"Mit Dialekt geht es viel besser!"Die Bedeutung der Sprachenzentren für die Berufsschulen - aufgezeigt am Beispiel der Landesberufsschule Bruneck Ebru, Camelia und Nicoleta sitzen an diesem Freitag in der kleinen Demonstrationsküche der Hotelfachschule Bruneck. Während ihre Klasse im Raum nebenan regulären Englisch-Unterricht hat, pauken sie intensiv mit ihrer Integrationslehrerin. von Marlene Kranebitter
Camelia und Nicoleta sind Schwestern. So richtig kennen gelernt haben sie sich aber erst hier in Südtirol. In ihrer Heimat Rumänien lebten sie in einem Waisenhaus in Pomirla. Über den Verein „Kinder in Not“, den Elsa Wolfsgruber aus Gais ins Leben gerufen hat, kamen die beiden Mädchen bereits vor Jahren immer wieder über den Sommer nach Südtirol. Camelia spricht recht gut Deutsch, aber kaum Italienisch, bei Nicoleta ist es genau umgekehrt. Das mag damit zu tun haben, dass Nicoleta bei einer Pflegefamilie im Gadertal lebt, während Camelia bei Familie Wolfsgruber ein Zuhause gefunden hat. Ihre Eltern kennen die Mädchen nicht. Sie wissen aber, dass sie noch eine Schwester haben, die in Spanien lebt. Kontakt zu ihr haben sie jedoch keinen. Jeden Montag gehen die Schwestern ins Sprachenzentrum von Bruneck, um Deutsch und Italienisch zu lernen. Am Freitag folgen noch zwei weitere Stunden Italienisch. Zum Deutschunterricht gehen sie deshalb nur einmal, „damit wir nicht den Französischunterricht in unserer Klasse versäumen.“
Großes Interesse an Sprachen Camelia und Nicoleta besuchen die erste Klasse des Bienniums für Hotellerie und Gastronomie. Das bedeutet, dass sie jeden Tag bis vier Uhr am Nachmittag Unterricht haben. „Da kann es schon passieren, dass sich die Deutsch- und Italienischkurse des Sprachenzentrums mit den Unterrichtsstunden überschneiden“, erklärt Maria Helene Steiner, die Koordinatorin für Integration und Migration an der Landesberufsschule Bruneck. So versäumen die jungen Leute leider die eine oder andere Unterrichtsstunde und müssen irgendwann in der sonst schon karg bemessenen Freizeit das Versäumte nachholen. Trotzdem empfinden sie es als sehr wichtig, möglichst viele Sprachen zu können und sich vor allem in Deutsch und Italienisch besser ausdrücken zu können. Derselben Meinung ist auch Ebru.
Lebens- und Lernbiografie Ebru ist Kurdin, ihre Familie stammt aus Konya. Konya ist die flächenmäßig größte Provinz der Türkei und liegt auf der inneranatolischen Hochebene. Ebrus Vater kam schon vor zwanzig Jahren nach Südtirol, er arbeitet seit Langem in einer Metall verarbeitenden Fabrik. Vor acht Jahren holte er seine Familie nach. Sieben Geschwister hat Ebru, sie ist die Drittälteste und findet es schön, in so einer großen Familie leben zu dürfen. Als sie nach Südtirol kam, „so mit acht oder neun Jahren“, sprach sie weder Deutsch noch Italienisch. Sie kam in die Grundschule, in die vierte oder fünfte Klasse, so genau weiß sie das nicht mehr. Gezielten Sprachunterricht habe sie zunächst keinen erhalten und „das war schon sehr schwer“. Irgendwie sei es aber schon gegangen, auch wenn sie immer wieder Schwierigkeiten mit den Mitschülern gegeben habe. „Die haben oft blöd geredet.“ In der Hotelfachschule fühle sie sich recht wohl, obwohl es auch hier Mitschülerinnen und Mitschüler gäbe, die sie hänseln, weil sie Ausländerin ist. Und was die Sprache(n) angeht, so meint sie mit einem Lächeln: „Mit Dialekt geht es viel besser.“ Sie würde gerne eine Lehre beginnen. Bis sich dieser Wunsch erfüllt, versucht sie, so viel wie möglich zu lernen. Ein paar Zahlen 1463 Schülerinnen und Schüler sind in diesem Schuljahr an der Landesberufsschule Bruneck eingeschrieben, 587 von ihnen besuchen eine Vollzeitausbildung, 876 gehen in die Lehre. Von den 1463 jungen Menschen haben lediglich 42 eine ausländische Staatsbürgerschaft, 22 von ihnen besuchen regelmäßig die Deutsch- und Italienischkurse im Sprachenzentrum von Bruneck. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler aus Migrantenfamilien hat sich in den letzten drei Jahren, gemessen an der Gesamtschülerzahl, nur unwesentlich verändert. „In den Genuss der Maßnahmen zur Sprachförderung kommen dabei jene, welche vor weniger als drei Jahren zum ersten Mal in das Bildungssystem von Südtirol eingeschrieben wurden“, erklärt Maria Helene Steiner. Waren es im September 2006 14 Jugendliche mit geringen Deutschkenntnissen, so sind es im heurigen Schuljahr 21. Die meisten von ihnen stammen aus dem Kosovo, ihre Muttersprache ist albanisch. Die anderen kommen, so wie Camelia und Nicoleta aus Rumänien, wieder andere aus Serbien, der Ukraine, aus Marokko; Bosnien und Indien. Spracherwerb konkret Die Deutschkurse und auch die Italienischkurse sind eine große Hilfe bei der Integration der jungen Menschen in den schulischen Alltag. Manch einer mag noch immer der Meinung sein, es müsste in der Berufsschule leichter sein, dem Unterricht ohne besondere Sprachkenntnisse zu folgen, weil man ja im Praxisunterricht viel durchs Zuschauen lernen kann. In den Werkstätten, Labors und Küchen gibt es jedoch strenge Sicherheitsbestimmungen und so vieles alles lässt sich nicht durch Vorzeigen vermitteln. Bevor es die Sprachenzentren gab, war es oft recht mühselig, Schülerinnen und Schüler in den Unterricht zu integrieren. Manchmal gab es Crash-Kurse während der Mittagspause, andere Male fand sich eine Lehrperson, die bereit war, nach dem Ende des Unterrichts mit den jungen Leuten zu arbeiten, wieder andere Male versuchten die Lehrpersonen für Integration, den Schülerinnen und Schülern die notwendigsten Sprachkenntnisse beizubringen. So wie bei Danijel. Danijel kam vor zehn Monaten von Serbien nach Südtirol, ohne ein Wort Deutsch oder Italienisch zu können. Seine Eltern waren bereits drei Jahre vorher nach Südtirol gekommen, um eine Arbeit zu finden. Danijel und sein drei Jahre jüngerer Bruder blieben in dieser Zeit bei der Oma. Über einen schulinternen Förderunterricht lernte er zunächst Deutsch und bemühte sich gleichzeitig, dem Unterricht in der Berufsgrundstufe für Holz, Metall, Elektro und Bau halbwegs zu folgen und mit seinen Klassenkameraden irgendwie Schritt zu halten. Jetzt besucht er die Fachschule für Elektrotechnik. Jeden Freitag lernt er nach dem Unterricht am Sprachenzentrum fleißig Deutsch. Italienisch lernt er nur im Unterricht, weil es sich nicht hat anders organisieren lassen, „und das ist sehr schwierig“. Danijel hat bereits Freunde gefunden. Nur mit dem Pusterer Dialekt hat er so seine Probleme, „Mit Hochdeutsch geht es besser“, bekennt Danijel freimütig.
|
DIS KUS SION |
|---|