Auf sicherem Fundament stehen

„forum schule heute“ brachte Maria Gall, Koordinatorin am Sprachenzentrum Brixen, Karl Spergser, Direktor am Grundschul-sprengel Lana, und Roland Stauder, Lehrer und Vizedirektor an der LEWIT Meran, zu einem Rundgespräch an einen Tisch. Eine lebhafte Diskussion um die Facetten der interkulturellen Bildung in Südtirol entspannte sich.

 

f: Was bedeutet für Sie "interkulturell gebildet" zu sein?

Karl Spergser : Das heißt für mich einmal meine Wurzeln, also meine eigene Kultur, zu kennen und zu leben, gleichzeitig aber auch zu wissen, dass es außer meiner unmittelbaren Sichtweise noch andere Sichtweisen gibt und das bereits innerhalb meiner eigenen Kultur! Das Eigene soll dadurch nicht in Frage gestellt werden, genauso wenig wie das Andere.

Roland Stauder : Wurzeln ist das entscheidende Stichwort. Das Fundament in der eigenen Kultur und Kulturgeschichte ist wesentlich. Dazu brauchen wir dann noch das offene Auge und Ohr, das Interesse für das Andere. Das darf aber nicht das eigene Fundament beschädigen.

Maria Gall : Menschen müssen in der eigenen Persönlichkeit und Identität gefestigt sein, um anderen vorurteilslos begegnen zu können. Es ist besonders für Jugendliche wichtig, starke Persönlichkeiten aufzubauen. Identität darf nicht auf Kosten anderer entwickelt werden, deshalb braucht es die Investition in die Pflege der Gemeinschaft.

Spergser: Diese Sichtweise teilen wir ja alle. Spannend wird es erst dann, wenn wir uns bewusst machen, dass das auf alle, auch auf „die Anderen“ zutrifft. Jeder, auch der „Ausländer“, braucht eine starke Verwurzelung in der eigenen kulturellen Identität.

Stauder: Ich muss deswegen aber nicht auf meine Identität verzichten.

Spergser: Nein, natürlich nicht. Aber was für mich wichtig ist, muss ich auch den anderen zugestehen.

Gall: Wenn man in der eigenen Persönlichkeit stark ist, braucht man dem Fremden nicht mehr so viel Angst entgegenzubringen. Unbewusste Angst setzt Abwehrmechanismen in Gang.

f Kultur ist im Prinzip ein positiver Begriff, impliziert immer auch Bereicherung. Nützt Südtirols Schule das Bereicherungspotential der verschiedenen hier vorhandenen Kulturen?

Spergser: Ich glaube, wir beginnen es zu nutzen. Obwohl wir uns eigentlich immer schon im Schnittpunkt verschiedener Kulturen befanden, kennen wir bisher einen eher nach innen gerichteten Blick. Die Schule nimmt nun – teils freiwillig, teils von der Realität erzwungen – zunehmend wahr, dass es außer dem eigenen Handeln und Denken andere Möglichkeiten gibt. Wir sind nicht mehr beim ersten Schritt, ein Stück weit sind wir schon gekommen. Nicht überall gleich weit, ich denke etwa an den Unterschied Stadt – Land.  

Stauder: Ich denke, wir nutzen schon lange die Tatsache, dass es in unserem Land drei angestammte Kulturen gibt. Allerdings wären die Lehrpläne des Italienischunterrichtes umzustellen, denn nach vielen Jahren Sprachunterricht ist das Ergebnis bei vielen Schülern äußerst mager! Die Lösung kann aber nicht die Immersion sein, wir brauchen nach wie vor das Fundament im deutschen Kulturkreis. Die Zweit- und Drittsprache kann und muss dann auf dieser Basis mit modernen Methoden gelehrt und gelernt werden.

f Welche kulturellen Hintergründe bringen die Schüler/innen heute mit?

Gall: Ich würde weniger von kulturellem Hintergrund als von kultureller Vielfalt sprechen. Wir haben Schüler/innen aus unterschiedlichen Schulsystemen, aus Ländern ohne Schulpflicht wie Pakistan oder Indien, oft mit nicht kontinuierlichem Schulbesuch, aus Ländern mit Kinderarbeit. Auch die Traditionen unterscheiden sich und gerade die wirken auf unser Schulleben ein. Natürlich spielen auch die unterschiedlichen Religionen eine Rolle – wenn das hierzulande auch nichts Neues ist.

 

f Sie sprechen die Kinder mit Migrationshintergrund an. Was ist mit den einheimischen Kindern? Haben die nicht breitere kulturelle Erfahrungen als Kinder früher?

Spergser: Ich spüre schon große kulturelle Unterschiede auch unter den einheimischen Kindern, wenn ich etwa an das unterschiedliche Bild von Männern und Frauen denke. Das hat oft mit dem Bildungshintergrund zu tun. Was das Reisen betrifft, so habe ich den Eindruck, dass alleine das Herumfahren in der Welt noch lange nicht mit dem Kennenlernen von Kulturen gleichzusetzen ist. Oft sucht man einfach das Eigene in der Fremde.

Gall: Die Unterschiede sind beachtlich: neben Kindern aus traditionellen Familiensystemen finden wir Scheidungskinder, Kinder aus Patchworkfamilien und von Alleinerziehenden, aus zweisprachigen Familien, Kinder mit besonderen Bedürfnissen oder mit hoher Begabung, Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen, mit Verhaltensauffälligkeiten… Die Herausforderungen, denen sich die Schulen stellen müssen, sind groß geworden. Die Migration ist ein Teil davon.

f Tragen die modernen Medien zur interkulturellen Bildung unserer Kinder bei?

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