EMOTION UND LERNEN

Pädagogische Tagung der Lehrerverbände KSL und ASM

 

Was ist der Traum eines jeden Referenten? Wohl dass ein großer Saal zum Bersten mit Zuhörern gefüllt ist, dass sie interessiert dem Vortrag lauschen und gleichzeitig zum Schmunzeln und Nachdenken angeregt werden und dass die Ausführungen mit tosendem Applaus belohnt werden. Genau dieser Traum ging für den Neurobiologen Manfred Spitzer aus Ulm bei der Großtagung der Lehrerverbände KSL und ASM im Stadttheater in Bozen in Erfüllung.

von Johanna Mitterhofer

 

Am 2. September 2008 strömten unzählige Lehrerinnen und Lehrer aus allen Landesteilen Südtirols ins Bozner Stadttheater, um an der Großtagung des KSL und ASM teilzunehmen. Schon bald waren Sitz- und Stehplätze zur Gänze besetzt und jenen Lehrpersonen, die sich etwas länger an den Bücher- und Medienständen im Foyer aufgehalten hatten, wurde vom Sicherheitsdienst der Feuerwehr der Eintritt in den Saal verwehrt. Und es war wohl den fesselnden, humorvollen Ausführungen des Referenten zuzuschreiben, dass für die über hundert Betroffenen das Warten umsonst war: Niemand verließ den Saal und machte Platz.

Sonia Klotz Spornberger, die Vorsitzende des KSL, begrüßte alle Anwesenden und insbesondere das Damenorchester „La Vals“, das durch seine Einstimmung mit klassischer Musik der Veranstaltung einen würdigen Rahmen verlieh.

 

Mehr Zeit für unterschiedliche Perspektiven

 

Martina Adami, die Vorsitzende des ASM, erklärte, dass ein neues Schuljahr für sie immer Anlass sei zurück zu schauen: Auch in Südtirol sei die Schule immer mehr zum politischen Spielball geworden; persönliche Bedürfnisse würden nur allzu oft als allgemeine Bedürfnisse deklariert. Man müsse sich mehr Zeit nehmen, um die Schule aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen. Schule sei kein starres Gebilde, Veränderungen müssten sein, aber natürlich und nicht erzwungen. Auf jeden Fall aber stimmten die Zahlen zu den im Sommer besuchten Fortbildungsveranstaltungen zuversichtlich und optimistisch.

Der ladinische Schulamtsleiter Roland Verra erinnerte daran, dass es in Südtirol seit 60 Jahren die Bildungsautonomie der drei Sprachgruppen mit entsprechender Gestaltungsfreiheit gebe.

Der deutsche Schulamtsleiter Peter Höllrigl legte dar, dass ihm beim Nachdenken über das Lehren und Lernen und durch die Einblicke in die Gehirnforschung der Zusammenhang zwischen den Begriffen „Lernen“ und „Loas“ (für eine oft befahrene Spur, z. B. nach der Apfelernte auf der Wiese) klar geworden sei; die beiden Begriffe hätten einen gemeinsamen Ursprung. Martina Adami hätte die Befürchtungen der Lehrer/innen treffend geäußert; Autonomie und Lehrfreiheit müssten die Grundlagen für Pädagogik und Didaktik sein. Lehrpersonen seien Spurensucher und Spurenleger; Kinder seien keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden wollten.

 

Pädagogik und Gehirnforschung

 

Alle Anwesenden warteten gespannt auf das Referat von Manfred Spitzer, dem Fachmann aus der Hirnforschung und Psychiatrie. Er sprach zum Thema „Emotion und Lernen: Angst und Glück, Kreativität und Gesellschaft“: Das Gehirn sei sicher das wichtigste Organ, es ändere sich dauernd, seine Benutzung bedeute Lernen. Der Zusammenhang zwischen Pädagogik und Gehirnforschung sei einfach zu erklären: die Gehirnforschung sei die Gundlagenwissenschaft, Lehren und Lernen die Anwendung.

Das Gehirn sei ein komplexes Organ, es beinhalte lauter Nervenzellen mit Verzweigungen, bei denen durch Denken und Lernen Spuren hinterlassen werden müssten. Laufen nämlich keine Impulse über die Synapsen, gehen diese kaputt, werden sie genutzt, wachsen sie. Bei jeglichem Lernprozess ändern sich die Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Unser Gehirn sei zum Lernen von Einzelheiten nicht gebaut, was wir oft als defizitär erleben würden, aber die gute Nachricht sei, dass unser Gehirn besser sei: zum Überleben gebaut, es merke sich das Allgemeine hinter der Einzelheit. Jeder Mensch lerne selber; wie beim Kleinkind, das laufen lerne, jeder einzelne Plumps zum Lernen führe. Keine Schule habe bisher Gelegenheit gehabt, das Lernen zu verhindern. Ein Baby beginne mit sieben Monaten die deutsche Grammatik zu lernen. Jeder lerne unbewusst und das Gehirn eines Erwachsenen hätte die gesamten grammatischen Regeln im Kopf; wir wissen es nicht, aber wir haben das Laufen, Sprechen oder das gute Benehmen gelernt. Kinder müssten nur die Gelegenheit haben zu lernen, dann würden Regeln automatisch aufgenommen. Konflikte in der Schule sollten gemeinschaftlich und demokratisch gelöst werden, das bringe mehr als Regeln pauken. Auch wenn man nicht mehr wisse, was man als Kind gelernt habe, sei es wichtig, weil darauf aufgebaut werde. Aus dem Kontext wisse man, was bestimmte Dinge bedeuten: man vernetze bereits Gelerntes mit Neuem. Beim Sehen würden Impulse von der Netzhaut auf das Gehirn übertragen, kleine Stückchen des Gehirns würden lernen, Wissen sei entstanden.

Kleine Kinder müssten Inputs mit allen Sinnen erleben und es müsse auf Erfahrungen aufgebaut werden. Eine Studie habe ergeben, dass sich tägliches Vorlesen positiv auf die Sprachentwicklung von Babys auswirke, während TV und DVDs deutlich negativ seien; bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres sollten dem Kind keine Bildschirmmedien zugänglich sein. Auf jeden Fall müssten sich Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ändern und wie Familienunternehmen in Kindergärten und Schulen investieren.

Emotionen beschleunigen Lernprozesse

 

Ein Gehirn lerne immer und besonders, wenn emotionale Erlebnisse stattfänden. Man müsse fördern, dass emotionale Erlebnisse nicht nur am Nachmittag durch Nintendo und Fernsehen, sondern auch am Vormittag in der Schule stattfinden könnten, damit im Gehirn Spuren hinterlassen würden. Da die höheren Funktionen des Gehirns auf die niederen aufbauen, sei eine Stimulation besonders bis zum Alter von zwei Jahren wichtig.

Positive und negative Emotionen beschleunigen die Lernprozesse. Der Mandelkern des Gehirns, zuständig für den emotionalen Zustand Angst, sorge für eine schnelle Reaktion; wenn aber das Neutrale mit Hilfe des Mandelkerns gelernt werde, gehe die Kreativität verloren. Die Kinder sollten durch den Unterricht für das Problemlösen in 20 Jahren gerüstet werden und dafür brauche es Kreativität und Spontaneität. Viele Menschen würden bei mathematischen Formeln in die intellektuelle Totenstarre fallen, und dies sei nur zu vermeiden, wenn das Frontalhirn den Mandelkern jedes Mal auffordere, Ruhe zu geben.

Wie aber könnten positive Emotionen beim Lernen erzeugt werden? Es müsste gelingen durch elektrische Impulse im Gehirn Glücksgefühle zu erzeugen. Der nucleus accumbens leuchte im Frontalhirn auf, wenn etwas passiere, was wir nicht wissen, und wir lernen schnell, was gut ist. Leider sei aber unser Gehirn zum Dauerglück nicht gebaut, das bedeute: wenn etwas gelernt wurde, gehe das Licht aus, dann müsse etwas Neues her. Das Zentrum für unsere positiven Emotionen sei unser Lernzentrum. Wenn Neues und Interessantes auftrete (was gut für mich ist), fänden Lernprozesse statt. Dem Lehrer müsse auf jeden Fall das, was er unterrichte selber Spaß machen, dann mache es auch den Kindern Spaß.

 

Mir imponierte, dass Manfred Spitzer frei referierte, keinerlei Stichworte benötigte, die Aufmerksamkeit aller Zuhörer/innen fesselte und – trotz seiner Bekanntheit – mit einem öffentlichen Verkehrsmittel, dem Zug, die Heimreise antrat.

 

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