Wider die GewaltMax H. Friedrich referiert auf der Großtagung von ASM und KSL 2. September 2009: Es sind wieder Hunderte von Lehrkräften aus allen Schulstufen im Bozner Stadttheater, um den Grußworten der Ehrengäste und dem Referat des Gastredners zu folgen. Wie und wo entsteht Gewalt und gibt es Präventionsmöglichkeiten? Max H.Friedrich aus Wien versucht der Problematik auf den Grund zu gehen von Rosa Monika Laimer
Max H. Friedrich, Professor der Psychiatrie an der Wiener Universität für Medizin, ist seit über 30 Jahren speziell in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig, kennt die Problematik aber auch aus eigenen Kindheits- und Jugenderfahrungen. Gewalt in der Schule ist nichts Neues – früher gab es Ohrfeigen von Seiten des Lehrers, heute ist es anders: Es ist ein Kippeffekt entstanden: Es sind die Kinder und Jugendlichen, die Gewalt ausüben: von der körperlichen Gewalt über Aggression in Form von Herabwürdigung bis hin zu Mobbing und Stalking. Die Schule ist meist nicht der Ort, wo Gewalt und Aggressionen entstehen, sondern nur der Ort, wo sie sich entladen;und Gewalt gegen Lehrer ist meist Gewalt gegen Vorgesetzte. Um Einhalt zu gebieten, fordert Max H. Friedrich ein Modell, das Prävention, Diagnostik, Indikation, Therapie und Rehabilitation gleichermaßen mit einschließt, ein Modell, das eine ganzheitliche Sicht des Menschen in den Mittelpunkt rückt.
Was man selbst erleidet, gibt man weiter Gewalt entsteht durch Nachahmung der sozialen Umwelt: Wenn im Elternhaus Gewalt ausgeübt wird, prägt sich das ein. (Der Begriff "prägen" ist nicht deckungsgleich mit dem von Konrad Lorenz verwendeten, sondern allgemein zu verstehen.) Wenn sich ein Jugendlicher beim Durchzappen der Fernsehprogramme im 2-Sekundentakt Gewaltszenen anschaut, dann brennt sich das in die Gehirnstruktur ein. Gewalt macht Angst und die Antwort des Kindes ist die, dass es sich frei schlägt. Ein besonderer Aspekt ist die Nachahmung des Stärkeren. Wer will nicht groß und stark sein? In Klassengemeinschaften kann das gefährliche Konstellationen ergeben. Was man selbst erlebt hat, gibt man weiter: Max H. Friedrich zeigt an einem Beispiel aus seiner eigenen Kindheit, wie sich Aggressionen kaskadenmäßig aufbauen. Mit starken autoritären Eltern aufgewachsen, gegen die als Kind nicht anzukommen ist, wählt er als Subjekte seines Frustabbaus zunächst die Lehrer aus, doch an starken Persönlichkeiten prallt der Versuch ab. Auch die Geschwister wehren erfolgreich ab, der Hund bellt und die Katze kratzt. Schließlich werden mit einem Stab die Blumenköpfe ab-geschlagen und am Ende ist es die Telefonzelle, die durch Vandalenakte zerstört wird. Ein nicht zu unterschätzendes Kriterium für das Entstehen von Gewalt ist Aggression als Selbstschutz, weil Hilfe von außen fehlt. Ein Kind bedarf des Schutzes, es muss sich verlassen können. Die Gruppendynamik, in der Mitmachen Pflicht ist und der nächste den Vorgänger an Aggressivität und Brutalität noch übertrumpfen muss, darf ebenfalls nicht unterschätzt werden.
In principio verbum erat ... Gewalt hat mit fehlenden Hemm-, Brems-, Kontroll- und Steuermechanismen zu tun, die durch eine Überforderung des Gehirns entstehen können. Unsere heutige Gesellschaft ist so konzipiert, dass wir nichts versäumen dürfen. „Er kam - er sah - er siegte“: Diese 3 Tatsachen passierten zumindest noch hintereinander, heute erledigen Kinder oft zwei, drei Dinge gleichzeitig. Max H. Friedrich appelliert daher an alle Erziehenden: Lasst den Kindern ihre Kindheit. Er bringt das Beispiel eines Kinderneurologen, der am Ende seiner Laufbahn eingestand: Ich habe geirrt, weil ich so früh als möglich so viel als möglich verlangt habe. Kinder sollen das Leben spielerisch lernen, nicht durch Drill ... Und noch etwas ist Max H. Friedrich wichtig: Weg mit dem Unnötigen, reduzieren, indem man das Unnötige vom Nötigen trennt. In principio verbum erat. Max H. Friedrich erweitert den bekannten Satz: In principio verbum et tempus erant. Sich Zeit nehmen und Zeit geben, das geht nur durch Entschleunigung. Geschichtlich gesehen ist es die Anfangszeit der Industriellen Revolution, also die Zeit von 1860 – 1880, in der man begonnen hat, dem Gehirn mehr abzuverlangen - immer mehr in immer kürzerer Zeit - das ist seitdem die Devise, aus der Überforderung entsteht. Der Referent fordert Raum für die schönen Künste, wo man Ärger sublimieren kann und die Schule als einen Ort, wo man Toleranz lernen kann. Die Toleranz zu lehren ist Aufgabe der Schule, weil das Elternhaus mit seinen vielen Einkind-haushalten dieser Forderung nicht nachkommen kann.
Ein Pulver gibt es nicht Max H. Friedrich lässt seine Zuhörer/innen nicht ohne Antworten auf die Frage, was man gegen Gewalt tun kann. Es gibt Möglichkeiten der Gewaltprävention z. B. durch
|
INFO |
|---|