Fürchtet euch nicht

Schulautonomie als Schutz

 

If you can't solve a problem, it's because you're playing by the rules. (Paul Arden )

 

Die Möglichkeiten Schule eigenständig zu gestalten sind vorhanden. Es braucht Mut dazu und die demokratischen Spielregeln: Diskutieren, abstimmen, Entscheidungen akzeptieren. Und unterschiedlichen Entwicklungen positiv begegnen.

von Uschi Pulyer

So ganz radikal kann und darf sich eine Schule nicht von der anderen unterscheiden. Die Abschlüsse müssen vergleichbar sein, ein Kind muss problemlos von einer Schule in die andere wechseln können. Es sollte ungefähr das gleiche Wichtige überall lernen und auf die gleiche Art und Weise bewertet werden.

Die Wege zum Lernerfolg können aber unterschiedlich sein. Die Schule hat eine „didaktische Autonomie“, von der mancherorts Gebrauch gemacht wird: Die Anfangszeiten am Morgen unterscheiden sich, die Längen der Unterrichtseinheiten, der Unterricht findet an unterschiedlichen Nachmittagen und Tagen statt. Insgesamt wird eine europäische Tendenz spürbar: Die Individualisierung des Unterrichts spiegelt sich auch in der Organisation von Schulen und „autonome“ Wege werden erprobt, um ein Kind bestmöglich zu fördern.

 

Das „Obermaiser Modell“

Eine Zusammenarbeit mit der Musikschule und dem Sportverein ist im Schulprogramm verankert. Da findet sich die Aussage, dass die Schule keinem Kind ein Musikinstrument beibringen kann und auch keinen Unterricht in einer speziellen Sportart anbieten kann. Die pädagogische Überzeugung ist aber, dass gerade Sport und Musik für die Entwicklung eines Kindes förderlich sind. Vor diesem Hintergrund entstand das Projekt einer Zusammenarbeit mit eben den Einrichtungen, die ihrerseits die Kinder schon in diesen wichtigen Bereichen fördern.

Damit die Zusammenarbeit für die Kinder auch bedeutsam ist und eine Auswirkung auf ihre schulische Entwicklung hat, entschied man sich für die Anerkennung einer Wochenstunde im Wahlpflichtbereich. Der Unterricht in der Musikschule hat somit tatsächlich eine Bedeutung – er wird dokumentiert und bewertet. Die Schule ist nicht mehr der alleinige Bildungsträger. Aber nur, wenn das ausdrücklich von den Eltern gewünscht wird. Die Schule bietet alles an und kommt ihrer Aufgabe als Bildungseinrichtung nach – kein Kind wird weggeschickt.

Die Entscheidung, die an einer Schule von den Beteiligten (Eltern, Lehrern, Schulrat) getroffen worden ist, muss akzeptiert werden. Für die Schule in Obermais ist das ein guter Weg, der zu einem besseren schulischen Lernen beiträgt.

 

Bewahren und Erneuern

Solche Projekte der autonomen Schulen gibt es viele und sie durchlaufen die gesamte Gefühlspalette: Sie werden bewundert, gewünscht, gefordert, angefeindet, hintertrieben, verhindert. Wie immer erwächst viel Misstrauen und Ablehnung aus der Unkenntnis. Das Projekt wird als solches nicht genau unter die Lupe genommen, sondern als Neuerung zunächst einmal abgelehnt – wie es oft mit Neuerungen passiert.

Überhaupt unterliegt die Schule einem starken Pendelschlag zwischen Bewahren und Erneuern. Jeder ist einmal in die Schule gegangen, hat gute und schlechte Erinnerungen und möchte mitreden. Zwischen Aussagen wie „Das hat uns damals auch nicht geschadet und soll so bleiben“ und „Schulen verändern sich langsamer als Kirchen“ finden sich die Gestalter von Schulen. Die Wünsche der Eltern müssen ernst genommen werden, die gute Schulbildung entscheidet mehr denn je über einen Teil des Lebensglücks, die rasanten Veränderungen muss gerade die Schule vor dem Hintergrund der sich verändernden Lebenswelten der Kinder mittragen. Das „ewig Gestrige“ kann nicht mehr verantwortet werden.

Die Autonomie der Schulen soll mithelfen, zeitgemäße Antworten zu finden und einem Zentralismus entgegenzuwirken, der nicht für alle Schulrealitäten das „Richtige“ vorgeben kann. Es zeigt sich so die Stärke einer „inneren“ Autonomie: Die Einführung einer Betragensnote kann sicher nicht die tiefgreifenden Probleme einer Gesellschaft lösen, in der sich der Ausländeranteil erhöht, die alten Sicherheiten bröckeln und das Internet unser ganzes Wissen und Lernen auf den Kopf stellt. Die autonome Schule ist in Ihren eigenständigen Entscheidungen gefragt: Was ist für unsere Schüler förderlich? Wie gehen wir mit diesen Neuerungen um?

 

Autonome Schulen – eigenständige Schüler

Wir möchten, dass die Erwachsenen von morgen eigenständig entscheiden, zu ihren Entscheidungen stehen und Verantwortung übernehmen. Dann müssen wir genau das vorleben und uns selbst zu den Dingen durchringen, die wir in wichtigen Papieren fordern: Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenz, Flexibilität, Aufgeschlossenheit und Selbstbewusstsein.

Gesetze sollen uns dabei helfen und Dinge ermöglichen – nicht verhindern. Das neue Bildungsgesetz ist in manchen Bereichen überflüssig (weil schon durch frühere Gesetze geregelt), in manchen Bereichen hinderlich und in manchen Bereichen immer noch lückenhaft. Die Möglichkeit der autonomen Gestaltung der Bewertungen im Sinne eines „Projektes“ oder eines „Schulversuchs“ wäre wünschenswert gewesen. Die Schritte der Eigenständigkeit bringen uns nach vorne und schützen vor rückwärts gerichteten populistischen Maßnahmen.

 

 

 

 

 

 

 

Uschi Pulyer ist Direktorin

am SSP Meran/Obermais.

DISKUSSION