Schulführung früher und heute

Wie hat sich die Leitung einer Schule in den letzten Jahrzehnten verändert? – „forum schule heute“ wollte es wissen und hat zwei Schulleiterinnen mit unterschiedlich langer Berufserfahrung befragt.

f : Was war in der Schulführung vor zwanzig Jahren anders?

Elisabeth Flöss: Zwischen früher und heute sehe ich enorme Unterschiede: Früher gab es kaum Frauen unter den Direktoren, heute ist die Geschlechterverteilung in der Direktorenriege ausgewogen. Es gibt mehr Technologien, die die Arbeit in Verwaltung und Unterricht mitprägen. Es gab viel weniger Geld – um eine Fotokopiermaschine zu erhalten, bedurfte es langer Bittgänge. Die Rollendefinition hat sich gewandelt: Früher war ich „direttore didattico“, eine „prima inter pares“ mit klaren didaktischen Kompetenzen, heute soll ich als „dirigente“ zwar Unterrichtsprozesse initiieren und Unterrichtsentwicklung betreiben, aber es bleibt mir überlassen, wie ich die Anforderungen an den Betriebsmanager mit der Verantwortung vereinbare, die ich für das Gelingen des Bildungsangebots an unserer Schule habe. Früher war das Schulwesen hierarchisch strukturiert; der Direktor war der verlängerte Arm der Schulverwaltung, während heute alles „ausgehandelt“ wird.

f: Wo liegt der Schwerpunkt in Ihrer Schulführung?

Renate Klapfer : Mein Schwerpunkt in der Schulführung liegt in der Kommunikation mit allen Beteiligten. Es geht darum vorzuarbeiten, vorzustellen, rückzuspiegeln, wieder zu überarbeiten und wieder rückzukoppeln; dazu braucht es demokratiefähige Menschen, die mit Mehrheitsentscheidungen leben können. Dies bewirkt einen hohen Identifikationsgrad für aktiv Beteiligte, während die Prozesse für „Abwartende“ relativ langsam und mühselig erscheinen.

Flöss : Heute wird den Lehrern viel mehr an intellektueller und kultureller Arbeit abverlangt, als der Unterricht an sich vorsieht. Zum Teil führen Lehrpersonen, z. B. als Koordinatoren für das Schulprogramm, den Betrieb mit.

Klapfer : Die Aufgaben und die Zuständigkeiten des Kollegiums sind vielfältiger geworden und werden auch unterschiedlich bewältigt. Die Schülerschaft ist ebenso vielfältiger geworden, herausfordernde Situationen nehmen zu und sind zunehmend komplexer; Eltern sind mehr an Mitsprache interessiert, was neue Formen der Zusammenarbeit erfordert. Die Verwaltungsabläufe haben enorm zugenommen, die Rechenschaftslegung ist umfassender.

f: Wo gibt es Knackpunkte in der Schulführung?

Flöss : In den verschiedenen Gremien treiben immer die gleichen einsatzbereiten Mitarbeiter/innen die Schulentwicklung voran, während sich andere diesem Prozess ganz entziehen.

Klapfer : Das bedeutet, dass wir in der Schulführung gut beachten müssen, wie weit man die Leute fordern und belasten kann. Die Arbeitsbedingungen des Koordinators müssten neu definiert werden, indem z.B. eine Arbeitszeitreduzierung im Unterricht vorgesehen wird, damit daraus Vordenkerteams werden können.

Flöss: Vor 20 Jahren war die Arbeit in den Gremien einfach. Die Eltern hatten vollstes Vertrauen, heute fordern die Familien die „gute Schule“ ein, es herrscht auch ein verstärktes Bildungsbewusstsein. Außerdem: früher führte die Schule ein Inseldasein; heute muss die Schule mit Sozialdiensten, mit Ausländerräten, mit der Polizei zusammenarbeiten, sie muss in ein Netzwerk eingebunden sein, um den Anforderungen gerecht zu werden.

Klapfer: Den vielen, sehr komplexen Einzelschicksalen immer gerecht zu werden, erfordert sehr viel Zeit. Ich frage mich aber auch, ob unser Blick heute geschärfter ist, seit sich das Bild vom Kind als eigenständigem Individuum und das gesellschaftliche Umfeld mit der medialen Überflutung verändert haben. Das Gefühl, zusätzlich zur Bildungsverantwortung auch die Erziehungsverantwortung zu tragen, ist gewiss verstärkt.

Flöss: Eine Schulleiterin muss auch mit den Eltern arbeiten, sie muss das gesellschaftliche und kulturelle Umfeld erforschen, eine Bedarfsanalyse erstellen, sich überlegen, welche Sekundärtugenden die Kinder brauchen werden, um das Leben zu meistern. Wie lernen sie z.B. Frustrationstoleranz? Wie garantieren wir Chancengleichheit? – Und man muss Transparenz gewährleisten und Rechenschaft ablegen.

Klapfer: So komplex wie das Umfeld geworden ist, kann einer allein immer nur eine subjektive Sichtweise entwickeln. Es braucht deshalb viele verlässliche Leute, die mitdenken und mitarbeiten. Die Autonomie – sie ist noch verhältnismäßig jung – als gesetzlicher Rahmen reicht da nicht aus. Sie muss sich als Haltung bewähren. „Autonomie als Haltung“ ist noch nicht in allen Köpfen verankert, und selbst dann ist der Weg zum Handeln noch weit.

f: Wo holt sich eine Schulleiterin heute Unterstützung?

Klapfer: Bei Kolleginnen und Kollegen, im Pädagogischen Beratungszentrum, in der Aussprache mit Lehrpersonen und Koordinatoren, im Schulverbund. Viel muss man auch allein arbeiten, vorbereiten, voraus denken. Aber es braucht immer auch das Gespräch mit den Mitarbeitern, um die Optik zu erweitern, um neue Lösungswege zu finden. Und doch bleibt der Direktor für die Führung und für die Ergebnisse verantwortlich.

Flöss: Wir können auch Supervision in Anspruch nehmen. Sehr wertvoll ist der Dialog mit den Lehrern, die mitarbeiten wollen, die sog. „figure di sistema“. Die Einbindung der Lehrpersonen in den Entwicklungsprozess steigert deren Kompetenzen, sie werden gleichsam zu Experten. Auch wenn die Frage, wer Steuerungsfunktionen übernimmt, oft heikel und der Gleichheitsanspruch in den Kollegien tief verankert ist, gibt es Mitarbeiter mit hohem Berufsethos, und mittels der Leistungsprämie kann wenigstens ein bisschen was honoriert werden.

f: Was wünschen Sie sich für sich und Ihre Schule?

Flöss: Entlastend wäre vielleicht die Figur des Verwaltungsleiters oder eines pädagogischen Leiters oder Lernberaters. Aber jede neue Führungsebene bedeutet auch neue Kommunikationsstruktur. Ich wünsche mir, eine hohe Identifikation des Lehrkörpers mit der eigenen Schule aufbauen zu können; die Mitarbeiter dazu animieren zu können, dass sie sich intellektuell mit dem eigenen Beruf auseinandersetzen und Verantwortung für das Ganze mit übernehmen. Professionalisierung durch pädagogischen Dialog und didaktischen Austausch im Dienst der Schul- und Unterrichtsentwicklung ist erstrebenswert. Als Direktorin ist mir wichtig, mich in der Komplexität der Aufgabenfelder zurechtzufinden, und den Blick für das Essentielle nicht zu verlieren. Ich wünsche mir, die nötige professionelle Kreativität zu bewahren, damit die Schule als Teil der Gesellschaft, als Teil eines Netzwerkes wachsen kann.

Klapfer: Ich schließe mich dem durchaus an. Für die konkrete Arbeit ist mir wichtig, im Kollegium stabile Kontakte zu halten, damit Aufbauarbeit ermöglicht wird. Es braucht einen Rahmen, innerhalb dessen man auch in längeren Zeit-räumen arbeiten kann. Wenn ich immer nur re-agieren muss, ist wenig Nachhaltigkeit zu erwarten. Wir brauchen eine gewisse Stabilität auf den verschiedensten Ebenen.

Die Fragen stellte Ledi Turra Rebuzzi.

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