Versuch einer (kritischen) Bilanz

Unser Weg zu Leitbild und Schulprogramm

 

Seit November 2002 hat das Realgymnasium Bozen ein Schulprogramm. In Zusammenhang mit der Verabschiedung des Landesgesetzes zur Autonomie der Schulen im Jahr 2000 und der damit verbundenen Aufbruchstimmung hat sich auch unsere Schule auf die Entwicklungsarbeit eingelassen.  

von Gertrud Verdorfer

 

Eine Besonderheit dabei war vielleicht die Tatsache, dass die Arbeit an Leitbild und Schulprogramm von Anfang an auf einer relativ breiten Basis stand, dass an unserer Schule schon im Schuljahr 2000/01 auf Initiative des Lehrerkollegiums Koordinatorinnen ernannt worden waren, die – natürlich gemeinsam mit der Schulleitung und anderen Mitgliedern der Arbeitsgruppe – diesen Entwicklungsprozess maßgeblich gestalteten und begleiteten.

Ausgegangen sind wir dabei von der Formulierung eines Leitbildes: Wir wollten das Profil unserer Schule herausarbeiten und nach außen hin sichtbar machen, Zielvorstellungen formulieren, denen unsere Arbeit verpflichtet ist und schließlich die Entwicklungsrichtung vorgeben. Über Vertreter/innen der einzelnen Fachgruppen in der Arbeitsgruppe war – zumindest vom Konzept her – das ganze Kollegium involviert und ich erinnere mich, dass im Zuge dieser Arbeit durchaus harte und kontroverse Diskussionen im Kollegium geführt wurden, z. B. um die Frage, in welchem Verhältnis der allgemein bildende Charakter der Schule zur mathematisch-naturwissenschaftlichen Ausrichtung steht.

Waren bei der Entwicklung des Leitbildes die Eltern nur über die Vorstellung und Diskussion im Elternrat eingebunden, wollten wir bei der Ausformulierung des Schulprogramms Schüler/innen und Eltern direkt in die Arbeitsgruppe einbeziehen. Gelungen ist uns das auf der Schülerseite, die Eltern haben auf diese Mitarbeit verzichtet. Konzipiert haben wir das Schulprogramm als schulinternes Arbeitsprogramm, das ein möglichst konkretes und lebendiges Bild der Schule zeichnen sollte, das sichtbar macht, wo sie in ihrer Entwicklung steht und in welchen Bereichen und in welcher Form sie sich konkret weiterentwickeln will. Ausgehend von der Struktur und dem Entwicklungsstand der Schule, den Grundsätzen des Leitbildes, der Rolle der Einzelfächer im Bildungskonzept der Schule versucht das Schulprogramm in den verschiedenen schulrelevanten Bereichen deutlich zu machen und festzuhalten, wo wir stehen und in welche Richtung wir uns entwickeln wollen, welche Schwerpunkte wir uns konkret vornehmen und wie wir sie erreichen wollen.

 

Rolle und Wahrnehmung des Schulprogramms heute

Nach der Fertigstellung wurden Leitbild und Schulprogramm im Rahmen einer Schulfeier präsentiert, das Leitbild liegt in einer grafisch sehr schön gestalteten Form vor, es wird den Eltern der neu eingeschriebenen Schüler/innen vorgestellt und dient auch sonst als „Visitenkarte“ nach außen. Das Schulprogramm wurde allen Lehrpersonen ausgeteilt, Lehrpersonen, die neu an unsere Schule kommen, bekommen ein Exemplar ausgehändigt und werden in die Schwerpunkte eingeführt. Seit 2002 wird es jährlich aktualisiert, die aktuelle Fassung findet sich auf unserer Homepage und in gedruckter Form im Lehrerzimmer. Nach anfänglichen Versuchen sind wir davon abgekommen, jedes Jahr die aktuelle Fassung in den Klassen aufliegen zu lassen.

Wenn ich mir heute diesen Prozess vergegenwärtige, denke ich, dass wir bei der Entwicklung des Schulprogramms in Entstehung und Zusammenarbeit vieles richtig gemacht haben. In den Jahren des Entstehungsprozesses und unmittelbar danach wurde die Arbeit daran im Kollegium recht stark wahrgenommen und es gab auch durchaus Identifikation mit dem Produkt. Trotz dieser gelungenen Entstehungsgeschichte stellt sich heute die Frage, wie stark Leitbild und Schulprogramm im Kollegium verankert sind, wie sehr Schüler/innen und Eltern die Existenz dieser Instrumente wahrnehmen.

Bei Eltern und vor allem bei Schülerinnen und Schülern beantwortet sich diese Frage relativ leicht: Sie beurteilen ihre Schule und deren Qualität nicht nach der Existenz und Beschaffenheit eines Schulprogramms, sondern danach, wie sie das Leben an der Schule erfahren, wie sich Beziehungen gestalten, wie sie wahrgenommen und aufgenommen werden.

Etwas differenzierter ist die Frage nach der Wirksamkeit des Schulprogramms bei den Lehrpersonen zu sehen: Ich gehe nicht davon aus, dass die Existenz des Schulprogramms für die Mehrzahl der Lehrpersonen bei der täglichen Arbeit von großer Bedeutung ist. Es ist nicht anzunehmen, dass sehr viele Mitglieder unseres Kollegiums den aktuellen Text des Schulprogramms gut kennen und Aktualisierungen verfolgen, auch wenn das immer wieder Thema bei Plenarsitzungen war und ist. Ich denke, dass dies der Normalzustand ist und kein großes Problem darstellt. Der Wert des Schulprogramms liegt anderswo.

 

Schulprogramm und Schulentwicklung

Leitbild und Schulprogramm helfen dabei, Identität und Selbstverständnis einer Schule zu definieren und bewusst zu machen und sie spielen – zumindest unserer Erfahrung nach – eine wichtige Rolle bei der Schulentwicklung. Sie sind Instrumente der Planung, der Selbstvergewisserung und der Schwerpunktsetzung und sie schützen – wenn man sie ernst nimmt – vor Beliebigkeit und allzu unreflektierter „Aktualität“. Im Gegensatz zum herkömmlichen Tätigkeitsplan, bei dem das laufende Schuljahr der wichtigste Bezugsrahmen ist, werden in der Fortschreibung des Schulprogramms Entwicklungen planbar und sichtbar, werden aus der Menge der Bausteine, die sich Jahr für Jahr zur Bearbeitung anbieten und aufdrängen, mit mehr Bewusstheit jene ausgewählt, die sich ins „Gesamtbauwerk“ einfügen und dieses weiterführen.

An unserer Schule stehen die Einführung der „Pädagogischen Tage“, die verstärkte Betonung des Förderaspekts, das Betriebspraktikum in den vierten Klassen, der Schwerpunkt „Lernen lernen“, die Initiative „Fenster zur Wissenschaft“, um nur einige signifikante Beispiele herauszugreifen, in direktem Zusammenhang mit der Arbeit am Schulprogramm. Natürlich kann man einwenden, dass manches von dem vielleicht trotzdem geschehen wäre, aber wir können so besser sagen, warum wir uns gerade dafür entschieden haben und welche Bedeutung es für uns hat.

Wie schon gesagt: Schulprogrammarbeit und Schulentwicklung kann nie über einen längeren Zeitraum ein ganzes Kollegium involvieren, aber sie muss trotzdem möglichst breit getragen werden. Ein Direktor, eine Direktorin kann allein schwer Schulentwicklung betreiben, insofern kann sie auch alleine kein Schulprogramm schreiben, aber ohne sie geht es natürlich auch nicht. Unser Weg ging über eine relativ konstante Gruppe von sechs bis acht Personen, die sich intensiver mit diesem Prozess beschäftigt und in kleinen Schritten Entwicklungen vorantreibt. Grundvoraussetzungen sind eine gute Kommunikation und Kooperation auf den verschiedenen Ebenen der Schule, Offenheit und Transparenz in den Entscheidungsprozessen und Handlungsspielräume und -möglichkeiten, die nicht jedes Jahr von neuen Vorgaben und Verordnungen beschnitten werden.

 

Gertrud Verdorfer unterrichtet am Realgymnasium Bozen und ist Koordinatorin für die Umsetzung des Schulprogramms.

PRAXIS