Vinzentinum, die Schule des Lebens

oder: Tote Sprachen für einen lebendigen Geist

Der ehemalige österreichische Fußballprofi Hans Krankl hat einmal gesagt: „Wir müssen gewinnen. Alles andere ist primär.“ Derselbe Krankl meinte auch: „Wer braucht Latein? Heut' musst noch immer Latein lernen für die Matura. Schwachsinn!“ Die derart liebevoll Betitelten im Brixner Vinzentinum sind da gewiss anderer Meinung und könnten diese gegebenenfalls sogar syntaktisch korrekt kundtun. Ganz nach dem Motto: Latein ist tot, es lebe Latein!

von Harald Knoflach

 

Es rührt wahrscheinlich daher, dass der gute alte Seneca nicht im Vinzentinum die Schulbank gedrückt hat, weswegen sein berühmtester Ausspruch kurzerhand ins Gegenteil verkehrt werden musste, um uns zu gefallen. Tatsächlich kam dem Philosophen in Anbetracht des ausladenden römischen Schulsystems nämlich „Non vitae sed scholae discimus“ (Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir) über die Lippen. Zu viel Überflüssiges werde gelehrt. Überflüssiges? Gibt es das überhaupt? Und wenn ja, warum nicht?

Universalisten sind bessere Spezialisten

Was paradox klingt, ist des Vinzentiners Antwort auf die Herausforderungen des modernen Lebens, das sich in seiner grenzenlosen Vielfalt und Komplexität auch im Angebot der Schule widerspiegelt. Freilich ist das Vinzentinum Latein und Griechisch, es ist aber auch Englisch und Italienisch, Wirtschaftsprojekt und Sozialpraktikum, Theater und Musik, naturhistorisches Kabinett und Laptop – alles nur scheinbare Gegen-sätze, die helfen sollen, den pädagogischen Ansatz der Schule zu erklären:

  • Geistige Flexibilität als Grundvoraussetzung, um sich auf veränderliche Bedingungen einstellen zu können
  • Ganzheitliche Persönlichkeitsbildung über Spiritualität sowie musische und soziale Aktivität

Als „Metakompetenzen“ bezeichnet Direktor Christoph Stragenegg diese Fähigkeiten, die im Vinzentinum über verschiedenste Kanäle injiziert werden.

Barkeeper und soziale Elektriker

Konkret sieht die Verknüpfung von Theorie und Praxis, von Wissen und Fähigkeiten beispielsweise folgen-dermaßen aus: Jeweils in der vierten Klasse der Oberschule starten die Schüler/innen ihr so genanntes Wirtschaftsprojekt. Das ganze Jahr über wird Fächer übergreifend an einem wirtschaftsbezogenen Themen-schwerpunkt gearbeitet. Firmenphilosophien werden akribisch durchleuchtet und Marketingstrategien unter die Lupe genommen. Schließlich stehen an drei Projekttagen noch „Hausbesuche“ bei den teilnehmenden Firmen an. „Dadurch erhalten unsere Schüler einen konkreten Einblick in das wirtschaftliche Leben“, sieht Direktor Stragenegg das Projekt als praxisnahe Vorbereitung auf die geschäftliche Realität. Und diese kommt für die Schüler/innen schneller als gedacht. Sie dürfen nämlich ihr gerade erst erworbenes Wissen um Firmenphilosophien und Marketingstrategien gleich als Manager der hauseigenen Bar des Vinzentinums anwenden. Einkauf und Vertrieb, Kalkulation und Buchhaltung, Öffnungszeiten und Personalfragen, das alles obliegt den Schülerinnen und Schülern. Zuallererst muss eine Corporate Identity, ein Thema gefunden werden. Für eine urige Spelunke haben sich die Schüler/innen der vierten Klasse Oberschule heuer ent-schieden. „Die Taverne“ im gemauerten Keller der Schule ist dreimal täglich jeweils für ein bis zwei Stunden geöffnet. Das Publikum ist dabei bunt gemischt. Die Erstklässler, die gerade eben der Grundschule ent-wachsen sind, schlürfen ebenso lässig ihre Cola wie die angehenden Maturanten, die ersteren gehörig entwachsen sind – um mindestens zwei Köpfe für gewöhnlich. Auch die Lehrer/innen zeigen keinerlei Berührungsängste und frequentieren die „Taverne“ regelmäßig. Mit etwas Glück kann man auch mit dem Erzieher, dem Spiritual oder gar dem Regens anstoßen. Und weil heutzutage ohne „Events“ überhaupt nichts mehr läuft, bieten die Barbetreiber auch Programm, die „Vinzentiner Wirtschaftsgespräche“ bei-spielsweise. Der erwirtschaftete Gewinn fließt in die Klassenkasse, abzüglich einer Spende, die für einen, von den Schülerinnen und Schülern selbst gewählten, karitativen Zweck verwendet wird.

Womit wir bei den Sozialen-Brückenbau-Elektrikern (SBE) wären. Dieser Name steht nicht nur für eine Solidaritätsgruppe, die vor einigen Jahren für eine Partnerschule in Bolivien ins Leben gerufen wurde. Er steht auch für gelebte gemeinschaftliche Solidarität im christlichen Sinne. Er steht für das Verbindende, nicht das Einseitige. Er steht für „anpacken“, aber auch für „Licht ins Dunkel bringen“. Apropos „Licht ins Dunkel“, die Sozialen-Brückenbau-Elektriker veranstalteten heuer auch ein Elfmeterschießen am Brixner Domplatz. Bei „Kick it to Sudan“ floss für jeden geschossenen Penalty ein Euro an ein Entwicklungsprojekt in das vom Bürgerkrieg gebeutelte afrikanische Land.

 

Lesen Sie weiter in unserem Heft!

 

PRAXIS