| Den Elfenbeinturm Forschung verlassen Ein Gespräch zum Begriff „Wissenschaftskommunikation“
Wie kann man Berührungspunkte zwischen Wissenschaft und Laienpublikum schaffen? Seit einiger Zeit wird an verschiedenen Institutionen bewusst Wissenschaftskommunikation betrieben. Was aber versteht man genau unter dem Begriff? forum schule heute sprach mit Matthias Mühlberger, Wissenschaftskommunikator an der EURAC. f Was ist Wissenschaftskommunikation? Wissenschaftskommunikation ist alles, was mit Verbreitung und Vermittlung von Inhalten der Wissenschaft zu tun hat. Es gibt den Wissenschaftsjournalismus, in dem zu einem Thema für ein nicht wissenschaftliches Publikum unabhängig und kritisch recherchiert wird und die Inhalte entsprechend aufbereitet werden. Aller- dings ist es auch ein Anliegen von Institutionen wie Unis oder Forschungseinrichtungen wie der EURAC, sozusagen in eigener Sache, ihr Forschungsarbeiten und Inhalte zu kommunizieren und dadurch gleich-zeitig auch die eigene Institution bekannt zu machen. Das Anliegen der Wissenschaftskommunikation ist es, den Elfenbeinturm Forschung etwas zu verlassen und sich einem breiterem Publikum zu öffnen. f Welches ist ihr Grundgedanke? Die Öffentlichkeit soll teilhaben an Wissenschaft und Forschung, schon allein deshalb, weil es großteils öffentliche Gelder sind, die dafür verwendet werden. Es geht aber auch darum, die Öffentlichkeit zu informieren und miteinzubeziehen, da Forschung auch eine gewisse Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hat. Besonders im angelsächsischen Raum gibt es eine lange Tradition der Wissenschafts-kommunikation. Da wurde das lange unter dem Schlagwort „public understandig of science“ betrieben, wobei sich der Trend in den letzten Jahren hin in Richtung „public engagement in science“ entwickelt, d.h. dass die Öffentlichkeit auch ein gewisses Mitbestimmungsrecht im wissenschaftlichen Prozess hat. Besonders relevant ist das zum Beispiel bei ethischen Fragen in der Gentechnik, der Medizin oder bei gewissen diagnostischen Methoden z.B. - um da mitreden zu können, muss man erst einmal verstehen, worum es geht. Im nächsten Schritt müssen dann Formen der Partizipation entwickelt werden, wie die Bevölkerung sich an Entscheidungsprozessen beteiligen kann. Da ist ein spannendes Feld, wo wir in vielen Bereichen erst am Anfang stehen. f Wie nimmt die Forschung selbst die Wissenschaftskommunikation an? Manchmal bestehen immer noch gewisse Vorurteile gegenüber der Wissenschaftskommunikation, da viele glauben, es werde dabei alles so vereinfacht, dass es am Ende nicht mehr stimmt. Eigentlich versuchen wir aber nur komplexe Inhalte so zu formulieren, dass sie allgemein verständlich sind, ohne allzu sehr zu ver-einfachen. Inzwischen haben die meisten Forscher begriffen, dass Wissenschaftskommunikation ein wich-tiger Teil der Forschung ist, vor allem weil finanzielle Förderungen immer stärker auch auf die Kommuni-kation und Verbreitung der Forschungsergebnisse Wert legen. D.h., wenn man ein Projekt einreicht, dann muss man von vorne herein darstellen, wie man die Ergebnisse kommunizieren möchte. Es gibt im Bereich der EU-Förderungen auch eine eigene Schiene: Science and society, die sich ausschließlich mit dem Ver-hältnis von Wissenschaft und Gesellschaft befasst. Der Wissenschaftler ist dadurch selbst immer mehr gefordert, sich in dem Bereich zu professionalisieren. Wer seine Forschung gut kommunizieren kann, erhält auch leichter Gelder dafür. Parallel dazu wurden an den Universitäten und Forschungseinrichtungen die Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit bewusst aufgestockt bzw. überhaupt erst geschaffen. f Über welche Kanäle läuft die Kommunikation? Wir haben an der EURAC z.B. die Zeitschrift Academia, die vierteljährlich erscheint. Sie wird inzwischen in ganz Europa verteilt, ist mehrsprachig und widmet sich ganz unterschiedlichen Themen. Natürlich ist auch die Website ein wichtiger Kanal, da gibt es z.B. eine Onlinezeitschrift zu aktuellen Themen sowie das Eurac-TV, das sind kurze Filmbeiträge und Interviews mit Experten. Im Sommer haben wir die „science cafés“; das sind wissenschaftliche Diskussionen nicht im strengen Vor-tragsstil, sondern im lockeren Gespräch, wo man ohne große Schwellen in direkten Kontakt mit den Wissen-schaftlern treten kann. Diese sind auch glücklich über den Kontakt zum Publikum, über die Erfahrung, dass Interesse da ist und es Breitenwirksamkeit gibt. Und dann gibt es spezielle Events, z.B. im letzten Jahr die lange Nacht der Forschung, die großen Anklang fand; an neun Standorten ging es darum zu erleben, zu berühren und Forschung anzufassen. Es haben sich mehrere Forschungsstandorte in Bozen zusammengeschlossen, der TIS Innovation park, die Freie Uni Bozen, die EURAC sowie Unternehmen und öffentliche Einrichtungen. Es ist für 2010 wieder geplant und steht zudem im größeren Kontext der European Researchers Night, die zeitgleich in 150 Städten in Europa stattfindet. Seit kurzem haben wir mit „Eurac junior“ und mit „Junge Forscher gesucht“ auch eigene Programme, die speziell für junge Leute und Schulen konzipiert ist und ihnen Forschung und Wissenschaft näher bringen und zu eigenen Forschungsprojekten anregen soll. Für den aktuellen Wettbewerb ist der Anmeldeschluss der 30. November. All das soll die jungen Menschen auch motivieren wissenschaftliche Studienrichtungen einzuschlagen.f Gibt es so etwas wie geschlechtsspezifische Interessen? Man merkt schon einen Unterschied, gerade bei den Schülern merkt man, dass die Jungs oft schneller den Zugang finden, z.B. im Bereich Informatik und Technologie. Wir arbeiten zwar nicht gezielt an diesem Thema, aber im Hinterkopf haben wir es und möchten für die Zukunft etwas entwickeln, um Mädchen vermehrt anzusprechen und für auch untypische Studien zu begeistern. Auf internationaler Ebene gibt es ganz konkrete Bemühungen, die Frauen in der Wissenschaft zu fördern. f Wie könnte man das Berufsbild des Wissenschaftskommunikators beschreiben? Die Leute, die in dem Bereich arbeiten, haben zum Teil selbst einen wissenschaftlichen Hintergrund; bei uns ist es relativ gemischt, viele kommen aus den Geisteswissenschaften. Es gibt auch zunehmend Lehrgänge und ganze Studien, die darauf spezialisiert sind. Voraussetzung ist viel Interesse und ein gewisses Wissen-schaftsverständnis, man muss sich einlassen, das System Wissenschaft generell verstehen und dann im Gespräch mit dem Wissenschaftler herausfinden, was davon man kommunizieren kann. Man arbeitet Hand in Hand mit diesen. Es ist auch ein Schulungsprozess für sie, manche haben schon großes Verständnis dafür, bei manchen muss man noch viel übersetzen. Und es ist spannend, weil man immer am Puls der Zeit ist und mit vielen Themen in Kontakt kommt. Die Fragen stellte Anna Christoph. |
PRAXIS |
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