Vertrauen schafft Bildung

Die Bedeutung der Emotionen für die Entwicklung des kindlichen Gehirns

Eine entscheidende Voraussetzung für gelingendes Lernen ist eine anregende, freundliche und wertschätzende Atmosphäre in der Familie, im Kindergarten und in der Schule. Die Erfahrung, Urheber der eigenen Lernprozesse zu sein, stabilisiert das Motivationssystem. Am besten lernen Kinder, wenn sie sich in ihren Beziehungen sicher fühlen.

von Karl Gebauer

 

Kinder werden als Entdecker geboren. Sie müssen fast alles, worauf es im Leben ankommt, durch eigene Er-fahrung lernen. Am besten funktioniert das, wenn sie sich sicher und geborgen fühlen. Treibende Kräfte sind ihre Neugier und Eigenaktivität. Sie brauchen daher Spiel- und Lernräume, die ihnen Entdeckungen ermög-lichen. Dabei können sie erfahren, dass Lernen Freude macht. Auf diese Weise stabilisieren sie ihr Motiva-tionssystem. Eine entscheidende Voraussetzung für gelingendes Lernen ist eine anregende, freundliche und wertschätzende Atmosphäre in der Familie, im Kindergarten und in der Schule.

Viele Ergebnisse der Säuglings-, Bindungs- und Hirnforschung belegen diese Annahmen. Sie werden allerdings in der Schulpraxis viel zu wenig berücksichtigt.

Spielzeit ist Bildungszeit

Spielen und Lernen sind in den ersten Lebensjahren identisch. Das gilt besonders für die Arbeit in Kindergärten. Das Spiel erlaubt dem Kind, neue Fertigkeiten zu erproben, Lösungen und Strategien für immer komplexere Probleme zu erfinden und emotionale Konflikte zu bewältigen. Das Spiel kann daher für jedes Kind als eine unersetzbare Quelle von Zufriedenheit, Selbstsicherheit und Lernvergnügen angesehen werden.

Was macht das Spiel mit dem Gehirn?

Das Gehirn eines Kindes ist unmittelbar nach der Geburt in seinen wesentlichen Teilen ausgebildet. Allerdings sind die Bereiche, mit denen wir fühlen (limbisches System), denken und unsere Handlungen planen (frontaler Kortex) nur potenziell angelegt. Es sind zwar Nervenzellen in großer Zahl vorhanden, diese müssen sich aber noch miteinander vernetzen. Dies gelingt nur dann, wenn ein Kind auf unterschiedliche Weise aktiv ist. Denn es bleiben nur die Zellen erhalten, die aktiv genutzt werden. In der frühen Kindheit und während der gesamten Kindergartenzeit gibt es dafür kein besseres Medium als das Spiel. In der Schule sind es vor allem Arbeits-formen, die eine aktive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aufgabenstelllungen zulassen. Jede anre-gende Lernsituation enthält viele Fragen, zu deren Lösung ganze Nervenzellverbände aktiviert werden müs-sen. Das ist gut so. Denn nur dort können sich neue Nervenzellen ausbilden und miteinander vernetzen, wo konkrete Aufgaben nach einer Lösung verlangen.

Emotionen und ihre Botenstoffe

Das Motivationssystem eines Menschen besteht aus konkreten Handlungen, die mit Gefühlen wie Vertrauen, Lernwille oder Freude verbunden sind. Diese Gefühle basieren auf dem Zirkulieren von Botenstoffen im Gehirn. Gelingendes Lernen beruht auf einer guten Mischung von Oxytozin, Dopamin und den körpereigenen Opioiden (Glückshormone).

Lernen muss jedes Kind selbst

Diese Feststellung ist banal und vielleicht gerade deswegen so wenig real. Die pädagogische Realität zeichnet sich überwiegens durch eine Konzeption aus, die weitgehend auf die Wirksamkeit eines rational gefassten Plans setzt. Oft gerät dabei die individuelle Entwicklung eines Kindes aus dem Blick. Es entsteht Druck, der das Stresssystem auslöst. Nun wird verstärkt der Botenstoff Cortisol ausgeschüttet, der dazu beitragen kann, dass bereits angelegte neuronale Verschaltunen gestört oder zerstört werden.

Emotionale Sicherheit und die Schaltkreise im Gehirn

Sichere Bindungen an die Eltern stellen aus der Sicht der Bindungsforschung die entscheidende Grundlage für gelingende Lernprozesse dar. Man geht davon aus, dass sich das Handlungsmotiv eines Kindes aus der frühen Bindungsstruktur entwickelt. Unsichere Bindungserfahrungen stellen hingegen eine ungünstige Voraussetzung dar. Ist die Bindung sicher, so wird der Neurotransmitter Oxytozin ausgeschüttet. Er sorgt für das Gefühl von Geborgenheit. Dieses Gefühl wird in der Wissenschaft als entscheidende Grundlage für gelingende Bildungs-prozesse angesehen. Deswegen ist die Qualität der pädagogischen Beziehung so bedeutsam, denn die Be-ziehung prägt auch im weiteren Entwicklungsprozess den Aufbau neuronaler Schaltkreis – besonders im lim-bischen System. Die Muster der neuronalen Verbindungen sind ein Spiegelbild der Gefühlsreaktionen der Be-ziehungsperson. Über eine tragende Beziehung, die Sicherheit spendet, können Kinder innere Arbeitsmodelle aufbauen, die ihre Motivation fördern und ihnen helfen, die vielfältigen Anforderungen zu bewältigen. Die große Bedeutung der „pädagogischen Beziehung“ wird leider in der Bildungs- und Schulpolitik vernachlässigt.

Gehirneigenes Belohnungssystem

Wenn Erwachsene die erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen, Spiel- und Lernräume mit angemessenen Materialien zur Verfügung stellen, Lernanreize anschaffen und bei Bedarf eine Unterstützung gewähren, dann können sich die Lernpotenziale eines Kindes optimal entwickeln. Die Freude über das Gelingen führt schließlich zur Freisetzung von körpereigenen Glückshormonen. Da Kinder immer wieder dieses Wohlgefühl erleben möch-ten, werden sie erneut mit dem Bearbeiten von Aufgaben beginnen. Es geht also darum, die Fähigkeit des Problemlösens immer wieder zu üben, zu perfektionieren und sich selbst mit guten Gefühlen zu belohnen. Auf diese Weise halten die Schüler ihr gehirneigenes Belohnungssystem in Bewegung.

Schüler in ihrer Verschiedenartigkeit achten

Kinder, die aus unterschiedlichen familiären Konstellationen und mit verschiedenen kulturellen Hintergründen in die Schule kommen, müssen zunächst und über viele Jahre in ihrer Unterschiedlichkeit wahrgenommen und gewürdigt werden. Sie lernen unterschiedlich schnell, unterscheiden sich in ihrer Motivation, ihrer Konzentra-tion und in ihren Lernstrategien. In der Beachtung der Verschiedenartigkeit liegt der Kern gelingender Bil-dungsprozesse.

Es sind nicht die Tests, es sind nicht die oft blutleeren Förderprogramme, die Kindern mit Lernproblemen eine Chance eröffnen, sondern Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Schüler in ihrer individuellen Entwicklung wahr-nehmen und fördern. Sie schenken Vertrauen und setzen auf die individuellen Entwicklungsprozesse. So werden sie als starke Vorbilder erlebt.
 
 

Karl Gebauer war 25 Jahre Rektor der Leinebergschule in Göttingen und hat zusammen mit dem Hirnforscher Gerald Hüther die Göttinger Erziehungs- und Bildungskongresse ins Leben gerufen. Gebauers zuletzt erschienene Publikation trägt den Titel „ Klug wird niemand von allein“ (2007).

 

thema