|
Musik verbindet Musikgeschichte und Musik als Ausdruck musikalischer und kultureller Erfahrungen Die Idee, dass der Kern der Musikerziehung fast gänzlich in der Praxis liege, hat viele Lehrer/innen und Musikpädagogen dazu verleitet, das Fach als konkrete Erfahrung zu verstehen. von Giacomo Fornari
In wenigen Worten lässt sich eine für lange Zeit gängige Auffassung wie folgt umreißen: Lernende sollen sich zuerst von der Musik in ihrer Gesamtheit prägen lassen, während die musiktheoretische bzw. musikhistori-sche Vertiefung einer zweiten Instanz (und Zeit) angehört. Eine solche Idee wurde von Theodor Wolfgang Adorno mit den folgenden Worten erklärt: „Sprache interpretieren heißt: Sprache verstehen; Musik inter-pretieren heißt: Musik machen.“ Rolle der Vokalmusik Für mehrere Generationen war Musikunterricht eine auf die Praxis orientierte Tätigkeit, in der besonders die Vokalmusik eine wesentliche Rolle spielte, wie Rudolph Stephan unterstreicht: „Musikunterricht war früher Gesangsunterricht. (…) Neben dem primären, auf musikalische Betätigung ausgehenden Unterricht, der zur Elementarstufe gehörte, gab es noch einen anderen, freilich für die fortgeschrittenen Schüler bestimmten, dessen Gegenstand nicht die Musik selbst, sondern die Spekulation über Musik war.“ Dafür sprach für R. Stephan ein affektiver Grund: Kinder singen lieber. „Das mag wohl daher kommen, dass Kinder gerne singen und infolgedessen durch Gesang eine vergnügte Atmosphäre in die Schulstube einzieht.“ Musikgeschichte und kulturelle Erfahrung Die Besonderheit und die innere Kompliziertheit des Faches haben dazu geführt, dass die Geschichte der Musik nur für diejenigen, die die Tonsprache beherrschen, gedacht ist. So wird Musikgeschichte als Ausdruck einer rein musikalischen und nicht einer kulturellen Erfahrung im Allgemeinen angesehen, wie es hingegen zu wünschen wäre. Im Vergleich zu anderen Bereichen der geschichtlichen Forschung scheint die Musikgeschichte unter einem rein methodologischen Aspekt etwas komplexer zu sein, wie mehrere Beobachter hervorgehoben haben. Wie Walter Wiora schreibt, kristallisiert sich die Idee einer Musikgeschichte erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heraus, als die Tonsprache schlussendlich auch als möglicher Ausdruck unserer Kultur ver-standen wurde: „Erst spät hat sich der Historismus in der Praxis und im Schrifttum der Musik voll entfaltet, erst nach dem Zeitalter Wagners und Nietzsches“. Das Problem liegt in der Komplexität einer Sprache, die nur zu hören und nicht – wie die bildende Kunst – zu sehen ist: „In der Musik hat man sich (…) anders verhalten müssen als in den Künsten des Raumes. Musik verklang, während Bauwerke und Standbilder als sinnfällige Körper im öffentlichen Blickfeld dastanden und ihre Entstehungszeit oft sehr lange überdauerten. Von der Hinterlassenschaft der Antike waren im Zeitalter der Renaissance zahlreiche Tempel und Plastiken noch oder wieder bekannt, jedoch kein Musikstück“ (Walter Wiora). Eine mehrmals unterbrochene Tradition, wie jene der Musik, erlaubte kaum eine überzeugende Rekonstruktion von Fakten und Werken, die in mehreren Fällen heute noch auf eine endgültige Deutung warten. Wie Carl Dalhaus sagt, ist die historische wie auch die theoretische Vertiefung der Musik nicht als isolierte Disziplin, sondern „als Ergänzung der Ästhetik zu verstehen.“
Lesen Sie weiter in unserem Heft! |
Thema |
|---|