Den Kindern ihre SpracheDialekt in der Schule - Teil 2 Der Dialekt ist die Sprachform, mit der fast alle unsere Kinder aufwachsen. Und auch die nicht im Dialekt sozialisierten Schülerinnen und Schüler interagieren mit den Gleichaltrigen zum größten Teil im Dialekt. Damit ist der Ausgangspunkt in den meisten Fällen klar. von Franz Lanthaler
Das Dialektverbot in Schule und Kindergarten entspringt nicht einer fundierten didaktischen Reflexion, weil es nicht dort ansetzt, wo die Kinder herkommen. Das Ziel des Sprachunterrichts – und, man kann es nicht oft genug wiederholen: Jeder Unterricht ist Sprachunterricht! – muss auf alle Fälle die sprachliche Handlungsfähigkeit in und außerhalb der Schule sein: als Mittel zur Lebensgestaltung, als Voraussetzung für den Lernerfolg, für den späteren beruflichen Erfolg und für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Dies bedeutet allerdings, dass nicht die perfekte Beherrschung einer Varietät das einzige Ziel sein kann, sondern die Fähigkeit, sich in und mit Sprache(n) in vielfältigen Situationen durchzusetzen. Diese funktionale Mehrsprachigkeit stellt in unserer von Mobilität, Migration und vielfältigem Sprachkontakt geprägten Gesellschaft eine Schlüsselkompe-tenz dar. Und das gilt genauso für anderssprachige Kinder, die in die deutsche Schule gehen und in deutschsprachiger Umgebung leben. Sprachliche Handlungsfähigkeit erreichen wir aber nur, wenn wir die innere Mehrsprachigkeit akzeptieren und allen Varietäten ihren Wert und ihre Würde geben. Das Kind muss wissen, dass es sprachlich schon etwas kann, wenn es den Dialekt beherrscht. Die Lernenden müssen Sprache als etwas Wichtiges und Nützliches erfahren: auch ihre Erstsprache, den Dialekt. „Die Schule muss an die außerschulische Sprachpraxis anknüpfen“, sagt Peter Sieber. Das heißt: sie muss an die Sprache(n) anknüpfen, die die Schüler/innen außerhalb der Schule sprechen und die sie in ihrer Umgebung und über die Medien wahrnehmen.
Ähnlichkeiten zwischen Dialekt und Hochdeutsch Otto Stern hebt zwei grundlegende Gesichtspunkte des Standarderwerbs durch Dialekt sprechende Kinder hervor. Zum einen ist es die Tatsache, dass zwischen Dialekt und Standard trotz aller Unterschiede eine große strukturelle Nähe besteht, die von den Dialektgegnern häufig vergessen oder geleugnet wird. Zum andern ist es die Art, wie Kinder sprachlich Neues aufnehmen und verarbeiten und in Bekanntes einbauen.Kinder erwerben und lernen Sprachen ganzheitlich. Da Spracherwerb immer auf Bekanntes aufbaut, muss nur das neu gelernt werden, was man nicht schon in einer Sprachform kann. Im Normalfall verläuft dieser Erwerbsprozess so, dass die Lernenden zunächst das ihnen aus dem Dialekt Bekannte in das Neue (den Standard) einbauen. Freilich können dabei Ähnlichkeiten auch zu falschen Schlussfolgerungen verleiten („falsche Freunde“). Wer solche Sprachlernversuche als Fehler ahndet, anstatt darin Lernschritte zu erkennen und mit ihnen sachlich umzugehen, hemmt den Spracherwerb, anstatt ihn zu fördern. Dies allein sollte Anlass genug sein, die dialektale Basis der Lernenden im Unterricht zu thematisieren. Es gibt noch andere Gründe für die Behandlung und den Gebrauch des Dialekts in der Schule. Dass die Thematisierung der Unterschiede zwischen Dialekt und Standard im Rechtschreib- und Grammatikunterricht sowie in der Förderung einer regional geprägten Standardaussprache nutzbringend eingesetzt werden kann, ist schon oft hervorgehoben worden. Aber sie dient eben auch der Integration unterschiedlich sozialisierter Kinder, z. B. von Kindern mit Migrations-hintergrund, die in ländlichen Gebieten aufwachsen, denn nur wer mit der Alltagssprache der Umgebung vertraut ist, kann sich in sie integrieren. Auch das hat man in der Schweiz längst erkannt. Lehrer/innen als sprachliche Vorbilder? Für das oben skizzierte Lernziel, nämlich dass die Heranwachsenden befähigt werden sollen, in jeder Situation die richtige Sprachform zu verwenden, bietet eine Schule, in der nur Hochdeutsch einen Platz hat, keinen Raum. Wenn von den Lehrenden strikte Einsprachigkeit praktiziert wird, können sie nicht zu Vorbildern für Mehrsprachigkeit werden. Wenn andererseits bei einzelnen Lehrpersonen oder in bestimmten Fächern der Unterricht unreflektiert in einem dialektalen Fachjargon abläuft, ist dies keinesfalls hilfreich. Die Schüler/innen schreiben dies – zu Recht – entweder mangelnder Kompetenz oder mangelnder didaktischer Reflexion zu. Nur wenn die jeweilige Sprachverwendung begründet und klar deklariert wird, wird die Lehrperson zum nachahmenswerten Vorbild. Als Hauptargument für die oben kritisierte schulische Sprachpraxis wird meist angeführt, dass die Kinder außerhalb der Schule kaum Gelegenheit haben, Hochdeutsch zu verwenden und es daher auch nicht erlernen können. Dies ist durchaus richtig. Auf die Schule kommt in Dialektgebieten tatsächlich eine zusätzliche Aufgabe zu. Aber die Schüler/innen sind doch einem beachtlichen Sprachbad ausgesetzt, wenn der Unterricht vornehmlich auf Hochdeutsch stattfindet. Allerdings ist der Umfang des sprachlichen Inputs allein nicht entscheidend: die Motivation der Lernenden und die Qualität der Interaktion sind wichtiger als die Dauer des Umgangs mit der Zielsprache. Von Vorbildern lernenWie in Teil I bereits ausgeführt, haben wir in den 80er Jahren von der „Zürcher Schule“ um Horst Sitta – um sie einmal so zu nennen – gelernt. Die innere Mehrsprachigkeit in der Schweiz weist große Ähnlichkeit mit der in Südtirol auf und man kann sich ihre Erkenntnisse und Erfahrungen zunutze machen. So schlägt die Erziehungsdirektion des Kantons Zürich u. a. vor, dass im Unterricht „hauptsächlich und dann konsequent in allen Situationen Hochdeutsch gesprochen und ein Wechsel zur Mundart jeweils klar deklariert“ werden soll und dass die Varietäten Hochdeutsch und Mundart „in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten altersgerecht bewusst gemacht und thematisiert werden“ sollen. Wäre das nicht auch für Südtirol eine gangbare Praxis?
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DIS KUS SION |
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