Den Herausforderungen getrotztZur Entwicklung des Faches Technische Erziehung
Wohl kein anderes Unterrichtsfach hat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte so viele einschneidende Veränderungen erfahren und war mit so vielen Schwierigkeiten konfrontiert wie der Technikunterricht in der Mittelschule. von Vinzenz Matzneller In der Einheitsmittelschule, welche mit Gesetz Nr. 1859 vom 31.12.1962 in ganz Italien verpflichtend eingeführt wurde, war die Werkarbeit in der 1. Klasse Mittelschule Pflicht, in der 2. und 3. Jahrgangsstufe Wahlfach. In der 3. Klasse konnte man zwischen Werkarbeit und Latein wählen. Die Werkarbeit wurde getrennt nach Geschlechtern unterrichtet: Die Buben arbeiteten mit Holz, Holzwerkstoffen, Metallen, Legierungen, Karton; die Mädchen befassten sich mit Ernährungslehre, Textilien, Textiltechniken, Handarbeiten und Hauswirtschaft. Für die Lehrkräfte war der Abschluss der Frauenoberschule für das weibliche Werken und jener der Gewerbeoberschule für das männliche Werken Voraussetzung. Zwei Wochenstunden waren für die einzelnen Jahrgangsstufen vorgesehen, die gleichgeschlechtlichen Gruppen bestanden mindestens aus 10, höchstens aus 15 Schülern bzw. Schülerinnen. Das manuelle Tun war vordergründig, man ging von der Idee aus, plante, stellte her und beendete die Arbeit mit der kritischen Überprüfung. Von der Werkarbeit zur Technischen Erziehung Mit dem Gesetz Nr. 348 vom 16.06.1977 wurde die Trennung des Unterrichts nach Geschlechtern aufgeho-ben, das Fach wurde in „Technische Erziehung“ umbenannt und Pflichtfach in allen drei Mittelschulklassen. Seitdem ist Technik auch Prüfungsfach bei der staatlichen Abschlussprüfung über die Mittelschule. An die Ausbildung der Lehrkräfte wurden ab diesem Zeitpunkt höhere Anforderungen gestellt, man musste bzw. muss ein Universitäts- oder Hochschulstudium mit technischer Ausrichtung vorweisen, um in die Stamm-rolle aufgenommen zu werden. Der praxisorientierte Technikunterricht war durchaus möglich und auch zielführend, da für eine Klasse zwei Fachlehrkräfte zur Verfügung standen und somit in überschaubaren Gruppen gearbeitet werden konnte. Grundlagen des technischen Zeichnens wurden erarbeitet, Funktions-modelle wurden geplant und gebaut, Arbeitsabläufe analysiert und technische Vorgänge untersucht. Die Schüler/innen konnten ihre Stärken und Neigungen feststellen und diese dann bei der Berufswahl berück-sichtigen. Im Schuljahr 1989/90 wurde die Möglichkeit, in Kleingruppen zu arbeiten abgeschafft. Jede Fachlehrkraft musste daraufhin allein eine ganze Klasse übernehmen, was sich sehr einschneidend auf die Quantität und die Qualität der durchgeführten praktischen Arbeiten auswirkte. Alle Beteiligten waren mit den Ergebnissen dieses Technikunterrichts unzufrieden, weshalb man nach Alternativen zu suchen begann. Die Lösung brachte die Einführung des Schulversuchs in Technik, was bedeutete, dass den praktischen Unterricht eine zweite Fachlehrkraft mitgestaltete und unterstützte. Um den Schulversuch musste jährlich angesucht wer-den, es brauchte dazu einen Beschluss des Lehrerkollegiums und des Schulrates. Unter diesen Vorausset-zungen war der praxisorientierte Technikunterricht wieder zielführend. Ende der achtziger Jahre hatte eine Techniklehrkraft einen schweren Unfall an einer Werkzeugmaschine, was zur Folge hatte, dass alle Maschinen für den Technikunterricht weggesperrt wurden. Der Gebrauch der Maschinen wurde dann mit Dekret des Landeshauptmannes Nr.271 vom 19. Oktober 1988 neu geregelt. Umgebung statt Technikraum Da sich der Werkunterricht und später die Technische Erziehung in Südtirol ganz wesentlich von jenem im restlichen Italien abhoben, bestand Anfang der neunziger Jahre in der Kerngruppe Technik der Wunsch, einen auf Südtirol zugeschnittenen Lehrplan für die Technische Erziehung auszuarbeiten. Im restlichen Italien wurde dieses Fach fast ausschließlich mit theoretischen Inhalten gefüllt, es gab weder Sonderräume noch Werkzeuge und Maschinen. Daher wurden, wenn überhaupt, nur Modelle aus Papier und Karton ge-baut. Eine Staatssekretärin aus Rom behauptete bei einer ASM-Großtagung der Techniklehrer einmal, dass man für den Technikunterricht keinen Sonderraum, sondern nur eine Umgebung brauche, das könnte z.B. der Eingangsbereich der Schule sein. Wir sind in Südtirol in der glücklichen Lage, dass die Mittelschulen über Technik- und Vorbereitungsräume verfügen, die mit Werkzeugen und Maschinen ausgestattet sind Der neue Lehrplan wurde von einer Arbeitsgruppe, die am Pädagogischen Institut angesiedelt war, unter der wissenschaftlichen Begleitung von W. E. Taebert von der Universität Münster und unter der Leitung der Arbeitsgruppe von Reinhold Falkensteiner in gut drei Jahren erarbeitet. Man verfolgte damit das Ziel, einerseits den Richtlinien der neuen Rahmenlehrpläne für die Mittelschule Rechnung zu tragen (Gesetz Nr. 48 vom 06.12.1983), andererseits der kulturellen Tradition Südtirols gerecht zu werden. Das Lernen mit Kopf, Herz und Hand sollte Ausgangspunkt sein, sowohl für das Erwerben von grundlegenden Einsichten als auch für eine fruchtbringende Auseinandersetzung mit Technik und ihrer Komplexität. Der Lehrplan umfasst sechs große Themenbereiche: 1. Arbeit und Produktion, 2. Versorgung und Entsorgung, 3. Information und Kommunikation, 4. Werkzeuge und Maschinen, 5. Bauen und Wohnen und 6. Transport und Verkehr.
Mathematik statt Technik Am 12. März 2003 wurden die Weichen für die Umsetzung der ersten umfassenden Schulreform in Italien seit dem Jahre 1923 gestellt. Dies bedeutete zunächst das Aus für das Fach Technische Erziehung, da es den Naturwissenschaften einverleibt und die Wettbewerbsklasse 33/A gestrichen wurde. Die Techniklehr-kräfte sollten zu Mathematik- und Biologielehrern und -lehrerinnen umgeschult werden. Alles, was von Technik übrig blieb, war eine Wochenstunde Informatik pro Klasse. Nach langwierigen Verhandlungen erreichte die Kern- und Landesfachgruppe, dass für den Technikunterricht 90 Minuten pro Klasse in der Woche gewährt wurden. Auch der Schulversuch in Technik ist der Reform zum Opfer gefallen, was bedeutete, dass man wieder nach Möglichkeiten suchen musste, um vor allem in großen Klassen einen praxisorientierten Technikunterricht verwirklichen zu können. Zur Zeit ist Teamunterricht vorgesehen.
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