In der Freiheit verlorenImmer häufiger werden Lehrer/innen mit Störungen verschiedenster Art konfrontiert - Hyperaktivität etwa ist zum geflügelten Wort geworden. Ist das nur eine subjektive Wahrnehmung? "forum schule heute" sprach mit Ingo Stermann, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Koordinator des Projektes zum Auf- und Ausbau eines landes-weiten Referenzzentrums für Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter. Er rührte heiße Eisen an: die Frage nach der Verantwortung, geschlossene Abteilungen oder den Sinn des "Wegsperrens".
f Lässt sich sagen, zu welchen Anteilen ein Mensch von Anlage und Prägung bestimmt ist? Ingo Stermann: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt die berühmte Einlassung eines Hirnforschers, der gesagt hat, wenn es gelänge, eineiige Zwillinge von Geburt an exakt gleichen Umweltbedingungen auszusetzen und sie dann im Kleinkindalter vor ein Haus zu stellen, um den einen rechts herum, den anderen links herum zu führen, dann reichte das schon aus, um die weitere Ausgestaltung ihrer Gehirne signifikant anders zu gestalten. Das Wechselspiel zwischen Anlage und Umwelt ist hoffentlich noch auf lange Zeit hin nicht ausrechenbar. Die Debatte ist aber sehr interessant. Psychotherapeuten sagen heute, dass ihre Arbeit ebenso wie die genetische Prädisposition auf den Stoffwechsel des Körpers, etwa im Gehirn einwirkt. Es mischen sich in ungeahnter und kreativer Weise die genetiscehn wie die materiellen, die Umwelt- und die psychischen Einflüsse. f In Südtirol entstehen immer mehr Einrichtungen für psychisch Kranke. Haben die Menschen zunehmend Probleme mit der Psyche oder hat man früher nur nicht darüber gesprochen? Stermann: Es wird wohl an beidem etwas dran sein. Tatsächlich sind die Zahlen, die Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen betreffen, nicht nur in Südtirol, sondern europaweit im Steigen begriffen, ohne dass eine Trendwende in Sicht ist, Es ist aber auch wahr, dass Phänomene, die man anfängt besser zu verstehen, dann leichter und häufiger wahrgenommen werden. Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der zuständigen Institutionen trägt insofern Früchte. Ein Beispiel dafür ist etwa das Thema ADFS: Da sind es nun die Schulen, die den psychologischen und psychiatrischen Diensten sagen, dass es immer mehr Kinder gibt, die sich im Klassenverband nicht mehr zurechtfinden oder ausscheiden. Die soziale Kompetenz sei bei immer mehr Kindern nicht mehr gegeben. Diesbezügliche Meldungen hören wir auch von Jugendgerichten und Staatsanwaltschaften. Psychologische und psychiatrische Dienste werden zunehmend zu gescuhten und gefragten Partnern im sozialen netz. Das war nicht immer so. f Wer trägt die Verantwortung für die zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten im sozialen Feld? Stermann: Diese Frage geht man am besten in einer großen Diskussionsrunde an. Ich denke, wir sind in Mittel-europa auf dem Hintergrund der Erfahrungen mit Faschismus und Nationalsozialismus nach dem Krieg auf-gebrochen mit der Vorstellung einer demokratischen Gesellschaft, in der man maximale individuelle Freiheit verwirklichen kann. Das ist zwar richtig, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Wir machen oft die Erfah-rung, dass sich Menschen in ihrer individuellen Freiheit verlieren. Das Gemeinwesen, der soziale Schulter-schluss bleibt gleichzeitig immer mehr aus. Früher war es etwa selbstverständlich, dass Schule und Eltern-haus an einem Strang ziehen, heute erleben wir oft ein Gegeneinander. Man schiebt sich wechselseitig Schuld und Verantwortlichkeiten zu. f 2007 wurde zusammen mit Landesrat Theiner der Aufbau eines engmaschigen Netzwerkes für Kinder- und Jugendpsychiatrie angekündigt. Im Moment erscheint das Netz aber noch recht löchrig. Stermann: Zunächst muss man festhalten, dass es schon vorher ein Netzwerk gegeben hat. Die Sozialdienste haben seit langer Zeit verhaltensauffällige Jugendliche alleinverantwortlich betreut. Die sozialpädagogischen Einrichtungen, also großenteils private Träger, haben sich darum gekümmert und waren mit den Sozialdien-sten konventioniert. Was jetzt angestrebt wird, ist ein flächendeckendes sozio-sanitäres Netzwerk unter Mit-wirkung des Gesundheitswesens. Dabei sollen Sozial- und Sanitätswesen nicht einfach parallel, sondern ganz eng verknüpft kooperieren. Das ist aber nicht selbstverständlich und auch gar nicht so leicht! Wenn Sie sagen, das Netzwerk ist noch löchrig, so lässt sich das auch darauf zurückführen, dass bis vor kurzer Zeit vier Sani-tätsbetriebe unabhängig voneinander gearbeitet haben. Das Projekt zum Auf- und Ausbau der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf Landesebene ist eines der ersten und gleichzeitig schwierigsten Projekte, die alle vier Bezirke in gleicher Weise betreffen und vom landesweiten Gesundheitsbetrieb ausgehen. f Welche Rolle spielen die Schulen in diesem Netzwerk? Stermann: Viele Verhaltensauffälligkeiten bringen den Integrationsgedanken an seine Grenze. Es ist eine große Herausforderung, hier zusammenzuarbeiten und etwa alternative Beschulungsmöglichkeiten zu schaffen. Beispielsweise erscheint es manchmal als sinnvoll, ja als einzige Möglichkeit, sozial besonders auffällige und beziehungsschwache Kinder zumindest zeitweise innerhalb der sozialpädagogischen Einrich-tungen zu beschulen. In Form kleiner Pilotprojekte ist so etwas schon realisiert worden. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir da an der Grenze des Integrationsgedankens arbeiten.
f Kann man das so verstehen, dass Jugendliche mit psychischen Störungen nicht integrationsfähig sind und man sie daher aus der Schule herausnehmen und in eine abgeschlossene Einrichtung bringen muss? Stermann: Die große Befürchtung, die manchmal als Schreckbild missbraucht wird, ist, dass einzelne Indivi-duen marginalisiert, psychiatrisiert und stigmatisiert werden. Gerade in Italien mit seiner großen Tradition der demokratischen Psychiatrie ist das weniger zu befürchten und auch rechtlich kaum möglich. Denken Sie an die Abschaffung der geschlossenen psychiatrischen Einrichtungen im Rahmen des Basaglia-Gesetzes. Unser Prob-lem ist vor allem, dass wir in Südtirol gar keine kinder- und jugendpsychiatrische Abteilung haben und - was fast noch schwerwiegender ist - auch kein Kriseninterventionszentrum. In Notfällen werden Kinder und Ju-gendliche in sozialpädagogischen Einrichtungen untergebracht, so gut es geht. Aber das zieht nicht nur akute Turbulenzen, sondern oft jahrelange Folgeproblematiken nach sich. f Solche Einrichtungen, z. B. die „Villa Winter“ in Dietenheim, sind aber de facto geschlossene Anstalten. Kommt das jetzt wieder durch die Hintertür? Stermann: Ich würde es anders sagen. Die meisten Jugendlichen wollen die Fremdunterbringung schnell hinter sich bringen. Auch schwer misshandelte Kinder wollen zu ihren Eltern zurück. Das ist für Betreuende wie für Außenstehende oft nicht leicht in seinem ganzen Umfang zu begreifen. Aber tatsächlich sind Fremdunterbrin-gungen fast immer akute Maßnahmen, die den Betroffenen nur schwer „kommunizierbar“ sind. Das führt dazu, dass sich Patientinnen und Patienten schwer in die Einrichtung integrieren, sie wollen ausbrechen. Rechtlich sind nun geschlossene Anstalten nicht vorgesehen. Man kann aber mit Eltern oder Behörden Vereinbarungen treffen, um die Kinder zu ihrem Schutz und im Einvernehmen mit den Erziehungsberechtigten im Hause zu halten. Das ist aber oft rein physisch schwierig. f Man sperre zehn Kinder und Jugendliche mit psychiatrischen Störungen für einige Monate oder Jahre in eine Wohnung und stelle sie unter Aufsicht von Erwachsenen. Kann dieses Rezept erfolgreich sein? Stermann: Sie denken in einem klassisch/medizinischen Sinne: Wo so viel geballte Krankheit zusammen-kommt, könne gar keine Heilung möglich sein. Es ist aber nicht zu unterschätzen, wie viel Feinfühligkeit und Solidarität die gemeinsame Störung oder Krankheit hervorruft. Es ist bemerkenswert, dass sich auf einem Fest mit 100 Leuten die beiden mit einer psychischen Störung garantiert finden. Diese Menschen entwickeln eine große Sensibilität füreinander. Zum anderen sind in sozialpädagogischen Einrichtungen nicht Menschen ver-sammelt, die alle dasselbe Problem haben. Die Arbeit in einer Gruppe hat also auch „salutogenetische“ Aspek-te. Die Ressourcen der Gruppe können genutzt werden. Außerdem wird dort multiprofessionell gearbeitet: Ergotherapeuten, Musik-, Kunst-, Tiertherapeuten, Psychologen, Ärzte und professionelle Erzieher wirken zusammen. Auch wird der Kontakt zur Umwelt erhalten. Das Ziel ist immer die Rückkehr in den heimischen Kontext. Die Eltern werden in diese Arbeit immer mit eingebunden, ob die Familie nun noch existiert oder nicht. Schlussendlich möchte ich betonen, dass „geschlossen“ nicht nur „eingesperrt“ bedeutet. Oft überwiegt die gegenteilige Perspektive: die Kinder vor sich selbst zu schützen und vor einer Welt, in der sie sich verlieren oder in der sie verführt werden. f Für Kinder und Jugendliche sind in den Krankenhäusern von Meran, Bruneck und Brixen je ein Bett, in Bozen zwei Betten für die stationäre Aufnahme vorgesehen. Das klingt nach lächerlich wenig. Stermann: Der Bedarf ist tatsächlich ein anderer. Er hängt im Übrigen davon ab, wie gut die ambulante Ver-sorgung ist. Die Maschen des Netzes müssen dichter geknüpft werden. In jeder Stadt sollte es eine solche Fürsorge geben. Wenn es das schon gäbe, könnte man im Vorfeld viel machen. Das Problem liegt auch beim Personal: europaweit gibt es einen eklatanten Mangel an Kinder- und Jugendpsychiatern! In Notfällen müssen Kinder in die Erwachsenenpsychiatrie. Das dürfte es laut WHO gar nicht geben. f Sind die Betten von Erwachsenen abgetrennt? Stermann: Dafür sind die Abteilungen zu klein. Auch architektonisch und personell ist das nicht machbar. In Brixen haben wir Doppelzimmer. Wenn wir nicht ausgelastet sind, geben wir jugendlichen Patientinnen und Patienten natürlich ein eigenes Zimmer – allerdings sind wir fast immer zu 100% ausgelastet! Die Fragen stellte Chefredakteur Johannes Kofler. |
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