| Vom Gehorsam zur Verantwortung Sozialpädagogische und therapeutische Angebote im Kinderdorf Brixen„Am Anfang stand der Wunsch, zu helfen und Not zu lindern, im Vordergrund. Dies wurde mit dem Engage-ment und der Großzügigkeit der Spender/innen und Förderer/innen, der ehrenamtlichen Vorstände und Aufsichtsräte, vor allem der Mitarbeiter/innen realisiert. Heute stehen hohe Fachlichkeit und eine gute Vernetzung mit allen Institutionen im Vordergrund, welche sich um die vom Südtiroler Kinderdorf unter-stützten Menschen kümmern.“ (Walter Mitterrutzner, Obmann) von Heinz Senoner Das Südtiroler Kinderdorf ist im Wesentlichen in drei Feldern tätig:
Die therapeutischen Angebote macht die Kinder- und Jugend-psychiatrischen Terminambulanz des Thera-pie Center. Hier wird auf das Zusammenspiel verschiedener Fachkräfte im multiprofessionellen Team ge-achtet. Ebenso sollen Dienste angeboten werden, die im öffentlichen Dienst nicht oder kaum vorhanden sind. Die „Ambulanten Dienste“ wenden sich unterstützend an Eltern, denen es aus unterschiedlichen Gründen schwer fällt, mit dem Familienalltag zurecht zu kommen oder die Elternrolle wahr zu nehmen. Zu Hause können diese Rat und Unterstützung erhalten, um die Beziehung zu ihren Kindern zu gestalten oder zu reflektieren, vor allem aber auch ein Netzwerk mit ihren eigenen Ressourcen aufzubauen, so dass das Familienleben in Zukunft besser gelingen kann. Im Haus Rainegg können allein erziehende Frauen mit einer ähnlichen Begleitung in einem stationären Setting Krisen überwinden. Sozialpädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche (Kinderdorf-Familien und Wohngemeinschaften) sind für Minderjährige gedacht, die von Jugendgericht oder Sozialdienst fremd untergebracht werden. Die Fremdunterbringung geschieht stets aus der Erkenntnis, dass ein weiterer Verbleib in der Familie zum gegebenen Zeitpunkt die Entwicklung der/des Minderjährigen gefährden würde. Bei diesen Interventionen ist eine Rückführung gesetzlich vorgesehen und die Fremdunterbringung wird als vorübergehende Ent-lastung der Familie verstanden. Unterstützung bei der Rückführung und auch während der Zeit, in der die Kinder nicht in der eigenen Familie wohnen, wird von uns selbstverständlich angeboten, allerdings nicht immer in Anspruch genommen. Das Bewusstsein bezüglich der Werte und Vorstellungen, die uns leiten, sind uns sehr wichtig. Demgemäß versteht sich das Kinderdorf als lernende Organisation und legt großen Wert auf die Diskussion und Weiter-entwicklung der eigenen Leitgedanken. Zwei von 7 Grundhaltungen, die wir für alle Dienste erarbeitet haben, werden im Folgenden beispielhaft dargestellt.Gleichwürdigkeit Wir begegnen einander auf Augenhöhe und nehmen jede/n Einzelne/n als Individuum ernst. Die Bedürf-nisse aller, der Klienten/Klientinnen wie der Fachkräfte, der Kinder wie der Erwachsenen, werden gleicher-maßen ernst genommen. Diese Haltung ist gerade in der Arbeit mit benachteiligten Menschen von großer Bedeutung: Zu leicht besteht die Tendenz, Kinder wie Erwachsene zu manipulieren oder zu zwingen, ihr Verhalten zu verändern. Das mag so lange erfolgreich sein, als sie unter Druck stehen, unser Anspruch ist es allerdings, eine nach-haltige Entwicklung zu initiieren, so dass unsere Betreuten auch in Zukunft die Belastungen ihres Lebens bestehen können. Dieser Grundsatz gilt, wie alle anderen auch, für Betreute in gleicher Weise wie für die Fachkräfte. Was er in der Praxis bedeutet, mag das folgende Beispiel zeigen: Fritz geht ungern zur Schule. Diese ist für ihn ein Ort täglicher größerer und kleinerer Demütigungen. Ihn täglich in die Schule zu zwingen, ohne seinen Gefühlen Rechnung zu tragen, bringt wenig Chancen auf Erfolg, es wird vielmehr zum Machtkampf. Sich von ihm bei der Lösung des Problems helfen zu lassen, halten viele Pädagogen für unzulässig. Aber es ist nach unserer Auffassung der einzige Weg, um den Gang zur Schule aus dem Machtkampf und der Ablehnung herauszulösen. Voraussetzung für die Lösung ist aller-dings die Bereitschaft der Erwachsenen, Erzieher/innen wie Lehrer/innen, sich auf die Gedanken und Lösungsvorschläge des Jugendlichen einzulassen. Aus diesem Grund ist für uns eine enge Zusammenarbeit im Netz unabdingbare Voraussetzung für erfolg-reiche Arbeit. Persönliche Verantwortung Wir übernehmen die Verantwortung für uns selbst, unser Handeln und unsere Grenzen und lassen den Klienten/Klientinnen die Verantwortung für sich. Wenn wir von Verantwortung sprechen, müssen wir abklären, wer wofür Verantwortung übernehmen kann und wer wofür grundsätzlich verantwortlich ist. Für mich ist klar, dass die Erwachsenen immer für die Qualität der Beziehung Verantwortung tragen. Die häufigen Schuldzuweisungen und Abwertungen „tu nicht so blöd“, und „Du enttäuschst mich“ zeugen von einer Kultur, in der Erwachsene die Verantwortung für die Beziehungsqualität den Kindern unterjubeln, denn die Bewertung unterstellt, dass das Kind bzw. der/die Jugendliche an dem Missbehagen des Erwachsenen schuld sei. Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob ich zu einem Jugendlichen, der seine Aufgabe nicht erledigt hat, sage: „Du enttäuschst mich!“, und damit ausdrücke, dass er die Verantwortung für meine Enttäu-schung hat oder ob ich sage: „Ich bin enttäuscht!“, und damit die Verantwortung für mein schlechtes Gefühl selbst übernehme. Den Unterschied machen allerdings weniger die Worte, sondern vielmehr die Haltung, die hinter diesen Worten steht. Jede/jeder ist für seine Gefühle selber verantwortlich. Pädagogen und Pädagoginnen sollte bewusst sein, dass Kinder sehr früh schon Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen können und wollen. Allerdings ist die Übernahme von Verantwortung etwas, das man lernen muss, und es ist nicht denkbar, dass wir Kinder von jenem Tag an, an dem sie den ersten Schritt machen an der Hand nehmen und uns erwarten, dass sie mit 14 plötzlich selbständig und verantwortungs-voll ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit dieser Haltung in der schwierigen Situation der sozialpädagogi-schen Arbeit zu begleiten, stellt ganz andere Anforderungen an die erwachsenen Bezugspersonen, als wenn man lediglich versucht, die missachteten Grenzen durch strenge Regeln und Sanktionen zu ersetzen.
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PRAXIS |
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