Oberstufen- nicht OberschulreformDie Politik wünscht sich mehr Klarheit Die Landesrätin für Schule und Kultur Sabina Kasslatter Mur unterstreicht im ersten „forum“-Interview seit ihrem Amtsantritt im Herbst 2008, dass die ständigen von oben verordneten Reformen viele Schwierigkeiten, aber auch positive Prozesse in Gang gebracht hätten .
f: Die Spezialisierungsschule für den Sekundarunterricht (SISS) wurde eingestellt und die neue Lehrer/innenausbildung ist noch nicht angelaufen. Wann soll es soweit sein? Sabina Kasslatter Mur: Das hängt nicht von Südtirol, sondern von Rom ab. Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass die Ausbildung wieder einmal reformiert wird, obwohl ich mit der alten Regelung, also der SISS, ganz zufrieden war. Endlich gab es zusätzlich zur Fachausbildung eine pädagogisch-didaktische. Das wurde von Rom aus gestoppt. Für mich ist es sehr bedauerlich, dass der Staat bei der Ausbildung der Mittel- und Oberschullehrpersonen nicht so entschieden hat wie beim Kindergarten- und Grundschulpersonal. Dort gibt es eine Übergangslösung. Bis die neue fünfjährige Ausbildung ausgearbeitet ist, haben wir die Erlaubnis, die alte, vierjährige fortzuführen. Bei Mittel- und Oberschule ist das anders, wir haben derzeit keine Ausbildung und keine Möglichkeit, Lehrbefähigungen zu vergeben.
f: Wie soll die neue Ausbildung aussehen? Kasslatter Mur: Sie wird, gemäß dem Bologna-Prozess, nach dem Muster 3+2 gestaltet, d.h. auf ein beliebiges drei-jähriges Bacchalaureat, also ein Fachstudium, folgt ein zweijähriger Masterlehrgang. Dieser soll eine Spezialisierung für den Unterricht darstellen und wird nicht mehr von der Fakultät für Bildungswissenschaften angeboten, sondern an der jeweiligen Fachfakultät durchgeführt. Das wird uns zu einem gewaltigen Verhandlungsmarathon mit Universitäten in Österreich und Deutschland führen. Denn während italienische Unis diese Masterstudien laut Gesetz ausarbeiten wer-den, werden das andere Unis für uns wenige Südtiroler kaum extra anbieten können. Wir aber müssen die muttersprach-liche Ausbildung garantieren. Wir werden sehen müssen, wie sich das regeln lässt. Diesen fünf Ausbildungsjahren im Fach wird ein sehr praxisbezogenes, sechstes Ausbildungsjahr im pädagogisch-didaktisch-methodischen Bereich angeschlossen. Das wird an der bildungswissenschaftlichen Fakultät unserer Uni in Brixen zusammen mit den Schulämtern durchgeführt.
f: Die Fakultät in Brixen hat sich zuversichtlich geäußert, diese Ausbildung bereits im Herbst 2010 anbieten zu können. Kasslatter Mur: Wenn der Ministerrat innerhalb Frühjahr 2010 das Dekret verabschiedet, dann kann unsere Uni schon ab dem Wintersemester 2010/11 reguläre Kurse anbieten. Wenn es aber weitere Verzögerungen gibt, werden wir zusammen mit anderen Regionen die Regierung bitten, uns eine Sondergenehmigung für lehrbefähigende Kurse erteilen. Dieses gesetzesvertretende Dekret ist bereits vorbereitet.
f: Werden die Zugangsvoraussetzungen für dieses 6. Jahr abgeändert, d.h., welches Fachstudium zum Erlangen einer bestimmten Lehrbefähigung wird notwendig sein? Kasslatter Mur: Dazu lässt sich noch wenig sagen. Die Ministerin möchte die Wettbewerbsklassen verändern und flexibilisieren. Ich wünsche mir, dass wir die Möglichkeit bekommen, Lehrpersonen nach ihrem Know-How einzusetzen.
f: Stichwort Oberschulreform: Kommt sie diesmal wirklich? Kasslatter Mur: Zunächst möchte ich festhalten, dass ich sie nicht als eine Oberschul- sondern als eine Oberstufen-reform betrachte, weil ja auch die Berufsbildung betroffen ist. Mein Ziel ist ein organisches Landesgesetz, das die Bildungslandschaft Südtirols für alle 14-19-Jährigen regelt.
f: Wann soll es soweit sein? Kasslatter Mur: Ministerin Maria Stella Gelmini möchte im Herbst 2010 mit der Reform bei den Biennien beginnen: Das könnte eng werden, aber Rom entscheidet den Zeitpunkt.
f: Welchen Spielraum gibt es für eine autonome Gestaltung der Reform in Südtirol? Kasslatter Mur: Wenn die Ministerin sich zum Ziel gesetzt hat, die Oberstufenlandschaft klarer und transparenter zu machen, dann kann ich das nachvollziehen. Die Grundlagen für unsere Oberschule liegen in der „Lex Gentile“ aus den 20er Jahren. Seither gab es Schulversuche, Fachrichtungen, Ausprägungen der Schulautonomie usw., aber keine grundlegende Reform. Ich meine, dass wir mittlerweile eine eher unübersichtliche Angebotslandschaft haben und wünsche mir auch mehr Klarheit. Die neue Einteilung der Gymnasien, Fachoberschulen und berufsbildenden Lehr-anstalten müssen und wollen wir auch übernehmen. Den Rahmen müssen wir einhalten. Innerhalb dessen gibt es aber Gestaltungsräume.
f: Im Rest Italiens kennt man unsere Form der Berufsbildung, die Berufsschulen, nicht. Sollen unsere Berufsschulen mit den Lehranstalten verschmelzen? Kasslatter Mur: Keine Region Italiens kennt eine derart differenzierte, gut ausgestattete und funktionierende Berufs-bildung wie die unsere. Mehr Zusammenarbeit mit den Lehranstalten ist unbedingt erforderlich. Wichtig ist, dass das Angebot auf die Bedürfnisse der Jugendlichen abgestimmt wird. Dies kann die Landesregierung entscheiden.
f: Läuft das darauf hinaus, dass aus unseren Lehranstalten Berufsschulen werden? Kasslatter Mur: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Laut Auffassung der Ministerin sind die Lehranstalten zuständig für die Berufsbildung der 14-19-Jährigen. Wir haben in Südtirol sowohl Lehranstalten als auch Berufsfachschulen und deshalb gewisse, mittlerweile unübersehbare Doppelgleisigkeiten. Daran müssen wir arbeiten. Allerdings besteht keinerlei Grund zur Panik um Verlust von Arbeitsplätzen: Die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler bleibt ja dieselbe – sie wird nur anders verteilt sein. Und an dieser Zahl sowie den Kriterien zur Klassenbildung der Landesregierung orientiert sich die Anzahl der Lehrstellen.
f: Was passiert mit einer Schule, wie es etwa die FOS in Meran ist? Sie passt in keinen der genannten drei Typen. Kasslatter Mur: Sie wird sich ein neues Profil gemäß der Reform geben müssen. Die Reform gibt für jeden Schultyp eine Bandbreite an Fachrichtungen vor. Bei den Gymnasien sind das 6 Grundtypen, bei den Fachoberschulen insgesamt 11 Fachrichtungen, darunter auch die Fachrichtung Tourismus. Wenn wir heute eine LESO haben und daneben eine Landesfachschule für Sozialberufe, dann könnte es sinnvoll sein, im Zuge der Oberstufenreform das Eine oder das Andere zu fordern oder ein Gemeinsames aus beiden zu machen. Dasselbe gilt etwa für die Fachrichtung Werbegrafik in der LEWIT und die Gewerbegrafikerausbildung an den Berufsschulen. Das Ziel ist, dass wir mit den vorhandenen Ressourcen durch gewisse Umstellungen noch besser auf die Bedürfnisse der jungen Menschen eingehen können. Die Landesregierung will die Jugendlichen von heute so gut als möglich auf ihr Erwachsenenleben vorbereiten. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit wird deutlich, dass wir auf die Menschen und ihre Fähigkeiten setzen müssen. Und wir tun das: Ein Beweis dafür ist die Tatsache, dass die Landesregierung trotz Sparkurs im restlichen Staatsgebiet das Stellenkontingent für die Schule wieder aufgestockt hat.
f: Mit der Reform könnte das Fach Rechts- und Wirtschaftskunde ganz verschwinden. Es soll in neuen Formen v.a. von den Geschichtelehrkräften übernommen werden. Wie stehen Sie zu diesem Problem? Kasslatter Mur: Das ist nicht ausdiskutiert. Wird es schlichtweg abgeschafft, werden wir auch nicht drum herumkommen. Ansonsten haben wir ja immer noch die Autonomie der Schulen. Es gibt gewisse Spielräume, aber innerhalb staatlicher Vorgaben, etwa auch der starren Einteilung der Wettbewerbsklassen. Ich befürworte aber sicher keine Erhöhung der Wochenstundenanzahl – im Gegenteil: Bereits jetzt betrachte ich mehr als 35 wöchentliche Unterrichtseinheiten im 50-Minutentakt als Grenze der Zumutbarkeit für Jugendliche. Selbstverständlich suche ich in diesen Fragen auch das Gespräch und den Konsens mit den Schulgewerkschaften.
f: Auch das Fach Religion geriet letzthin immer wieder in die Diskussion. Von gänzlich abschaffen bis hin zur Aufnahme in die Matura war alles im Gespräch. Wie ist Ihre Position dazu? Kasslatter Mur: Ich stehe zum Religionsunterricht an unseren Schulen. Ich bin der Meinung, Europas Kulturgeschichte ist untrennbar mit dem Christentum verbunden.
f: Sollte das Fach „Religion“ durch „Ethik“ ersetzt werden und dann in den Notendurchschnitt aufgenommen werden? Kasslatter Mur: Nein.
f: Wie lange lässt man jetzt die Grund- und Mittelschule von Reformen unbehelligt arbeiten? Kasslatter Mur: Ich verspreche für meine Zuständigkeit, dass die Lehrerinnen und Lehrer jetzt in Ruhe arbeiten können. Ich bitte nur um Engagement und Zusammenarbeit bei der Umsetzung der Rahmenrichtlinien.
f: Die Zweitsprachenkenntnisse der Südtiroler Schülerinnen und Schüler sind nicht gerade die besten. Die Immersion ist nicht der Weg, den die Landesregierung einschlagen will. Sprachenprojekte, auch über den Unterricht hinaus, sollen verstärkt werden. Können Sie konkrete Beispiele dafür nennen? Kasslatter Mur: Alle Südtiroler Eltern sollen das Recht haben, ihre Kinder in die Schule jener Sprachgruppe einzuschrei-ben, die sie wünschen: Da ist sogar Totalimmersion möglich. Unser Italienischunterricht könnte besser sein. Es gibt vielerorts sehr engagierte Lehrpersonen, an anderen Orten funktioniert es weniger gut. Das hat viele Gründe. Zum Einen gibt es starken Personalmangel und staatliche Wett-bewerbsklassen, die nicht höchstmögliche Professionalität garantieren. Zum Anderen haben wir jedes Jahr einen Wechsel der Lehrkräfte von bis zu 50%. Darunter leidet die didaktische Kontinuität v.a. in der Peripherie. In den letzten Jahren wurden von den Pädagogischen Instituten ausgezeichnete moderne Unterrichtsmaterialien ausgearbeitet. Ich appelliere an alle Zweitsprachenlehrkräfte, diese auch einzusetzen und nicht an veralteten Methoden festzuhalten. Zudem wird das Schulamt in den nächsten zwei Monaten ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung der Sprachkompetenz vorbereiten. Die Gesellschaft muss deren Wichtigkeit aber auch erkennen und offen unterstützen. Erlauben Sie mir aber noch eine Bemerkung: Unsere Schule ist ohnehin schon sehr sprachlastig. Warum reden wir kaum über andere Fächer? Sind sie weniger wichtig?
f: Die Berufsmatura ist vorläufig gescheitert. Wie ist die weitere Vorgangsweise? Kasslatter Mur: Ich verfolge den Weg aktiv weiter, denn ich bin davon überzeugt, dass die Berufsausbildung keine Einbahnstraße sein darf. Wenn ein(e) Berufsfachschüler/in oder Lehrling mit 16 oder 17 seinen Ausbildungswunsch ändert und dazu eine Matura braucht, muss er/sie mit allen Kräften unterstützt werden!
f: Danke für das Gespräch!
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