|
"Wie die Türme meiner Stadt..." Bildungskonzept als praktisches Modell: Ein Theaterprojekt Ministerielle Verordnungen und Qualitätssiegel? Was kann die unendliche Diskussion um Bildung bringen? Wie können theoretische Bildungskonzepte konkret in autonome Gestaltungsmodelle im Unterricht übergeführt werden? In folgendem Beitrag soll ein Verständnis von Qualität einer inneren Schulentwicklung gezeigt werden . von Ferruccio Delle Cave
Fähigkeiten und Wissen, Einfallsreichtum und Kreativität sind wichtige Ressourcen, die schulischen Bildungskonzepten eine wichtige Grundlage verleihen. So gesehen bedeutet Bildung nicht nur Wissen und Qualifikation, sondern auch Orientierung und Urteilskraft. Sie befähigt uns, zwischen Wichtigem und Unwichtigem, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und stellt den ganzen Menschen in den Mittelpunkt.
Konkretisierung von Bildungsmodellen Erst wenn Wissen und Wertebewusstsein zusammenkommen, ist der Mensch fähig, verantwortungsbewusst zu handeln. Ein grundlegender Bezugspunkt aktueller Bildungskonzepte liegt in der sinnlich-ästhetischen Dimension von Bildungsvorgängen und Bildungsinhalten. Ohne gegenseitige Vernetzung dessen, was wir in den Humanwissenschaften unter den „klassischen“ Kategorien von Denken und Handeln im klassischen Axiom des „Wahren, Schönen und Guten“ subsumieren, muss jedes schulische Bildungskonzept scheitern, es sei denn, es verpflichtet sich einer ganzheitlichen Menschenbildung. Vor diesem Hintergrund können Projekte in schulischen Bildungsprozessen auf ästhetisch-ethisch verbundene Erlebnis- und Handlungsweisen überführt werden.
Beispiel: fachübergreifende Sprecherziehung Im Rahmen eines so verstandenen Bildungsprozesses war denn auch das zweisprachige Projekt einer Erarbeitung und Aufführung von Euripides' „Medea“ durch die 5. Klasse Kunstfachrichtung des Humanistischen Gymnasiums „Walther von der Vogelweide“ im vergangenen Schuljahr angesiedelt. Die beiden Projektleiterinnen, Anna Christoph, Fachlehrkraft für Deutsch und Latein, und ihre Italienischkollegin Adriana Sartor nahmen zuerst den Originaltext der Tragödie von 430 v. Ch. in deutscher und italienischer Sprache zum Anlass, um Sprach- und Sprecherziehung in einem Fächer verbindenden Modell zu vereinigen. Unter der Leitung der Regisseurin Flora Sarrubbo wurden in einem zweiten Moment die einzelnen Sprechrollen auf die Bühne gebracht. Wichtig ist dabei der Hinweis, dass den Ausschnitten aus dem Originaltext auch Textanleihen aus dem 1996 erschienenen Roman „Medea. Stimmen“ der Christa Wolf unterlegt worden sind. Das Ergebnis monatelanger Bemühungen um Textverständnis, Textlektüre, Textinterpretation, Sprechen und Rezitieren und Bewegungsdramaturgie auf der Bühne, Kostümierung, Lichtregie und Toneffekte war die Aufführung am 30. Januar 2008 im Auditorium „Galileo Galilei“ in der Cadornastraße in Bozen. Die Aufführung war über die beachtlichen Sprech- und Rezitationsniveaus der einzelnen Schauspieler/innen, die den deutschen alternierend italienische Passagen folgen ließen, hinaus sensationell, weil eine aktuelle und heutige Begegnung mit antiken Märchen und Mythen, mit archetypischen Seelen- und Lebenszuständen im Rahmen eines schulischen Entwicklungsmodells gelang, wie sie sich ansonsten im Unterricht kaum einstellt.
Sinnfindung und Lebensimpuls Alle Schüler/innen der Klasse waren in das Projekt eingebunden und erlebten im schulischen und zugleich außerschulischen Unterrichtsbezug bewegende Momente der Sinnfindung und Lebensorientierung. Im Miteinanderlernen begegneten sie unterschiedlichen Handlungsweisen und den ihnen zu Grunde liegenden Wertvorstellungen. So verhalfen die Regisseurin und die beiden Projektleiterinnen den Schüler/innen zur Wahrnehmungsfähigkeit und zum Verständnis für ethisch relevante Situationen, im erweiterten Zusammenhang, wertvolle Orientierungshilfe für werteinsichtiges Urteilen und verantwortungsbewusstes Handeln: So etwa im großen Monolog, in dem sich Medea, überzeugt vom nunmehr sicheren Gelingen ihrer Rache an Kreon und seiner Tochter, sich zur Tötung ihrer Kinder entschließt: „Allein mich überwält'gen Schuld und Not. / Vor welcher Tat ich steh', begreif ich wohl, / doch stärker ist das Herz als die Bedenken, / das heft'ge Herz. Ach, zu den ärgsten Sünden / verführt uns unsres Herzens Leidenschaft.“ Hier wird der Gegensatz von Leidenschaft und Vernunft, von Leiden und Erlösung mitteilbar und erlebbar. Die Schüler/innen eigneten sich dadurch über Textverständnis und Interpretation hinaus die Zusammenschau dessen an, was als eigener Lebensimpuls wirksam werden kann.
Eigeninitiative innere Schulentwicklung Am Beispiel dieses Projekts drängt sich die Frage auf, ob sich die schier unendliche Diskussion um Bildung in der Rezeption ministerieller Maßnahmen oder europäischer Qualitätssiegel erschöpfen sollte oder ob sie nicht letztendlich im Verständnis von Qualität aus autonomen Gestaltungsmodellen von Unterricht geführt werden könne. Dabei versteht sich der Prozess meist in seiner Entstehung aus einer „inneren Schulentwicklung“ heraus, die den Unterricht durch einen bewusst schülerorientierten Ansatz in einem größeren Zusammenhang mit Schulqualität vernetzt. „Innere Schulentwicklung“ als Ergebnis von Veränderungen im Schulleben, die aufgrund von Eigeninitiative der Lehrerschaft die zielgerichtete und planmäßige Entwicklung der Unterrichtsgestaltung und des Schullebens vorantreiben. Ziele eines solchen Prozesses sind zum einen die Verbesserung des Unterrichts und zum anderen die Sicherung von Leistungen bei Schülerinnen und Schülern. Im „Medea“-Projekt sind verschiedene Arten des Lernens und Leistens im Rahmen sozialer, verantwortungsbewusster, individueller, selbstständiger, kognitiver und affektiver Lernprozesse gefördert worden, die wiederum das sensitive und kognitive Potenzial der Jugendlichen anregen. Ohne die kompetente fachliche Gestaltung und Beratung durch die Projektleiterinnen wäre dieser Prozess nicht möglich gewesen, ein Prozess, der Erziehung im weiteren Sinne dem Unterricht übergeordnet hat, Erziehung als soziales Handeln, mit dem man das Erlernen der kulturellen Lebensweise anleitet und unterstützt. Dies ist schließlich ja Ziel, Ausgangspunkt und Grundlage für Schulentwicklung im Rahmen hoher Unterrichtsqualität. Ferruccio Delle Cave ist Direktor des Humanistischen Gymnasiums „Walther von der Vogelweide“ in Bozen
|
PRAXIS |
|---|