Wie die Saite einer Gitarre

Pädagogische Beziehung aus dem Blickwinkel der Hirnforschung

Die Hauptaufgaben, denen sich Lehrkräfte gegenübersehen, betreffen die Erzeugung von Motivation und den Umgang mit Destruktivität. Beide Phänomene haben eine neurobiologische Grundlage. Ergebnisse der modernen Neurobiologie führten zur Wiederentdeckung der zentralen Rolle der Beziehung für die kindliche bzw. jugendliche Motivation.

von Joachim Bauer

Die Motivationssysteme des Gehirns sind im Mittelhirn gelegene Nervenzell-Netzwerke. Ihre Spezialität ist die Herstel-lung eines Botenstoff-Cocktails, der uns Vitalität und Motivation fühlen lässt. Was die Motivationssysteme des mensch-lichen Gehirns aktiviert, sind Beachtung, Interesse, Zuwendung und die Sympathie anderer Menschen. Dies bedeutet: Es gibt keine Motivation ohne zwischenmenschliche Beziehung. Menschen sind in ihren zentralen Motivationen auf soziale Akzeptanz hin orientierte Wesen.

Für den pädagogischen Alltag ebenso bedeutsam sind die neurobiologischen Effekte von sozialer Ausgrenzung und Demütigung: Untersuchungen zeigen, dass Ausgrenzung aus der Sicht des Gehirns ähnlich wahrgenommen wird wie absichtsvoll zugefügter körperlicher Schmerz. Da zugefügter körperlicher Schmerz ein potenter Auslöser von Aggression ist, wird verständlich, warum auch soziale Ausgrenzung bzw. Bindungslosigkeit aggressives Verhalten begünstigt .

Spiegelnervenzellen informieren und infizieren ...

Um im Gehirn Motivation hervorzurufen, bedarf es gelingender zwischenmenschlicher Beziehungen. Beziehung gründet – soweit es die Begegnung zwischen Pädagogen und Kind bzw. Jugendlichen betrifft – auf einer Balance zwischen ver-stehender Zuwendung und Führung. Für die beiden genannten Komponenten ist das System der Spiegelnervenzellen, von deren Existenz wir erst seit Mitte der 90er Jahre wissen, von entscheidender Bedeutung.

Spiegelnervenzellen sind ein neurobiologisches Resonanzsystem. Eine Spiegelzelle bzw. ein Spiegelzell- Netzwerk verhält sich wie die in Ruhe befindliche Saite einer Gitarre, die jedoch plötzlich in Schwingung gerät, wenn eine auf den gleichen Ton gestimmte andere Saite angezupft und zum Klingen gebracht wird. Spiegelzellen vermitteln zweierlei:

  1. Indem sie in Resonanz gehen, informieren sie uns mit einem in uns ausgelösten Gefühl, mit einer Intuition, über das, was sich im anderen Menschen abspielt;
  2. Zusätzlich haben Spiegelzellen aber auch die Tendenz, uns „anzustecken“:
    Sie können uns mit der Stimmung eines anderen „infizieren“, z. B. mit guter Laune oder mit Energie, ebenso aber mit einem Gefühl der Müdigkeit oder Apathie.  

Schließlich sind Spiegelnervenzellen die neurobiologische Grundlage für das „Lernen am Modell“, welches bereits vor über drei Jahrzehnten vom kanadischen Psychologen Albert Bandura formuliert wurde. Sehen wir einen anderen Menschen etwas tun, führt dies zur stillen Aktivierung von Nervenzellen, die wir benützen müssten, wenn wir die beobachtete Handlung selbst ausführen würden.

 

... und zeigen uns wer wir sind

Kinder und Jugendliche suchen unbewusst nach der Resonanz, die sie in ihren Lehrkräften auslösen. Sie suchen nach Antworten auf unausgesprochene Wünsche, welche lauten:

  1. Zeige mir, dass ich da bin, lass mich spüren, dass es mich gibt!
  2. Zeige mir, wer ich bin, beschreibe meine starken und schwachen Seiten! Lobe mich, aber kritisiere mich auch!
  3. Zeige mir, was meine Entwicklungsmöglichkeiten sind, was aus mir werden kann! Zeige mir, was du mir zutraust!  
Die Antworten auf diese Fragen entnehmen Kinder und Jugendliche der Art und Weise, wie wir Erwachsene im ganz normalen Alltag mit ihnen umgehen. Das Geheimnis, ja die Magie guter Pädagogik ist: Jugendliche, die sich wahr-genommen und einfühlsam verstanden fühlen (Anfrage Nr. 1) und die spüren, dass man leidenschaftlich an ihre Zukunft glaubt (Anfrage Nr. 3), vertragen es, dass man auch ihre Schwächen klar benennt und sie bei Bedarf durchaus auch kritisiert!

Verstehende Zuwendung ist nur die eine Seite der pädagogischen Beziehung. Lehrkräfte müssen auch führen. Führen heißt, Ausstrahlung zeigen und Kinder und Jugendliche veranlassen, ihrerseits in Resonanz zur Lehrkraft zu gehen. Dies beinhaltet für Lehrer/innen die Notwendigkeit, mit den Mitteln der Körpersprache (Art des Stehens und Gehens, Stimme, Blickverhalten, Mimik) deutlich zu machen, dass man präsent und gewillt ist, als Person zu sich zu stehen, für die eigenen Vorstellungen einzutreten und diesen Gehör zu verschaffen.

Was gute Pädagogen immer schon ahnten ...

Motivation können Kinder und Jugendliche nur aufbauen, wenn sie persönliche Beachtung und Interesse spüren. Dies setzt verbindliche menschliche Beziehungen zwischen Jugendlichen zu seinen Lehrern und Lehrerinnen, aber auch zu seinen Eltern, voraus. Wesentliche Komponenten von „Beziehung“ sind Spiegelungsakte:

Jugendliche nehmen zum einen in sich das (Spiegel-)Bild dessen auf, das ihnen durch gute oder schlechte Vorbilder zufließt. Zum anderen achten Jugendliche darauf, welches Bild sie ihrerseits in der Wahrnehmung ihrer Pädagoginnen und Pädagogen erzeugen. Dieses Bild gibt dem Jugendlichen nicht nur eine Auskunft darüber, wer er/sie ist, sondern vor allem auch darüber, welche Entwicklungspotentiale sich ihm/ihr eröffnen, also darüber, was er/sie sich selbst zutrauen darf.

   

   

Joachim Bauer ist als

Universitätsprofessor an der Abteilung Psychosomatische Medizin der Uniklinik Freiburg tätig.

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