"...wie Klavier üben"Interview mit dem neuen dekan der Fakultät für Bildunsgwissenschaften in Brixen Seit 1. Oktober 2008 bekleidet der Gadertaler Musiker Franz Comploi das Amt des Dekans an der Fakultät für Bildungs-wissenschaften der Freien Universität Bozen. „forum schule heute“ führte mit ihm ein Gespräch über Führungs-qualitäten, Zusammenarbeit an der Uni, die Zukunft der Ausbildung der Lehrer/innen und seine erste Bilanz. Fragen zu den Polemiken rund um seine Wahl hatte er sich verbeten.
f : Wie fühlen Sie sich als Dekan einer so großen Institution? Franz Comploi : Ich fühle mich immer besser. Es ist eine große Aufgabe. Als Dozent sieht man vieles anders, die Perspektive als Dekan ist eine ganz neue. Man nimmt auch Managementaufgaben wahr, für die man eigentlich nicht ausgebildet wird. f: Wenn Sie die ersten 100 Tage als Dekan mit einem Satz umschreiben müssten, welchen würden Sie wählen? Comploi: Dekan sein ist wie Klavier üben. Ich spiele mit zwei Händen, alle Finger müssen gut zusammenarbeiten und koordiniert sein, kein Finger darf rausfallen oder faul sein. f: Viele waren überrascht, dass ein Musiker Dekan geworden ist. Welche besonderen Fähigkeiten bringt ein Musiker für so ein Amt mit? Comploi: Wäre man mit einem Mathematiker weniger überrascht gewesen? Wäre eine Pädagogin oder ein Kunsterzieher besser für das Amt geeignet? Ich denke, jede/r mit den entsprechenden Voraussetzungen sollte dieses Amt einmal übernehmen. Im Übrigen fühle ich mich als Dekan manchmal wie der Dirigent eines Orchesters oder Chores, der ja auch viel koordinieren muss und jedem Solisten und Mitwirkenden größtmögliche Entfaltungsmöglichkeit geben soll. f: Sie sind ja auch Domorganist in Brixen. Sind die Aufgaben eines Dekans damit zeitlich vereinbar? Comploi: Was die Zeit betrifft, bedeutet das einfach, dass ich am Sonntagvormittag weniger in den Bergen als im Dom anzutreffen bin. Auch die Gartenpflege muss etwas zurückstehen. Aber im Ernst: Als Künstler darf man sich für eine solche Aufgabe nicht zu schade sein. Manchmal wäre ich nicht ungern nur bei der Kunst. Andererseits sah ich die Notwendigkeit, mich der Verantwortung nicht zu entziehen. Daher habe ich mich bei der Wahl des Dekans zur Verfügung gestellt. f: Genießen Sie die volle Unterstützung der Universität? Comploi: Die Zusammenarbeit mit Präsident, Rektor und Generaldirektorin ist sehr gut. f: Die interne Zusammenarbeit der verschiedensprachigen Dozenten ist nicht leicht und auch nicht gerade berühmt. So beklagen Studierende etwa fehlende Absprachen unter den Professorinnen und Professoren oder die kurze Aufenthaltsdauer der zahlreichen Dozenten, die nicht in Brixen wohnen. Gibt es Konzepte für eine Verbesserung? Comploi: Hier treffen zwei verschiedene pädagogisch-didaktische Kulturen und Traditionen aufeinander, die deutsche und die italienische. Das ist einerseits eine Chance für uns, andererseits auch eine große Schwierigkeit. Ich möchte unter anderem versuchen, Professoren und Lehrbeauftragte über die gemeinsamen Inhalte zusammenzuführen. Es gibt aber auch sehr gute Kontakte unter den Kolleginnen und Kollegen. Leider hört man davon kaum, das Negative steht oft im Vordergrund. Was die Kritik der Studierenden betrifft, finde ich es interessant, dass sie es oft noch eiliger haben, das Haus nach den Vorlesungen zu verlassen als die Dozenten. Das ist zum Teil auch verständlich. Mein Wunsch wäre, dass wir so weit kommen, dass sich ein „Familiengefühl “ innerhalb der Fakultät bildet. Wir möchten jetzt z. B. mit einem Stammtisch starten. Außerdem sind wir mit der Gemeinde Brixen in Kontakt und suchen weitere Verknüpfungs-möglichkeiten. f: Eine Neuregelung sieht vor, dass beauftragte Professoren und Dozenten nun drei Jahre Zeit haben, die jeweils andere Landessprache zu lernen. Wird das überprüft? Gibt es schon erste Erfahrungen? Comploi: Das ist eine Sache des Universitätsrates und nicht der Fakultäten, die ja alle betroffen sind. Es steht hier wirklich ein tolles Angebot zur Verfügung. Manche sind schneller und offener beim Sprachenlernen, andere brauchen länger. Soviel ich weiß, läuft das gut. f: Sollen sich die Studierenden voll auf die Arbeit, auf das Lernen an der Uni konzentrieren oder sehen Sie auch das studentische Leben drum herum als wichtig an? Comploi: Absolut! Außerschulisches Lernen und unterschiedliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung sind außer-ordentlich wichtig und müssten gefördert werden. Studierende sollten sich nicht nur in den Vorlesungen treffen können, sondern sie sollten auch Gelegenheit haben, außerhalb der Vorlesungszeiten das „Studentenleben“ zu pflegen. Dass diese gemeinsamen „außerschulischen Aktivitäten“ in Brixen noch wenig entwickelt sind, hängt auch mit dem hohen Anteil an Südtiroler Studierenden zusammen, die nach dem Ende der Veranstaltungen die Stadt verlassen und mit dem nächsten Bus oder Zug nach Hause fahren. f: Braucht das Haus, das oft als zu kalt und leblos kritisiert worden ist, eine farbige Auffrischung, auch durch die Studierenden selbst? Comploi: Ja! Ich bin mit der Fakultät für Design in Kontakt und möchte in diese Richtung etwas versuchen. Das Grau ist nobel, aber es muss belebt werden. f: Die Spezialisierungsschule für den Sekundarunterricht, die „SISS“, wurde abgeschafft. Wie geht es weiter? Comploi: Sie wurde nicht abgeschafft, nur ausgesetzt. Ein Problem ist, dass es im Rest Italiens zu viele ausgebildete Lehrkräfte gibt, in Südtirol hingegen zu wenige. Ob die geplante Reform im Herbst starten kann, ist sehr fraglich. Wir arbeiten daran, für den Herbst wenigstens in einigen Fächern Kurse anbieten zu können. Allerdings ist die Zeit sehr kurz; ich hoffe, dass wir es trotzdem schaffen. f: Weiß man etwas Genaueres über die Lehrerausbildung der Zukunft, über die geplante Reform? Comploi: Wir wissen nur Weniges aus Vorgesprächen, noch ist nichts fix. Für das Studium der Bildungswissenschaften im Primarbereich, d. h. Kindergarten und Grundschule, soll ein fünfjähriger Zyklus entstehen, in welchem auch das Praktikum integriert ist. Am Ende kann man sich dann entscheiden, ob man in den Kindergarten oder in die Grundschule gehen will, da das Fachlaureat für beide Berufsbilder Gültigkeit haben soll. f: Ist die Zugangsvoraussetzung für diesen 5-Jahres-Zyklus ein schon abgeschlossenes Fachstudium oder reicht die Matura? Comploi: Für die Zulassung zur universitären Ausbildung des Kindergarten- und Grundschulpersonals sollte die Matura wohl ausreichen. Es gab Hinweise, dass die Ministerin die Zulassung auf Absolventen der Pädagogischen Gymnasien beschränken wollte, aber wie gesagt, wir wissen nichts Fixes. Was drängt, ist die Ausbildung im Bereich Mittel- und Oberschule. Für die Mittelschule scheint es so zu kommen, dass man das Laureat irgendwo an einer Uni erwerben kann und dass das zweijährige Fachlaureat, die „Laurea Magistrale“, auch eine pädagogisch- didaktische Ausbildung be-inhalten soll. Vor Antritt dieses Bienniums müssten Aufnahmeprüfungen durchgeführt werden; man hat dann nur noch die Möglichkeit, dieses Fach in einer bestimmten Region zu unterrichten. Dies wird nicht einfach durchzuführen sein. Die Schule muss etwa den mittelfristigen Bedarf melden. Im Anschluss an das Fachlaureat muss ein einjähriges Praktikum absolviert werden. Was die Oberschule betrifft, sollen die Lehramtskandidaten ein reguläres 5-jähriges Fachstudium absolvieren, dem wäre ein sechstes Jahr anzuschließen, das alle didaktisch-pädagogischen Fächer sowie ein Praktikum beinhaltet. Ob das alles in einem Jahr Platz haben kann?f: War hier der Sparstift der Auftraggeber? Comploi: Das wäre eine gute Frage an die Ministerin! Das Schlimme ist die Unsicherheit. Man wartet und hat nichts in der Hand. f: Deutschlehrer/innen sollen mit einer einjährigen Zusatzausbildung Deutsch als zweite Sprache an italienischen Schulen unterrichten können. Comploi: Davon wissen wir nichts. Bis heute ist es so, dass Muttersprachler/innen, die eine Fachausbildung haben, die Zweitsprache unterrichten dürfen. Ein einjähriges didaktisches Zusatzstudium wäre so gesehen ein Fortschritt. Das Problem der Zweitsprachenlehrer/innen ist aber generell sehr groß und muss rasch gelöst werden. Wir haben eine Arbeitsgruppe eingesetzt, damit in Rom unsere spezifischen Probleme aufgenommen werden. Wir warten darauf, dass die Ministerin diese Arbeitsgruppe anhört. f: An der Fakultät werden immer mehr Studierende aufgenommen. Gibt es für sie angesichts der demografischen Entwicklung überhaupt Arbeit? Hat man hier Berechnungen angestellt? Comploi: Für die Bildungswissenschaften sprechen wir uns mit den Schulämtern ab, die uns den Bedarf melden. Bisher konnte dieser immer abgedeckt werden. Im Herbst haben wir erstmals etwas kürzen müssen, weil die gewünschte Anzahl der Studienplätze zu hoch war. Es leidet die Qualität der Lehre, beispielsweise in den Laboratorien, wo es nur beschränkte Arbeitsplätze gibt. Noch muss man in unseren Vorlesungen nicht am Gang sitzen, aber wir haben sicher eine Grenze erreicht. f: Wird es nicht immer schwieriger, den Student/innen Praktikumsplätze zu besorgen? Comploi: Auch hier sind wir an einer Grenze angelangt. f: Wie will man die Zahl begrenzen? Comploi: Ich denke, das muss zwischen Schulbehörde und Uni ausdiskutiert werden. f: Könnten Sie sich Eignungstests für Studienanfänger/innen vorstellen? Comploi: Ich habe mich in den ersten Jahren meiner Lehrtätigkeit sehr dafür eingesetzt. Doch dann hat man mich darauf hingewiesen, dass man Motivation nicht testen kann. Wir sollten aber Wege suchen, um die Berufseignung festzustellen. Das Wesentliche ist wohl die Sprachkompetenz. Doch wir wissen alle, dass noch sehr viel mehr zum Lehrberuf gehört. Wenn es nach mir ginge, sollten auch Grundfähigkeiten in den musischen Fächern dazugehören. f: Wie sehen Sie die Bilanz Ihrer ersten Monate als Dekan? Comploi: In diesem ersten Halbjahr konnten einige Dinge auf den Weg gebracht werden, zum Beispiel die Reform der drei Studiengänge Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Kommunikationswissenschaften. Zudem haben wir zwei Arbeitsgruppen zur Didaktik und zur Forschung eingerichtet. Gerade Letzteres ist mir sehr wichtig, denn wir müssen auch die Forschung verstärken. Ein erstes Ergebnis waren etwa die „Tage der Forschung“. f: Danke für das Gespräch! Das Interview führte Chefredakteur Johannes Kofler. |
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