeit darf keine Verteufelung der Schnelligkeit sein. Denn auch Schnelligkeit hat ihren Reiz; Synonyme: Scharfsinn, Überblick, Schlagfertigkeit, Selbstbewusstsein, Geistesgegenwart, Geistesblitz, Synthese, Vernetzung (ja, wieder!). Und: auch zu viel Langsamkeit kann ein zusammenhängendes Verständnis erschweren.
Keine Polarisierung will ich, ich will nicht denen nach dem Mund reden, welche alles Neue ablehnen. Schon gar nicht möchte ich diese Gedanken in Verbindung mit einer Methodendiskussion bringen, auch wenn vermutlich bei mancher Leserin, manchem Leser entsprechende Assoziationen bereits da sind. Es gibt keine Methode, die per se langsam oder schnell ist. Ein wichtiges Kriterium in der Entscheidung für eine Methode und für ihr Gelingen ist unter anderem Authentizität. Wer in der Wahl seiner Unterrichtsmethoden seinen eigenen Charakter und seine Persönlichkeit außer Acht lässt und aus anderen Gründen (Gewohnheit, Trend, Zwang) entscheidet, wird nicht authentisch arbeiten und folglich nicht überzeugend und nachhaltig sein können. Wo aber die persönliche Überzeugung und persönliche Beteiligung von Lehrenden da sind, ist das Motivationspotenzial für die Lernenden und die Nachhaltigkeit um ein Vielfaches größer. Das gilt für traditionellen Unterricht genauso wie fürs Projekt.
Exkurs: Etikettenschwindel Weil ich dieses Wort eben zu unbedacht gebrauchte, erlauben Sie mir hier einen kurzen gedanklichen Exkurs zum „Projekt“: Der Missbrauch dieses Begriffes greift um sich: Für alles muss er herhalten, und daher rührt sein Potenzial, Aggressionen zu wecken; man kann es nicht mehr hören, das magische Wort, das Erfolg zu garantieren scheint und so manchen unserer Zunft in Hysterie versetzt. Es ist bequem, all das, was etwas außerhalb des didaktisch Alltäglichen liegt, mit diesem Etikett zu versehen; aber ein Projekt ist eigentlich etwas ganz anderes. Es impliziert eine Ungewissheit im Ausgang, mit der wir Lehrkräfte nicht leicht zurecht kommen; es fordert ein Vertrauen in die Fähigkeiten unserer Jugendlichen, das wir zu selten haben; es basiert auf einer intensiven Teamarbeit mit ihnen, die unsere gewohnte Position wohl manchmal aufhebt. Das Ergebnis wird uns dann aber, öfter als wir vermuten, überraschen und viel Freude bereiten. Wo ich weiß, was das Ergebnis ist, wo ich einschätzen kann, wozu Schülerinnen und Schüler imstande sind, wo ich diejenige bin, die letzten Endes die Antwort weiß, handelt es sich nicht um ein Projekt, sondern um etwas anderes: um Gruppenarbeiten, um Werkstatt, um Eigenrecherche, um fächerübergreifende Unterrichtseinheiten, um einen besonderen Themenkreis, um unterrichtsergänzende Tätigkeiten. Wir sollten den Begriff seltener und bewusster verwenden und ihm seinen Inhalt zurückgeben, damit er nicht zur inhaltslosen Floskel wird.
Konkurrenzfreie Freundschaften Zurück zu den Parametern, die unser Leben und Lernen messen. Ein Freund, mit dem ich über die Langsamkeit sprach, berichtete von seiner Wahrnehmung des Unterrichts: Technische und wirtschaftliche Fächer nahm er schon in ihren Inhalten als „schnell“ wahr, „langsam“ waren für ihn all jene Fächer, die geistige Reflexionen forderten. Er mochte beides, aber er genoss dieses Innehalten. „Zwei Freunde, der eine schnell, der andere langsam, die kommen durch die ganze Welt.“ (Nadolny, 39)
Das Problem ist die Einseitigkeit. Schnelligkeit und Langsamkeit stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sie dürfen sich nicht gegenseitig werten. Beides fordert gleich viel Kraft, beides eine Beteiligung des ganzen Menschen. Aber es ist doch so, dass Langsamkeit vielleicht zur Zeit eine stärkere Lobby bräuchte. Es ist eine Frage des Welt- und Menschenbildes: Schnelligkeit und Vielfalt brauchen keine Rechtfertigung, die vita activa genießt höheres Ansehen als die vita contemplativa, aus dem – bei genauerem Hinsehen – einzigen Grund scheinbarer Rentabilität. Langsamkeit klingt nach Zeitverschwendung.
Und hier noch einmal Nadolny mit einem reizend ausdrucksstarken Bild: „Durch Klettern wurde er nicht schneller, das wußte er inzwischen. Aber damit war der Baum nicht unnütz. Von Ast zu Ast ließ sich zusammenhängend nachdenken, viel besser als zu ebener Erde. Wenn er fest schnaufen musste, sah er eine Ordnung in den Dingen.“ (Nadolny, 32f.) |
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