Kampf dem AusbrennenDie Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer haben in den letzten Jahren stetig zugenommen. Das Pensionsalter wurde angehoben. Verhaltens- und Disziplinprobleme stehen an der Tagesordnung. So die Klagen vieler, die sich wiederholen. Doch lassen wir uns von diesen Lamentos nicht beirren, gehen wir doch optimistisch an die Herausforderungen heran, haben doch die meisten von uns diesen Beruf aus Berufung gewählt. von Johanna Mitterhofer Betrachten wir das Ganze doch einmal von einer anderen Seite: Wir haben heute eine höhere Lebenserwartung und sind länger leistungsfähig als die Menschen früher. Mit einigen kleinen, leicht umsetzbaren Maßnahmen und Veränderungen im Berufsalltag kann es uns gelingen, unsere Gesundheit zu erhalten. Und wenn uns im Lehrberuf auch oft zu wenig Wertschätzung entgegengebracht wird, so wissen wir doch, dass regelmäßige Erfolge im Schulalltag nur durch jahrelange Anstrengung und Einsatz erreichbar sind. Alle Ferien, die wir, Sie und ich, genießen und jeder Euro unseres Gehaltes sind wohlverdient. KURZE UMWEGE WÄHLEN Ein besonderes zeit- und arbeitsaufwändiges Projekt kann für Lehrpersonen bereichernd sein, wird uns doch dafür von Eltern und zum Teil auch von Medien Wertschätzung oder sogar Bewunderung entgegengebracht. Wenn es Ihnen gelingt, aus dieser Anstrengung gestärkt hervorzugehen, so hat sich das Ganze gelohnt. Haben Sie sich durch den Zeitaufwand und die persönlichen Opfer jedoch zu sehr verausgabt, so ist Vorsicht geboten. Oft ist es hilfreich, kurze Umwege zu gehen, die kleine bestätigende Erfolgserlebnisse vermitteln. KLEINE SCHRITTE MACHEN Teilen Sie größere Arbeiten und Belastungen in kleine, überschaubare Abschnitte ein. Oftmals scheint uns die Arbeit oder eine berufliche Anforderung zu erdrücken, wenn man den gesamten Aufwand an Mühe und Zeit betrachtet, der zu bewältigen ist. Teilen Sie doch alles so ein, dass Sie Teilbereiche abhaken und kleine Erfolge verbuchen können. Das reduziert zum einen Schritt für Schritt das Pensum und motiviert zum anderen durch positive Zwischenergebnisse. AUF BEWÄHRTEM AUFBAUEN Didaktiker lehnen Unterrichtsrezepte meist offen ab, aber wenn man eine neue Methode ausprobieren will, ist es in der Tat oft viel geschickter und einfacher, am Anfang Unterrichtsstunden nach Rezept ablaufen zu lassen. Kindern und Jugendlichen geben Sie damit vielleicht auch die Möglichkeit, sich schrittweise darauf einzustellen. Und manchmal müssen dann nur kleine Änderungen vorgenommen werden, um zum eigenen Stil zu finden. Einzelne Teile können Sie in der Folge mit Sicherheit in Ihr Repertoire aufnehmen und bereichern damit Ihren Unterrichtsablauf. ZEIT FÜRS INDIVIDUUM Jede Klasse ist im besten Fall eine Gemeinschaft, die zusammenhält und füreinander einsteht. Trotzdem möchte jeder Schüler, jede Schülerin als Individuum gesehen werden. Nehmen Sie sich Zeit für jede/n Einzelne/n, suchen Sie das ungezwungene Zwiegespräch, beispielsweise während die Klasse mit einem Arbeitsauftrag beschäftigt ist, und entscheiden Sie sich auch rechtzeitig für ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen, bevor ein Problem zu sehr anwächst. Damit bauen Sie eine persönliche Bindung zu Ihren Schützlingen auf und diese entwickeln Vertrauen zu Ihnen. Zudem signalisieren Sie der Klasse, dass jede/r Einzelne zählt und ernst genommen wird. EIGENSTÄNDIGES LERNEN EINFORDERN Vielfach haben die Kinder und Jugendlichen auch in der Schule die Rolle der Konsumenten angenommen: Sie lassen sich von den Inhalten berieseln und erwarten Hilfestellungen, wenn sie sich dadurch Anstrengung ersparen können, am liebsten würden sie den Lernprozess an die Lehrperson abgeben. Um dem Schüler, der Schülerin Lernen zu ermöglichen, muss er/sie es jedoch selber tun. Darum müssen Sie konsequent und geduldig diese Arbeit einfordern. Sie können zwar Denkanstöße liefern, seien Sie damit aber zurückhaltend. Bieten Sie keine Antworten an, warten Sie geduldig, bis die Schüler/innen anfangen, über den Stoff zu sprechen. Wenn Sie die Stille im Anschluss an Ihre Frage aushalten können, werden die Schüler/innen beginnen, die Frage wirklich zu durchdenken, zu bearbeiten und dabei zu lernen. GRENZEN UND AUTORITÄT Grenzen sollten klar definiert und mit den Schülerinnen und Schülern vereinbart sein. Erstklässler akzeptieren die Lehrperson meist fraglos als Autorität, während Zehnjährige schon sachliche Belohnungs- und Bestrafungssysteme einfordern. Sie beginnen die Regeln und deren Sinnhaftigkeit zu hinterfragen und wünschen sich Lehrer/innen, „die mit sich reden lassen“. Teilen Sie den Schülerinnen und Schülern mit, welche Verhaltensweisen Sie wünschen und versuchen Sie dann den Entscheidungs-spielraum Schritt für Schritt zu vergrößern. Die Schüler/innen wachsen mit den Herausforderungen, bieten Sie sie ihnen. Gehen Sie sparsam mit Ihren Kräften um, bringen Sie Ihre Führungsrolle nur klar zum Ausdruck, wenn es sein muss. BEGRENZTER EINFLUSS Die Schule hat nicht für alle Schüler/innen ideale Lernbedingungen und nicht alle Schüler/innen werden mit den Rahmen-bedingungen in unserem Schulsystem zurechtkommen. Als professionelle Lehrkraft übernehmen Sie die Verantwortung für die Unterrichtsgestaltung, die zu den Schülern und zum Thema passt und in unserem Schulsystem realisierbar ist. Uns sei bewusst, dass wir auf den Lernerfolg begrenzten Einfluss haben.
GUTER UNTERRICHT Eine zentrale Frage, die sich wohl jeder Lehrer, jede Lehrerin stellt, ist: Wie muss guter Unterricht gestaltet sein? Dafür müssen mehrere Elemente berücksichtigt werden: Er muss klar strukturiert sein, die echte Lernzeit darf nicht zu kurz kommen, das Arbeitsklima muss angenehm sein, die inhaltliche Klarheit und eine methodische Vielfalt müssen gegeben sein, Zeit, Geduld und Freiräume müssen die Grundlage einer individuellen Förderung sein. So hängt es von Inhalt und Methode ab, welche Kriterien dabei stark, welche weniger betont werden. Da der Lernerfolg der Schüler/innen aber nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nur zu 20 – 40% von der Qualität des Unterrichts abhängt, ist er kein Gradmesser für guten Unterricht. KOMPETENZEN ERWEITERN Lehrer/innen müssen kein unbegrenztes Wissen besitzen; sie können ihr „Nichtwissen“ vor den Schülerinnen und Schülern auch einmal eingestehen, das macht sie menschlicher. Eine umfangreiche Fachkompetenz ist aber eine wichtige Grundlage für ein sicheres Auftreten im Unterricht. Investieren Sie in sich, besuchen Sie interessante Seminare und lesen Sie Bücher. Wählen Sie jedes Jahr gezielt einen Fachbereich aus, in dem Sie sich fortbilden möchten. Bereiten Sie sich schon einige Monate vor Schuljahresbeginn auf die Inhalte Ihrer Fächer vor und beschaffen Sie sich das nötige Wissen in aller Ruhe; das wird Sie zu Beginn des Schuljahres deutlich entlasten. STÄRKEN UND SCHWÄCHEN Nicht jeder Lehrer, jede Lehrerin muss alles können. Es gibt Unterrichtsmethoden und Situationen, die Ihnen gelingen und andere, in denen Sie schlechter abschneiden. Probieren Sie bewusst verschiedene Methoden aus, analysieren Sie sie und vermeiden Sie in Zukunft Situationen, die für Sie einen negativen Nachgeschmack haben. Wer nicht fesselnd vortragen kann, sollte auf mündliche Stoffvermittlung verzichten; wenn die Gruppenarbeit immer wieder im Chaos endet, sollten Sie es bei Partnerarbeit belassen. Setzen Sie umso öfter Ihre Stärken ein, suchen Sie Inhalte und Methoden, die Ihnen liegen, das wird Ihre Zufriedenheit verbessern. Seien Sie aber trotzdem immer wieder offen für Neues und neue Erfahrungen. KOLLEGIALER GEDANKENAUSTAUSCH Unser Beruf soll nicht nur aus dem Dialog zwischen Lehrkraft und Schülern bestehen; es sollen auch Gespräche zwischen den Lehrpersonen stattfinden, gute Gespräche über unsere Arbeit, Austausch von neuen Ideen oder Unterstützung in belastenden Situationen. Besserwisserische Ratschläge und herablassende Bemerkungen von Seiten einiger Kollegen sind Hemmschwellen, sich zu öffnen. Versuchen Sie darum einen Kollegen, eine Kollegin zu finden, der/die mit Respekt zuhört und mit Ihnen über erfolgreiche Unterrichtsgestaltung und -methoden diskutiert. Dabei sollte die Zeit nicht zu knapp bemessen sein. ARBEITSBÜNDNIS Versucht eine Klasse, den Unterricht zu boykottieren und jedes produktive Arbeiten zu untergraben, ist es Zeit, die Stoffvermitt-lung abzubrechen und mit den Schülern und Schülerinnen ein Arbeitsbündnis auszuarbeiten. Die Schüler/innen sollen ihre Wünsche und Bedürfnisse klar formulieren. Ebenso klar legen Sie Ihre Erwartungen an die Klasse dar. Im Arbeitsbündnis werden die Lernziele, Ihre Rolle als Lehrperson, bevorzugte Unterrichtsmethoden und einige Verhaltensregeln klar definiert. Die erarbeiteten Kompromisse werden das Lernklima bedeutend verbessern und die „verlorene Zeit“ für die Vermittlung von Inhalten wird rasch aufgeholt und wettgemacht sein. UMGANG MIT SCHWIERIGEN SCHÜLERN Immer wieder wird behauptet, dass sich die Zahl der schwierigen Schüler/innen in den letzten Jahren enorm erhöht hat. Nicht selten werden Sie in Ihren Klassen auf Störenfriede stoßen. Jede/r dieser Schüler/innen stört den Unterricht auf die Art, die er/sie für die beste Strategie hält, seine /ihre Position zu verbessern. Die Beweggründe können Verlangen nach Aufmerksam-keit, Machtkampf, Rache oder Selbstisolierung sein. Sprechen Sie mit dem Kind oder dem jugendlichen Störenfried, stellen Sie unverfängliche Fragen, ohne jeden Vorwurf: „Kann es sein, dass du …“ Versuchen Sie dann geeignete Maßnahmen einzusetzen. – Seien Sie aber nicht zu streng mit sich selbst, denn Sie werden beim Einschätzen Fehler machen und Täuschungsmanövern zum Opfer fallen. – Finden Sie eine Aufgabe, die zu den Stärken des betreffenden Kindes oder Jugendlichen passt; loben Sie das Erreichte, halten Sie den Störenfried aber mit Schlagfertigkeit auf Distanz. NICHT ALLE ELTERN SIND KOOPERATIV Wer kennt das nicht? Erfolglose Bitte um Unterstützung an die Eltern? Einige Schüler/innen haben es zu Hause sehr schwer; die Eltern wirken weder unterstützend noch als Vorbilder, sind möglicherweise auch desinteressiert. Im schlimmsten Fall machen sie ihren Sprösslingen das Leben zur Hölle. Finden wir uns in diesen Fällen damit ab, dass keine Bereitschaft zur Zusammen-arbeit vorhanden und eine Veränderung nicht möglich ist. Gehen wir auf Abstand und ersparen uns Ärger. Aber schauen Sie zweimal hin: In einigen Fällen lohnt es sich, in einen direkten und guten Draht zum betreffenden Kind oder Jugendlichen zu investieren; gar manche sind in vielerlei Hinsicht auf sich selbst angewiesen. Andererseits gibt es auch Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder sehr am Herzen liegt, die sich mit deren Schwächen identifizie-ren und mit Vorurteilen den Unterricht und das System Schule negativ bewerten. Versuchen Sie mit einem Lob des Schüler, der Schülerin das Gespräch zu beginnen, fragen Sie die Eltern nach Stärken und Erfolgen ihres Kindes und verleiten Sie sie zu einem Perspektivenwechsel. Teilen Sie erst dann die Leistungen des Schülers, der Schülerin mit. Gehen die Eltern nicht auf das Gespräch ein, beenden Sie die Unterhaltung. Das ist bedauerlich, doch auf diese Weise vermeiden Sie sinnlose und ärgerliche Auseinandersetzungen.
Viele Anregungen zu diesem Beitrag wurden dem Buch „99 Tipps – Lehrergesundheit erhalten“ von Nikolaus Kirstein entnommen, das in „forum schule heute“ H. 5/2012 vorgestellt wurde. |
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