Vertrauen in die Fähigkeiten der Akteure

Rundgespräch über autonome Befugnisse und Erfahrungen

Die Autonomie der Schulen scheint verankert, Prozesse der Demokratisierung schreiten voran. „forum schule heute“ lud zwei Direktoren und einen Lehrer zu einem Rundgespräch ein und stellte ihnen mehrere Fragen. Ihre Antworten lassen einige interessante Rückschlüsse zu. Lesen Sie selbst!

 

f Bei Anfragen an Lehrer/innen um ihre Meinung zur Schulautonomie erhielten wir oft die Antwort, dass sie zu wenig darüber wüssten…

Bachmann : Ja, teilweise stimmt das. Meiner Erfahrung nach setzen sich viele mit einer Thematik erst dann auseinander, wenn sie diese persönlich betrifft, wenn sie nach der eigenen Meinung gefragt und in Entscheidungs-prozesse eingebunden werden.

Falkensteiner : Die Autonomie war eine geradlinige Weiterführung der Grundschulreform. Anfangs war oft zu hören: „Das haben wir immer schon gemacht!“ Diese Einstellung hinderte einige daran, sich zu informieren und zu öffnen. Entscheidend für die Umsetzung der Autonomie war und ist der Zeitrahmen, den man sich zugestehen muss, um Entwicklungen wachsen und reifen zu lassen. Untätigkeit jedoch ist der größte Fehler, den man in einem Prozess, wo es um Autonomie, um Innovation geht, machen oder zulassen kann. Ich denke, das Einbinden des Kollegiums ist ein Grundpfeiler in der Auseinandersetzung.

Ladurner : Autonomie ist nicht so sehr eine Frage von Gesetzen, sondern vielmehr eine Frage von Haltungen. Die Kernfrage ist: Bin ich bereit, die große Freiheit, die sich mir eröffnet, zu nutzen und dafür die Verantwortung zu übernehmen? Wir hatten hier in Südtirol immer schon eine relativ große Freiheit, Entscheidungen im Schulbereich treffen zu können. Es hat auch über Gewerkschaften und Lehrerverbände ein reger Meinungsbildungsprozess stattgefunden. Ich glaube nicht, dass man von mangelnder Information sprechen kann.

 

f Ist die Autonomie noch zu wenig verwurzelt, obwohl sie schon acht Jahre praktiziert wird?

Ladurner : Die Frage ist, wie weit ist die Schule als Institution eingebunden und wie sehr sind die Akteure, Lehrpersonen, Schüler/innen, Eltern damit vertraut. Dieses Zusammenspiel zwischen der Institution, die sich ein Profil gibt und den Herausforderungen stellt, und den einzelnen Betroffenen und Beteiligten ist wohl die größte Schwierigkeit. Als Lehrer hat man einen gewissen Handlungsspielraum. Das dann auf die Schule als Ganzes zu übertragen, ist nicht immer ganz gelungen.

Falkensteiner: Mit dem Stichwort Autonomie wurden von zehn Jahren hohe Erwartungen und auch starkes Misstrauen geweckt. Mit alten Lehrplänen und Programmen wollte man dem radikalen Bruch entgegenwirken. Die Erneuerung sollte sich sanft vollziehen. Deswegen muss auch das unterschiedliche Tempo der Schulen berücksichtigt werden. Da denke ich, dass es nicht unbedingt gut ist, wenn wir uns immer miteinander vergleichen. Wer sich nur mit anderen vergleicht, „wird immer gleicher“.

Die Entwicklung in den letzten Jahren war ja auch nicht immer geradlinig; es hat Anregungen und Rücknahmen gegeben. Unsere Unterstützungsmaßnahmen auf Landesebene im Bereich der Innovation sind gewiss großartig. Doch Innovation lässt sich weder befehlen, noch kaufen. Dezentralisierung kann nur als Prozess, nicht als Aktionismus wachsen. Ich denke, es gibt für jede Phase auch einmal ein Ende. Zu lange Erprobungsphasen bleiben unverbindlich. Es muss eine Erprobung geben und dann muss ein Fazit gezogen werden, damit man sich neu orientieren kann.

Autonomie ist also sicher verwurzelt, aber Autonomie bedeutet auch Rechenschaftslegung, Evaluation und weitere Schritte. Neben den Wurzeln braucht es also auch Flügel und Spielräume.

 

f Laut einer wesentlichen Zielsetzung des Landesgesetzes zur Schulautonomie soll das Bildungsangebot nach den Erwartungen der Schüler und Familien differenziert werden. Ist das nicht utopisch, wo doch die Erwartungen oft meilenweit voneinander entfernt liegen?

Bachmann : Aus den Erfahrungen an unserer Schule im Bereich der Wahl- und Wahlpflichtangebote, die wir im Kollegium erarbeitet haben, kann ich sagen, dass Differenzierung durchaus gelungen ist. Wir sind davon ausgegangen: Wir tun das Bestmögliche für unsere Schüler, für unsere Lehrer mit den Mitteln, die wir haben. Die Angebote werden allgemein als Bereicherung für die Schüler/innen gewertet. Das bestätigen uns auch die Rückmeldungen der Schüler, Eltern und Lehrpersonen. Wenn unter Differenzierung allerdings die Differenzierung im Klassenverbund gemeint ist, dann stoße ich als Lehrer doch leicht an die Grenze des Machbaren.

Falkensteiner : Ich muss versuchen, ein Umfeld zu schaffen, wo Schüler und Lehrer auch mal was probieren können. Wir haben mit kleinen Schritten begonnen. Die Organisation war das große Problem. Die Vorschläge kamen aus dem Kollegium, ich als Direktor gebe nicht Details vor, sondern „Leitplanken“, die einerseits Sicherheit und andererseits auch den nötigen Freiraum geben. Lehrpersonen sind ja von sich aus auch interessiert, ihr Können, ihre Ressourcen, Kenntnisse und Erfahrungen einzubringen. Unser Kollegium ist aktiv, fleißig; es will den ganzen Prozess mittragen. Aufgabe ist es, die Arbeit mit Herz und Leidenschaft zu machen.

Ladurner : An der Oberschule ist die Differenzierung schon durch die Vielfalt an Fachrichtungen vorgegeben. Differenzierung ließe sich besser durchführen, wenn es klare, für alle verbindliche Standards gäbe. Die internationalen Erhebungen geben Messlatten vor und schaffen auch Unsicherheit, worauf man sich eigentlich konzentrieren soll. In der Vielfalt an Anforderungen sollte eine Klärung vorgenommen werden, wie viel Kernkompetenzen und Kernwissen unsere Jugendlichen brauchen. Immer werden Mindestkompetenzen eingefordert, bisher hat man aber verabsäumt, sie zu definieren.

                         

                         v. l. n. r.: Germar Bachmann, Lehrer für Literarische Fächer, Markus Falkensteiner, Direktor

                              vom SSP Bruneck 1 und Anton Ladurner, Direktor des Pädagogischen Gymnasiums Meran

 

f Die Verantwortung der Mitglieder der Schulgemeinschaft soll durch die Autonomie gestärkt werden? Kann man das als Demokratisierung verstehen?

Falkensteiner : Wo Lehrer und Eltern den Entwicklungsprozess der Schule mitgestalten können, stehen sie auch dazu. Die Vielfalt an Mitarbeitern an der Schule, Koordinatoren, Arbeitsgruppen usw. zeigt, dass sie bereit sind, sich für die Sache zu engagieren. Betrachten wir das Lehrerkollegium: Es gibt kaum Gruppen, wo sich so viel intellektuelles Kapital ansammelt. Dies gilt es zu aktivieren, indem man alle einbindet. Als Führungskraft muss ich auch bereit sein, Fehleinschätzungen zu riskieren. Will ich Prozesse in Gang setzen, will ich Mitarbeiter/innen einbinden, dann muss ich ihnen dieses Vertrauen entgegenbringen und den Rücken stärken. Vertrauen ist eine Grundlage für Demokratisierung. Schulen und Schüler/innen leisten soviel, wie wir ihnen zutrauen. Lehrer/innen, die sich einbringen können, wollen ihre Arbeit auch gut machen.

Bachmann : Wir haben an unserer Schule die Erfahrung gemacht, dass Leute, die mitarbeiten wollen und eingebunden werden, auch zu den Entscheidungen stehen. Die großen Unsicherheiten der ersten Jahre wurden ausgestanden, weil wir wussten: Wir dürfen Fehler machen, wir haben die Rückendeckung der Schulleitung. So haben wir doch einiges zum Wohl der gesamten Schulgemeinschaft schaffen können. Wenn ich daran denke, wie viel im Kollegium mit den Koordinatoren und auf allen Ebenen besprochen und umformuliert, wieder zurückgenommen und/oder abgeändert wurde, dann ist das eine Menge demokratischer Arbeit.

Ladurner : Autonomie baut darauf auf, dass ich Vertrauen in die Fähigkeit der einzelnen Akteure setze. Ich muss auch Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit und das Verantwortungsbewusstsein der Schüler haben. Ich will davon ausgehen, dass Bildung auch für sie ein erstrebenswertes Ziel ist. Deshalb sind wir gut beraten, wenn wir Schüler/innen in die Entscheidungsprozesse von Bereichen, die sie persönlich betreffen, wie Lernen, Bewertung, Prüfungsprozeduren, einbeziehen. Ich möchte hier aber auch auf den Unterschied zwischen Autonomie und Schulreform hinweisen, das sind zwei verschiedene Dinge. Autonomie kann dazu da sein, Reformbestrebungen zu entwickeln, was aber nicht ihr einziger Zweck sein darf.

Falkensteiner: Wir hatten und haben absolute Freiheit, was den Zeitrahmen betrifft. Es ist sehr wichtig, dass ich Zeit genug habe, Dinge durchzudiskutieren, Vorstellungen anzuhören. Es muss einfach gesagt werden: Die Voraussetzungen, finanzieller und struktureller Art, sind gegeben und zwar in lobenswerter Weise.

 

f Stimmt es, dass dies oft auf eine Konfrontation Lehrerkollegium versus Verwaltung/Direktion hinausläuft?

Falkensteiner: Wenn Angst der Begleiter ist, dann kommen unabschätzbare Reaktionen. Der Streik im Vorjahr betraf die Schulreform, nicht die Autonomie. Ich wünsche mir, dass sich die Gewerkschaften um das Dienstrecht und die Kollektivverträge der Lehrpersonen, dass sich Politiker um die Bildungspolitik und die Lehrerverbände um Anliegen der Lehrerschaft kümmern und dass die Kompetenzen nicht vermischt werden. Eine Flurbereinigung täte da gut.

Ladurner : Demokratie ist kein konfliktfreier Raum. Wenn man um eine Entscheidung ringt, mag es auch unterschiedliche Positionen geben, die Differenzen gilt es auszutragen.

 

f Vielerorts wird in Sekretariaten gestöhnt, die Autonomie verschiebe Verwaltungsarbeit vom Schulamt in die Schulsekretariate. Man fühlt sich durch die Übernahme von immer mehr Aufgaben überlastet. Wie stehen Sie zu solchen Aussagen?

Falkensteiner: Mit den neuen Direktionsverteilungsplänen sind zwei Schulstufen, die jahrelang andere Verwaltungsgrundlagen hatten, zusammengeführt worden. Man hat das Verwaltungspersonal im Zuge der Anpassung der Gehälter nicht gebührend beachtet. Organisation und Verwaltung der Wahl- und Wahlpflichtangebote z. B. binden sehr viel Zeit und Energie. Es hat zwar begleitend Unterstützungsmaßnahmen, besonders im Technologiebereich gegeben, aber die Herausforderung, die Anpassung, die Übernahme von Arbeiten sind geblieben. Eine gute Verwaltung ist auch eine Säule für eine gute Pädagogik.

Ladurner: Alle Maßnahmen in der Schulfürsorge laufen über das Sekretariat. Die elektronische Datenverarbeitung hat den Papierberg an Schulen nicht gemindert. Das Verschicken von Mitteilungen und Informationen per Knopfdruck hat auch seine Tücken, und zu häufig ist eine Arbeitskraft den ganzen Vormittag nur mit der Bewältigung der Post beschäftigt. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass neben der Zuständigkeit, die die Schule hat, nach wie vor zentrale Ämter versuchen, ihren Einfluss geltend zu machen und dass eine Fülle von Dienststellen ihre Angebote unterbreiten. Anfang September z. B. wurden die Schulen von einer solchen Flut von Angeboten und Anregungen überschwemmt, dass man sich manchmal schwer tut, den Überblick zu behalten. Da stellt sich schon die Frage: Können wir wirklich das alles bewältigen? Klar sind es Angebote, aber man erwartet sich natürlich auch, dass sie wahrgenommen werden. Und wie viel Zeit bleibt uns noch für den Kernunterricht? Ich möchte das nicht als Kritik verstanden wissen, aber man muss sich schon fragen: Wie viel Hilfe ist sinnvoll und wo ist die Gefahr der zu starken Lenkung?

Falkensteiner: Interessant. Aus der Sicht des Schulsprengels empfinde ich die Dienstleistungen im Schulamt als sehr positiv, ich habe einen offenen Dialog, mich unterstützt die jetzige Struktur, ich fühle mich gut bedient. Die Fülle von Angeboten empfinde ich als Bereicherung, an der wir teilnehmen können; vielleicht hat es auch mit der Schulstufe zu tun.

Bachmann : Ja, wenn es um Initiativen geht, die auf Kosten des Kernunterrichts gehen, da wird im Lehrerkollegium auf Schulebene und auf Klassenebene recht kontrovers diskutiert. Besonders in der ersten Fachgruppensitzung im Schuljahr wird man von der Fülle an Planungsvorschlägen fast erschlagen.

Ladurner: Für manche Fachgruppen gibt es schon zu Beginn des Schuljahres eine dicke Mappe an Angeboten und alle diese an sich löblichen Initiativen müssen doch bearbeitet werden.

 

f Das Schulprogramm ist die Basis der Autonomie an der Schule. Oft fehlt dafür das Bewusstsein. Sollte man hier besser informieren?

Bachmann : Ich glaube nicht, dass alle Lehrer an einer Schule das Schulprogramm kennen. Schulprogramme sind sehr komplexe Papiere und die Kollegen sind schon so sehr mit Arbeit eingedeckt, dass sie sich das Durchackern dieses Dokuments nicht mehr antun. Kollegen, die länger an der Schule sind, haben das Schulprogramm über die Arbeit in sich aufgenommen. Ein Lehrer, der nur ein oder zwei Jahre bei uns ist, muss nicht alle Details kennen.

Falkensteiner: Ein Schulprogramm erfüllt die doppelte Funktion: nach innen zu orientieren und Abläufe zu regeln und nach außen zu informieren. Es ist der Leitfaden, in dem sich alle Schulstellen wiederfinden, und es muss schlank sein. Es ist ein mehrjähriger Plan, der als Rahmen Stabilität hat und gibt und Verbindlichkeiten schafft.

Ladurner: An der Oberschule sind jedes Jahr 20 – 30 % der Lehrkräfte neu, deshalb scheint mir das Wichtigste zu sein, dass eine Übereinstimmung in der Philosophie der Schule da ist: Worauf legen wir Wert? – Für mich wäre das z. B. der gegenseitige Respekt oder die Auffassung einer Schule für junge Erwachsene und die Bereitschaft sich miteinander abzusprechen, so dass es keine Diskrepanz gibt zwischen Schulprogramm, Jahresplan und Unterricht.

 

f Immer wieder wird kritisiert, die Autonomie schließe wesentliche Teile aus, etwa im Personalbereich. Ist sie also unvollständig? Braucht, wünscht die Schule eine Personalautonomie?

Ladurner: Die Qualität einer Schule steht und fällt mit dem Personal. Neben der fachlichen und der didaktischen Qualifikation der Lehrpersonen braucht es auch eine Identifikation mit dieser Schule. Wenn jemand sagt, ich mach da nur einen Job, dann kann der Direktor auch nicht die Verantwortung für das Ergebnis übernehmen. Eine Lehrperson, die sich gut einbringen will und ihre Arbeit gut leisten will, wird sich auch eine Schule suchen, an der sie gut zurechtkommt, wo sie gut arbeiten kann.

Falkensteiner : Es wäre an der Zeit, die Identifizierung an der Schule mit einem stabileren Kollegium zu ermöglichen. Arbeitsverträge, wie auch wir Direktoren sie haben, könnten hier was in Bewegung setzen.

Ladurner: Es muss gekoppelt werden an eine transparente, sinnvolle und wertschätzende Form der Bewertung. Es ist eigentlich nicht einsichtig, dass eine Kategorie, die jahrzehntelang andere prüft und bewertet, sich selber vehement dagegen wehrt, die eigene Arbeit zu reflektieren und bewerten zu lassen. Bewerten heißt nicht „in Frage stellen“.

Falkensteiner : Es geht auch hier um Ängste.

Bachmann : Ich denke, dass es für die jüngeren Lehrer wahrscheinlich kein Problem ist.

 

f Mehr Autonomie heißt auch mehr Verantwortung und mehr Kontrolle von außen. Sieht man an den Schulen eher das Positive an diesen Aspekten oder wird die Belastung stärker gefühlt?

Falkensteiner : Ich habe die Revisoren als Begleiter und als Entlastung erfahren. Die Zusammenarbeit war sehr gut. In der externen Evaluation waren wir im ersten Monitoring dabei und haben heuer die große externe Evaluation miterlebt. Es war für das Kollegium und auch für die Eltern eine neue Erfahrung. Auch hier hat es mit Transparenz zu tun: Wichtig ist echt, authentisch zu sein.

Ladurner : Wir haben uns der externen Evaluation noch nicht unterzogen; wir haben eine Absolventenbefragung vorgenommen. Die Revisoren habe ich auch als Begleiter erlebt; sie bringen zusätzliche Kompetenzen ein. Hier war es mir wichtig, immer dabei zu sein.

Falkensteiner : Wenn sich das Lehrerkollegium eingebunden fühlt, bewegt sich der Prozess konsequenter und mit Neuerungen, so kann Schulentwicklung voranschreiten. Ich mache die gute Erfahrung in meinem Kollegium, dass wir mit kleinen Schritten begonnen und dann modulartig weitergearbeitet haben. Den Prozess mit vielen Neuerungen voranzutreiben schafft nur das Kollegium.

Bachmann : Es gibt zwar mehr an Arbeit in der Planung, aber ich darf mitmachen, mitentscheiden, darf Schule weiter entwickeln. Das ist wichtig.

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