Schule am Großmarkt von Quito

Im Sabbatjahr als Freiwillige in einer Schule für indigene Kinder in Quito

Es begann mit einem Alphabetisierungskurs für Angestellte. Heute verfolgt die kleine Schule des Großmarktes von Quito das Ziel, die kulturelle und sprachliche Identität und das Selbstbewusstsein der Indio-Kinder zu entwickeln und zu festigen. Sie wird von 180 Kindern besucht.

von Daniela Pagliarin Karner

Mit Herbst 2007 habe ich von einer wundervollen Möglichkeit für uns Lehrkräfte Gebrauch gemacht: Ich gönnte mir ein Sabbatjahr! Die Zeit bis Weihnachten verbrachte ich in Australien, wo ich einen Sprachkurs besuchte. Nach der winterlichen Rückkehr zu meiner Familie, brach ich im Februar 2008 erneut in die Ferne auf. Da ich Anfang der 80er Jahre in Venedig Spanisch und Lateinamerikanistik studiert hatte, bisher aber noch nie in Südamerika war, war es mein ausdrücklicher Wunsch, dieses Land zu sehen. Meine Doktorarbeit hatte ich über Literatur in Ecuador geschrieben. So stand mein Ziel auch schon fest.

 

Quito

Die ersten Wochen verbrachte ich in Begleitung meines Mannes in Quito bei unserem aus Bozen stammenden Freund Matthias Abram, der seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich für zweisprachige Schulen (Quichua/Spanisch) für indigene Kinder kämpft. Er war es dann auch, der mich in Kontakt mit Irma setzte, der Leiterin einer ganz besonderen Schule in Quito. Bei ihr und ihrer Familie war ich dann untergebracht und verbrachte eine intensive und lehrreiche Zeit.

Eine ganz besondere Schule

Weder Olga, noch Rebecca, noch Anita Toaquiza Vega hätten je schreiben und lesen gelernt, hätte sich nicht Irma Gomez mit ihrer Willensstärke und Überzeugung für eine Schule für indigene Kinder in Quito eingesetzt.

Davon ist Juan José Toaquiza, der Vater dieser drei Mädchen überzeugt. Er ist Lastenträger im Großmarkt von Quito, stammt aus der Provinz Cotopaxi und ist vor 20 Jahren in die Großstadt gezogen.

Alles begann vor 18 Jahren, als Irma, die heutige Direktorin der Schule, einen Alphabetisierungskurs für die Angestell-ten des Großmarktes von Quito durchführte. Hier arbeiteten und arbeiten immer noch Indios, die wie Juan José vom Land in die Stadt gezogen sind, um bessere Lebensbedingungen zu finden. Männer und Jugendliche arbeiten vor allem nachts als Lastenträger; sie beladen und entladen LKWs mit zentnerschweren Säcken voller Gemüse und Obst. Frauen und Mädchen verkaufen das Gemüse an den Ständen und schälen stundenlang Hülsenfrüchte.

Zu ihrem Erstaunen stellte Irma fest, dass die Kinder dieser Indios gar nicht zur Schule gingen. Während ihre Eltern arbeiteten, waren sie entweder zu Hause eingesperrt oder schlenderten in den Gassen herum.

Irma versammelte einige Kinder um sich und begann einfach mit dem Unterricht. Weder Tische noch Tafel, weder Bücher noch Programme waren anfangs vorhanden. Später erkämpfte sie sich von der Gemeinde einen kleinen Grund mitten im Marktareal, wo sie ihre kleine Schule nach dem Muster der indigenen Bauten errichtete: ihr Schutz und Schirm und ganzer Stolz!

Selbstbewusstsein

An dieser Schule ist die Ausbildung der Kinder kostenlos. Das Geld für Bücher und Uniformen könnten die Familien gar nicht aufbringen. In der Regelschule würden diese Kinder ausgegrenzt, hier hingegen können sie sich in ihrer Muttersprache ausdrücken. Die Schule ist zweisprachig, unterrichtet wird Quichua und Spanisch. Es geht den Lehrerinnen und Lehrern darum, das indigene Selbstbewusstsein der Kinder zu festigen und das Wissen um die antike indigene Kultur zu vermitteln.

Was das wirklich heißt, wurde mir erst bewusst, als die Schüler der oberen Klassen zur Eröffnung einer Ausstellung über indigene Kunstgegenstände in die „Universidad Andina“ eingeladen wurden. Die Kinder kamen alle in der Tracht, mit Filzhüten, bestickten Blusen und Samtröcken, Ketten und Ohrringen. Da war auch das Fernsehen. Ein Reporter suchte eine Schülerin für das Interview. Die 14jährige Anita trat hervor und erklärte problemlos vor laufender Kamera, wie wichtig diese Schule für die Marktkinder sei, wie notwendig es sei, ihre Kultur besser kennen zu lernen und ihre Identität zu festigen. Sie bräuchten diese Kraft, um gegen ständige unhaltbare Ungerechtigkeiten anzukämpfen.

Nun, nicht alle Kinder dieser Schule sind so selbstbewusst wie Anita, doch stellvertretend für alle anderen verkörpert sie die Haltung, die diese Kinder im Leben auch benötigen und die ihre Schule auch als oberstes Ziel verfolgt.

Neben den Hauptfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen wird großer Wert auf den mündlichen Ausdruck gelegt. Die Kinder lernen, ihren Standpunkt zu vertreten, ihre Meinung frei zu äußern. Es werden traditionelle Quichua-Lieder und Tänze gelehrt, indigene Musik gespielt und Feste organisiert, bei denen die Tracht getragen wird. Zudem lernen sie weben, zeichnen und malen und kleine Handwerksarbeiten zu verrichten. Der Naturkundeunterricht wird durch die Pflege eines eigenen Gartens veranschaulicht.

Die Lehrpläne

An der Schule gibt es alle Schulstufen, von der Grundschule bis zur Matura; sie ist staatlich anerkannt, dennoch gibt es jährlich Kämpfe bezüglich der vorgegebenen, öffentlichen Lehrpläne, denn diese sind oft schwer mit dem Konzept der Schule zu vereinbaren. Die Schule soll und darf nicht zu einem Ort der Strafe und Ausgrenzung verkommen:

  • Der Unterrichtsbeginn ist um acht Uhr, aber die Türen der Schule bleiben immer geöffnet. Wer später kommt, wird problemlos in die Klasse aufgenommen.
  • Die Kinder sind manchmal müde, weil sie nachts arbeiten. Ihr Leben ist hart, sie sind teilweise unterernährt, so kann und darf die Schule nicht überfordern.
  • Auch die Pause, das Spielen miteinander ist zentral, denn am Nachmittag können sie das nicht mehr.
  • Auch die Lehrkräfte (alle Indios) beherzigen dieses Konzept. Der Studientitel allein genügt nicht, es braucht Einfühlungsvermögen und Überzeugung.

Dies alles trägt dazu bei, dass sich die Schüler wohl fühlen und stolz auf ihre Schule und ihre Lehrkräfte sind. Das habe ich mit den Kindern erleben dürfen: eine große Familie.

Daniela Pagliarin Karner ist

Deutschlehrerin am italienischen

Realgymnasium in Bozen

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