Neuer olympischer Wettbewerb: "Gut Streiten"

Aus Konflikten lernen - Streitkultur ist Voraussetzung für Begegnungen

Wenn man Eltern reden hört, streiten sich Kinder (zu) oft und heftig. Das raubt vielen Eltern viel Kraft. Wenn ich Kinder beobachte, dann sehe ich folgendes: Konflikte gehören zum Alltag – und die Kinder haben viel Energie und Kraft und immer neu die Bereitschaft, sich zu reiben, mitunter fast unabhängig davon, was dabei herauskommt. Sind Konflikte wo-möglich lustvoll und lebensbereichernd?

von Roland Feichter

Warum haben Auseinandersetzungen und Konflikte einen so schlechten Ruf? Wir streiten doch vorwiegend dort, wo es uns um etwas Bedeutendes, Wertvolles geht. Ist es da nicht richtig und gut, sich mit Haut und Haar einzubringen?

Vielleicht hat das Harmoniebedürfnis zuviel Boden erobert? Vielleicht ist die Unsicherheit vor starken Gefühlen das pro-blematische Thema: wir lehnen so genannte schlechte Gefühle ab, da wir meinen, sie seien das Problem. Viele lehnen z.B. die Aggression ab – und vergessen, wie wichtig diese Kraft für Veränderung sein kann. Abzulehnen sind die Gewalt, das Zuschlagen, das destruktive Wort, die manchmal auf die Aggression folgen. Die Aggression, die Wut, der Ärger, die Trauer … sind notwendige und wertvolle Gefühle.

Fürs Streiten Werbung machen!

Das „Streiten“ hat keinen sonderlich guten Ruf. Und doch scheint eine gut entwickelte Streitkultur die beste Voraus-setzung für gute Beziehungen zu sein. Vielleicht sollten wir uns verstärkt dafür einsetzen, dass wir niveauvoll streiten lernen, dass wir Mundwerbung dafür machen, besser noch, dass wir gute Vorbilder für Konfliktbewältigung werden.

Jeder Konflikt bringt Wärme, die Reibungswärme. Sie ist wichtig und bringt Wichtiges hervor. Und jeder existentielle Konflikt bringt uns mit unseren Werten in Kontakt.

Dazu einige Grundüberlegungen und Haltungen:

 

sozial und emotional kompetent

Angenommen, die soziale Kompetenz kann weder von den Eltern, noch von Kindergärten oder Schulen gelehrt werden – sondern entwickelt sich im Umgang mit den Gleichaltrigen.

Oder: D er Mensch ist von Geburt an ein sozial und emotional kompetentes Wesen!

Wir Eltern denken oft, dass wir die Kinder lehren, verändern, beeinflussen, manipulieren müssen. Vielleicht könnten wir auf das meiste der so genannten Erziehung verzichten und einfach gute Vorbilder sein! Die Erziehungsvorstellungen und Erziehungsstrategien ablegen – und offen, interessiert und gegenwärtig sein.

Überschreitung der Grenzen

Erziehung ist in einem gewissen Sinne immer eine Überschreitung der Grenzen des Kindes. Diese Kenntnis und dieses Bewusstsein verbunden mit einem Reflexionsbewusstsein sind wichtig, damit (notwendige) Überschreitungen in Ach-tung und mit Respekt geschehen.

Nur irgendwelche Grenzen setzen hilft nicht.

Grenzen sollen als Herausforderung gesehen werden – sollen immer wieder überprüft werden. Entscheidend sind die persönlichen Grenzen – nach dem Motto: Hier bin ich – das bin ich, das ist mir wichtig!

Oder gar: Stopp mit der Erziehung!

Wer mag das schon – wenn andere an einem herumziehen und es besser wissen? Wer will schon mit dem eigenen Leben die Ziele und Vorstellungen von anderen erfüllen? Das mag doch kaum jemand wirklich.

Vielleicht ist die Aufgabe von Eltern und Erziehern und Erzieherinnen nicht die Erziehung - sondern die Notwendigkeit echt und authentisch zu begegnen, in Kontakt zu gehen, Beziehung aufzubauen.

Die Kinder annehmen - genau so wie sie sind!

Klingt vertraut und logisch – oder auch nicht - und ist unendlich schwierig. Die eigenen Kinder trauen uns, sie vertrauen uns, (fast) egal, was passiert. Die eigenen Kinder mögen uns - nehmen uns, genau so, wie wir sind. Sie machen sich zunächst keine Vorstellung, dass oder wie wir anders sein sollten. Diese Haltung, diese Fähigkeit zu begegnen, in dieser Offenheit und Bereitschaft andere Menschen annehmen - das ist weltmeisterlich. In diesem Sinne sind die Kinder wahre Lehrmeister der Menschheit!

Nähe und Distanz - wir brauchen sie beide!

So manche Konflikte schaukeln sich hoch, weil wir meinen, sofort reagieren zu müssen. Oft ist es heilsam, den geeigne-ten Zeitpunkt abzuwarten, ihn zu finden bzw. ihn zu bestimmen. Hier gilt wohl: manchmal braucht es Zeit, Geduld oder einfach etwas Abstand.

Manchmal schmerzen einzelne Aussagen/Worte sehr – und manchmal lesen wir zwischen den Zeilen oder ein weiteres Mal bleiben wir einfach unserer eigenen Verletzungsgeschichte treu.

Manchmal ist es gut nicht alles zu hören und ein andermal ist es gut, nicht zuviel in einzelne Situationen hineinzuinter-pretieren.

Und – die eigene Verletztheit und Betroffenheit verführt uns oft in eine Sackgasse, die wenig neue Perspektiven erlaubt. Es gilt, für Kinder und Jugendliche Freiräume – Rückzugsräume – erwachsenenfreie Räume zu ermöglichen.

"Nein-Sagen" in Liebe - voller Wertschätzung!

Es gibt nicht nur die Seite, dass Kinder lernen müssen, ein Nein zu respektieren, sondern auch, dass Eltern es selbst lernen! Ein Nein ist je nach Situation eine notwendige, wichtige und ehrliche Antwort. Wesentlich dabei ist, dass das Nein kein „Nein zur Beziehung“ darstellen soll. "Nein" ist die liebevollste aller möglichen Antworten. Die meisten Schwierigkeiten und viele Konflikte und Spannungen entstehen, weil viele Menschen (egal ob im Berufsleben oder im privaten Umfeld) nicht imstande sind, NEIN zu SAGEN, obwohl sie es möchten. Sie trauen sich nicht (sie trauen es sich selbst nicht zu).

Häufig tragen wir zu wenig Sorge für unsere eigenen Bedürfnisse und individuellen Grenzen – und machen den/die an-deren dafür verantwortlich, wenn wir zu kurz kommen, nicht zufrieden sind usw.

Konfliktbegegnung kann gelingen

Einige essentielle Fragen, damit Konfliktbegegnungen besser gelingen:

  • Wie schaut es mit der Wertschätzung aus?
  • Wie echt und ehrlich, wie authentisch bin ich?
  • Sind meine persönlichen Grenzen gesetzt und benannt?
  • Ist die Gleichwürdigkeit gewahrt oder kann sie wiederhergestellt werden?
  • Trage ich meinen Teil der Verantwortung? Wie gehe ich mit Schuld um?
  • Bleibe ich als Erwachsener/Elternteil/Lehrer/Pädagoge in der Führung?
  • Wird die Gruppe, die Gemeinschaft, die Zugehörigkeit geachtet bzw. bestätigt?
   

   

Roland Feichter ist Pädagoge,

Psychologe und Vater von fünf Kindern.

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