|
Das Glück beim Lernen Schaffensfreude oder Dienst nach Vorschrift - Weichen werden früh gestellt
In den letzten Monaten waren in unserem Land große Meister zu Besuch: Manfred Spitzer, Hartmut von Hentig, Leonardo Boff, Johan Galtung. Im Mittelpunkt ihrer Vorträge standen das Lernen und die damit zusammenhängenden Lebenserfahrungen. von Brigitte Haas
Die Referenten waren sich einig: Lernen ist Teil unseres Lebens, es kann uns ein geglücktes und reizvolles Leben bescheren. Trotzdem hat Lernen oft den Beigeschmack von Mühe, Schweiß, Stress, Langeweile – weniger von Freude, Glück, Aufregung, Spannung. Die Institutionen, die in einem Zug mit Lernen genannt werden, sind die Schule und die Universität, neuerdings auch der Kindergarten. Wenn uns das Lernen im Leben so viel bedeutet, warum wird es in der Schule so mühevoll und langweilig erlebt? Wohin entschwindet die Freude, die jedem Kind am ersten Schultag oder bei jedem Schulstufenwechsel aus den Augen strahlt? Warum wird das Lernen in der Schule nur als Pflicht, Zwang, als etwas Fremdes, von der Person Abgespaltenes gesehen?Ich habe einen Traum Der Unterricht beginnt um 9 Uhr, einige Schüler/innen sind schon seit einer Stunde da, sie mussten noch schnell in der Bibliothek oder am Computer etwas erledigen. Er besteht aus Pflicht- und Wahlfächern und endet spätestens um 15 Uhr, danach gibt es freiwillige Angebote, dazwischen ein gemeinsames Mittag-essen in der Mensa. Am Samstag ist schulfrei. Fünf Stunden Unterricht am Tag genügen, jeden Tag die gleichen Fächer, ein Semester lang, dann wird gewechselt, das macht im Schuljahr 10 Fächer. Den Studienplan organisiert sich jeder selbst; bis zur Abschlussprüfung müssen allerdings die vorgeschriebenen Pflichtfächer und die entsprechende Zahl an Wahlfächern vorgewiesen werden. Sitzenbleiben gibt es nicht, wiederholt wird nur das nicht bestandene Fach. Schüler/innen und Lehrer/innen verbringen viel Zeit in der Schule. Getragen wird das Zusammenleben in der Schulgemeinschaft von der jeweiligen Schulphilosophie, die alle Beteiligten akzeptieren müssen. Das bedeutet auch, dass sich die Schulleitung die Lehrpersonen auswählt. Groß geschrieben wird der gegen-seitige Respekt, vor den Menschen, ihrer Persönlichkeit („Eigensinn“), ihren Stärken und Schwächen, der selbst erstellten Schulordnung, den vereinbarten Zeiten und den Sachen. Der Umgang untereinander geschieht auf Augenhöhe, ohne dass Autoritäten in Frage gestellt werden. Leistung ist gefragt. Der Einsatz jedes Einzelnen gilt nicht nur dem individuellen Fortkommen, sondern ganz bewusst dem Funktionieren der Gemeinschaft. Ohne den Einzelnen geht es nicht, jede und jeder wird gebraucht. Dieses Zusammengehörig-keitsgefühl wird durch häufige Schulfeiern gepflegt, bei denen das Geleistete öffentlich gezeigt wird; Ehrungen werden genauso gefeiert wie der Einsatz für den Schulgarten oder für die Mülltrennung. Dabei misst man sich selbstverständlich auch mit anderen Schulen. Die wenigen Fächer in der Woche machen das Leben der Schüler/innen angenehmer. Der Lernstoff ist gegenwärtig, wird intensiv, gründlich und nachhaltig verarbeitet, Zeit verschwendende Wiederholungen fallen weg. Auch die Zeit für Hausarbeiten wird kürzer. Prüfungen finden nur zu festgesetzten Terminen statt. Die Eigenverantwortung der Schüler/innen wird nicht nur in der Wahl der Fächer gefordert, sondern auch in der Wahl des Lerninhalts. Es ist der Abschied vom Gleichschritt, davon, dass alle zur selben Zeit dasselbe machen. Alles ein Traum, nur in einer privaten Schule oder einem alternativen Schulmodell umsetzbar? Ich glaube nicht. Sicher, Träume überhöhen die Wirklichkeit, aber ohne Träume geht nichts voran. Schulen erneuern sich langsamer als Kirchen Die Schule beansprucht einen beträchtlichen Teil der Zeit von Kindern und Jugendlichen, sie erschließt Berufs- und Lebenswege. Darum ist es nicht vermessen, das Beste zu verlangen. Der Boom der Privat-schulen in Deutschland und in Italien bestätigt dies. Selbstbewusste Eltern und zukunftsorientierte Unternehmen nehmen das Thema Bildung selbst in die Hand, wenn das staatliche System zu langsam reagiert und vorankommt. In ihren Berufen müssen Eltern ständig Lösungen für unvorhergesehene Probleme finden, aber bei ihren Kindern erleben sie, wie diese in der Schule „Dienst nach Vorschrift“ lernen und dabei ihre Neugier verlieren. Kluge Unternehmer/innen haben längst erkannt, dass die Schule als Anpassungs- und Vorbereitungsanstalt weit weg von der Wirklichkeit ist. Kreativität und Fantasie beim Lösen von Aufgaben und Problemen, Individualisierung als Voraussetzung, um Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, Selbstständigkeit und Autonomie im Handeln, um überzeugende Arbeit leisten zu können – das sind die Rezepte alternativer Schulmodelle und von Privatschulen. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Ansatz in einer öffentlichen Schule nicht umsetzbar wäre; man denke an die Bielefelder Laborschule oder die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden. In der Tat hält langsam auch in unseren staatlichen Schulen ein reformpädagogischer Geist Einzug, vor allem in der Grundschule, selten in der Oberschule. Aber alles geht sehr langsam voran, wenn nicht gar wieder rückwärts; neue Entwicklungen geben Anlass zu ernsthaften Befürchtungen. Viele Eltern möchten jedoch den Übergang von einer Belehranstalt zu einer Lernschule noch erleben, bevor ihre Kinder erwachsen sind. Reformen greifen kaum… Die Schule muss sich verändern, heißt es schon seit Jahrzehnten. Immer wieder tauchten ansatzweise Reformen auf, aber Visionen von einer zukünftigen Schule blieben meistens in Sonntagsreden oder auf dem Papier stecken. Eine Veränderung der Didaktik allein genügt nicht; mit ihr muss eine Veränderung der Organisation und des Inhalts Hand in Hand gehen, die auf die Schüler/innen und auf die veränderte Welt eingeht. Erkenntnisse der Erziehungswissenschaften und der Hirnforschung werden jedoch nicht zur Kenntnis genommen. Dazu zählen z. B., dass Verstehen für die Aneignung von Kenntnissen wichtiger ist als Wissen, dass Lernen durch Zwang nicht gefördert wird, dass Lernen besser im Zusammenhang der Dinge gelingt. Das Verweilen mit Interesse bei einer Sache, die gründliche Auseinandersetzung mit einem Gegenstand ist kein Zeitverlust weil weniger „Stoff“, sondern ein Zeitgewinn. In seinem Buch „ Die Schule neu denken“ bringt Hartmut von Hentig dies auf den Punkt, wenn er darüber schreibt, was in der Schule endlich überwunden werden müsste: „Wortbelehrung statt learning by doing, ein kunterbunt vollgestopfter Vormittag, Überziehung jeder vernünftigen Aufmerksamkeitsspanne, das Außerachtlassen des Lernens von den Gleichaltrigen ebenso wie die strikte Durchsetzung der Alters-homogenität, das Ignorieren der Pubertät in den Lehr- und Lernformen, das Überwiegen der Entmutigung durch Kritik gegenüber der Ermutigung durch sachgemäßes Lob, das ewige Sitzen in Räumen mit schlechter Luft…“ Anreize schaffen Es ist ein Vorurteil, dass Kinder und Jugendliche lernunwillig seien. Alle Kinder bringen die Lust am Lernen mit in die Schule. Alles, was neu und interessant ist, was sich lohnt, ist eine Herausforderung. Die Bestärkung der Talente und die Anerkennung des Erfolgs beflügeln, nicht die Hinweise auf Fehler und Defizite. Das Vertrauen in die eigene Kraft, die Ermutigung und positive Unterstützung führen zum Glück beim Lernen. Kindern dieses Glück zu ermöglichen, kann doch nicht so schwer sein. Vielleicht müssen sich Lehrpersonen und Bildungspolitiker nur von althergebrachten Vorstellungen lösen und sich darauf konzentrieren, Lernerfahrungen zuzulassen, statt sie unbedingt steuern und gestalten zu wollen.
|
THEMA |
|---|