Alleingelassene Schule

Hilfe von Gemeinden und Arbeitgebern erforderlich

Die Schule macht Integrationsarbeit, aber leider nur sie! Gemeinden und Arbeitgeber sind mit gefordert. Ein unterstützendes Netzwerk ist unerlässlich, um Kinder und Eltern im Gesellschaftsgefüge einzubinden.

von Elisabeth Flöss

 

Ein Beispiel: Herr R. stammt aus Pakistan und arbeitet seit zwölf Jahren als Küchengehilfe in einem Brixner Gasthaus. Vor wenigen Jahren hat er seine Frau und die drei Söhne zu sich geholt. Herr R. spricht in der Kommunikation mit Süd-tirolern eine eigenartige Sprache; er mischt ein wenig von allem.

Herr R. schildert, er habe die längste Zeit nicht verstanden, in welch merkwürdigem Land er sich befand. Vor allem aber unterschied er die einzelnen Sprachen nicht voneinander und erkannte demnach nicht, welches Idiom welcher Sprache zugehörte. Der pakistanische Herr schuf sich so eine eigene Form des Ausdrucks, die nunmehr aus einer Mixtur von Bruchstücken aus dem Deutschen, Italienischen, Ladinischen, Englischen und der eigenen Muttersprache komponiert ist. Es ist für Herrn R., der kaum lesen kann, auch nicht verständlich, dass im Staat Italien mehrere Volksgruppen leben, er kennt weder die Geschichte des Landes noch die Besonderheiten der institutionellen Beziehungen zwischen den Sprachgruppen.

Herr R. nimmt jedoch mit Erstaunen den Wohlstand in unserem Land zur Kenntnis. Er nimmt ausnahmslos gepflegte Häuser und Straßen wahr, schöne Autos und gut ausgestattete Geschäfte. Er sieht, dass die Menschen sauber und gut gekleidet sind und dass ihnen keine Zähne fehlen. Wen wundert es, dass Herr R. die Situation dahingehend interpre-tiert, dass alle Menschen viel Geld haben und in Luxus leben.

Das Leben der Familie R. beschränkt sich auf einen Radius von fünf Kilometern. Die Familie fährt sonntags nicht in die Berge und unternimmt keine Ausflüge in die nahe gelegenen Städte. Sie besucht höchstens ab und zu zwei bis drei bekannte pakistanische Familien in Brixen. Es besteht so gut wie kein familiäres Netzwerk, verlässliche Freunde fehlen.

Die drei Söhne des Herrn R. besuchen die deutsche Schule. Für sie wird bestmöglich gesorgt. Die Lehrkräfte bemühen sich, den Buben die Landessprachen zu vermitteln, sie in unsere Kultur einzuführen, ihnen das Lesen ans Herz zu legen und anderes mehr. Sie setzen viel Zeit und Geduld daran, um die Familie in den Prozess der Eingliederung mit einzu-beziehen und werden dabei vom Sprachenzentrum so weit als möglich unterstützt.

Unterstützendes Netzwerk erforderlich

Eigentlich kümmert sich nur die Schule längerfristig um die Integration der immigrierten Menschen. Nur sie ist es, die eine langfristige Beziehung zu ihnen pflegt und sie geduldig und einfühlsam in die kulturellen Besonderheiten der neuen Heimat einführt. Sie versucht ihnen jene „Sekundärtugenden“ zu vermitte ln, die unser gesellschaftliches Zusammen-leben seit Generationen prägen. Es ist die Schule, die vorab den Frauen die Möglichkeit bietet, soziale Kontakte zu knüpfen und Bekanntschaften aufzubauen. Zudem bemüht sich die Schule, unabhängig von der Nationalität der Kinder, um Chancengleichhe it, in der Überzeugung, dass jedes ausländische Kind eine Einzelperson mit einem individuellen Lebens- und Lernweg ist.

Der wirtschaftliche Wohlstand in unserem Land basiert auch auf der Arbeit von Ausländerinnen und Ausländern. Die Menschen aus anderen Ländern bezahlen Steuern, kaufen Güter und Dienstleistungen und leisten ihren Beitrag an die Sozialversicherungen. Allzu oft aber werden sie von der Wirtschaft und der örtlichen Gemeinschaft ausschließlich als Arbeitskräfte behandelt. Dies ist eine verpasste Cha nce, um die Menschen in die Gesellschaft so einzugliedern, dass sie für d iese gleichfalls Verantwortung mit übernehmen.

Die Schule muss demnach in ihren Integrationsbemühungen dringend unterstützt werden. So sollte die Eingliederung der Familien aus fremden Ländern in erster Linie zur Aufgabe der Gemeinden werden. Diese müssten ein Programm erstel len, nach welchem den Einwanderern die grundlegenden geschichtlichen und kulturellen Kenntnisse über das Land vermittelt werden. Sie sollten ein Pr ogramm anbieten, damit Migranten das Land über Ausflüge und direkte Kontakte zur Bevölkerung kennen lernen und über das Gespräch mit einheimischen Familien die eigene Wahrnehmung bilden können. Erst dann sollte die Vermittlung der Sprache einsetzen, die ebenso von den Arbeitgebern mitgetragen werden muss.

Länder , die sich der Einwanderung verschließen, v erarmen. Menschen aus anderen Ländern ermöglichen es, in andere Lebenswelten Einsicht zu nehmen und von ihnen zu lernen. Ein arrangierter und kontinuierlicher Austausch ist für beide Parteie n zwar mühevoll, aber ei n unschätzbarer Gewinn.

Um die Erlernung der Landessprachen zu fördern , darf ruhig mit etwas mehr Konsequenz vorgegangen werden. So wäre eine Bindung eventueller finanzieller Zuwendungen an das Erlernen der Sprache durch die Eltern durchaus denk-bar. Dies schließt gleichermaßen die Pflege der eigenen Muttersprache der Kinder und Eltern ein. In größeren Städten oder Schulen finden diese Kurse vor allem auf Initiative des Sprachenzentrums bereits mit Erfolg statt.

Im Schulsprengel Brixen/Milland wurden von Lehrpersonen im Ruhestand Lesepatenschaften eingerichtet. Mindestens einmal in der Woche lesen die Paten „ihren“ Kindern Bücher vor, um die Liebe zum Buch und zur Sprache zu pflegen. Die Bücher selbst werden von der „Drehscheibe – Arbeitskreis für Kinder- und Jugendliteratur“ ausgewählt.
Die Mühen der Schule

Schulbücher, Bibliotheksbücher, Lernmaterialien und Medien richten sich in der deutschen Schule ausschließlich an deutschsprachige Kinder und Jugendliche. Die große Herausforderung der Lehrerinnen und Lehrer besteht darin, die Wissensbestände so aufzubereiten, dass sie mit Hilfe des Bildes und eines begrenzten Grundwortschatzes auch a n die Schüler/innen anderer Länder vermittelt werden können. Die Verlage täten deshalb gut daran, Unterlagen zu erstellen, die komplexe Sachverhalte auf die Kinder aus anderen Ländern zuschneiden.

Auch die Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern muss viel stärker auf die Zweit- und Fremdsprachendidak-tik zugeschnitten werden. Lehrpersonen der Grundschule , die Erfahrungen als Zweitsprachenlehrer/innen machen durften, fällt die Aufbereitung des Lernstoffes und die Anwendung der Sprachendidaktik leichter.

Die Schule selber muss ihre Integrationsanstrengungen noch intensivieren. Konkret beinhaltet dies aber die Forderung, dass Klassengemeinschaften eine überschaubare Größe aufweisen. Es muss ein differenzierter Unterricht ermöglicht werden. Auch Deutschintensivkurse sollten stattfinden oder die Sommerkurse vermehrt werden.

Zur Integration der ausländischen Mitbürger gehört auch die Mitbestimmung der ausländischen Eltern in den Schul-gremien und die Teilnahme an allen schulischen Veranstaltungen. Auf dieser Beteiligung ist mit Nachdruck zu beste-hen. Ebenso müssen unsere Schulen die Bereitschaft aufbringen, fremdsprachige Kinder nicht vorwiegend als Problem-kinder zu sehen, sondern vermehrt die Haltung entwickeln, dass sie – wie alle Kinder – vorwiegend durch die Förderung ihrer Stärken lernen.

 

Elisabeth Flöss ist Direktorin am Schulsprengel Brixen/Milland

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