Wer gut lesen kann, ist besser dran

Lesen ist eine Kulturtechnik, die Tür und Tor öffnet. Heute gilt das mehr denn je, weil die Arbeitsplätze für junge Menschen weniger werden und ihre Qualifikationen umso mehr zum Tragen kommen. Lesen ist nicht nur eine genüssliche Freizeitbeschäftigung, was es natürlich auch sein kann. Lesen können ist eine unabdingbare Notwendigkeit; es spielt auch in der digitalen Welt eine tragende Rolle.

von Helga Hofmann

Der Spruch „Wer gut lesen kann, ist besser dran!“ hat durchaus seine Gültigkeit. Das beweist sich schon dadurch, dass Kinder und Jugendliche, die fließend lesen können und Texte schnell entziffern, sowohl in der Freizeit wie auch in ihrem Schulalltag viel mehr Spaß am Lesen haben. Nicht nur in den unmittelbaren „Lesefächern“ können sie damit gute Ergebnisse erzielen. Sie können auch in anderen Fächern – beispielsweise Mathematik, Naturwissenschaften oder Technik – Aufgabenstellungen leichter bewältigen, in allen Fremdsprachen verstehen sie Texte schneller und stolpern nicht schon beim Lesen, was immer wieder zu Misserfolgen führt.

 

ZUWENDUNG DURCH FRÜHES LESEN

Lesen lernen spielt sich vorwiegend im Klassenzimmer ab, aber nicht nur. Lesefreude und die Lust am Lesen wird vielfach auch außerhalb der Schule gehegt und gepflegt und beginnt schon mit der frühkindlichen Sprachförderung. Der früheren Grundschullehrerin und jetzigen Kinderbuchautorin Wendy Cooling war bei einer Veranstaltung mit Schulanfängern in Großbritannien aufgefallen, dass zahlreiche Kinder vor Schulbeginn noch nie ein Buch in der Hand gehabt hatten. Diese Feststellung bewirkte, dass sie mit Unterstützung des britischen Booktrust vor  20 Jahren das Projekt „Bookstart“ ins Leben rief.

Auch in Südtirol gibt es seit fünf Jahren ein Bookstart-Projekt: die Eltern von Kleinkindern melden sich zu diesem Projekt an und erhalten insgesamt zwei Buchpakete. Mit Hilfe dieser Buchpakete können sie dann schon frühzeitig mit ihrem Kind Sprache pflegen und den Umgang mit Büchern üben. Das erste Buchpaket, das für 6 Monate alte Kleinkinder gedacht ist, enthält zwei kleine Pappbilderbücher, einen Leitfaden für die Eltern in Comicform und eine Broschüre mit empfehlenswerten Bilderbüchern für Kleinkinder. Im Leitfaden wird den Eltern nahegelegt, dass Bilderbücher anschauen nicht nur Lesen heißt, sondern dass es für das Kleinkind vor allem auch  Zuwendung, Nähe und Geborgenheit bedeutet und ganz nebenbei die Sprachentwicklung fördert. Das zweite Buchpaket kann von den Eltern in einer Bibliothek in ihrer Nähe abgeholt werden, sobald das Kind 18 Monate alt ist. Dieses Paket enthält neben zwei weiteren altersgemäßen Pappbilderbüchern eine Leselatte. Darauf findet man die Beschreibung der Fortschritte, die ein Kind beim Lesen und Sprechen vom ersten bis zum siebten Lebensjahr macht. Der Elternleitfaden „Zuhören, erzählen und gemeinsam lesen …“ enthält viele Tipps zum Lesen mit Kleinkindern. Eine Broschüre mit Leseempfehlungen für die kleinen Leserinnen und Leser bis zum fünften Lebensjahr sowie lesenswerte Sachbücher für interessierte Eltern sind eine wertvolle Orientierungshilfe und zugleich Unterstützung in den erforderlichen Bemühungen. Schon in frühester Kindheit können die Eltern somit den Grundstein für die Lesebiografie ihrer Kinder legen.

 

BEGEGNUNGEN WECKEN INTERESSE

Für Kinder im Vorschulalter, sowie in der Grund-, Mittel- und Oberschule sind Autorenbegegnungen inspirierende Momente, an die sie sich auch später oft und gerne erinnern werden. Jährlich kommen ca. 5.800 Kinder und Jugendliche im Rahmen des Programms „Autorenbegegnungen – Lesewoche für Kinder & Jugendliche“ in den Genuss einer Lesung.

Eine solche Begegnung bietet die Möglichkeit, eine Autorin/einen Autor oder eine Illustratorin/einen Illustrator persönlich kennen zu lernen und mit ihr/ihm ins Gespräch zu kommen. Die Kinder warten meistens schon sehr gespannt auf diesen Moment und haben sich meist bereits vorher Gedanken gemacht, was man den Autor/die Autorin fragen könnte. Bei der Autorenbegegnung mit der österreichischen Kinderbuchautorin und Illustratorin Helga Bansch in der Bibliothek von St. Georgen bei Bruneck im April 2012 wollten die 9- bis 10-jährigen alles Mögliche wissen:

  • „Hast du immer schon gerne gelesen?“
  • „Woher kommen die Ideen für deine Bücher?“
  • „Welche Motive malen Sie am liebsten?“
  • „Arbeiten Sie schon wieder an einem neuen Buch?“
  • „Wovon wird es wohl handeln, das neue Buch?“
  • „Wie ist der Alltag einer Autorin?“
  • „Wie viel verdienst du?“

Dank der guten Vorbereitung mit den Lehrpersonen ist diese Lesung mit Helga Bansch für die Kinder ein besonders einpräg-sames Erlebnis geworden und in und außerhalb der Schule werden Bücher dieser Autorin immer etwas ganz Besonderes sein.

Ein ganz außergewöhnliches, unterhaltsames und kurzweiliges Erlebnis – vor allem für die Buben – waren in diesem Frühjahr die Begegnungen mit Christoph Mauz, einem Autor, der nicht nur mit seinen lustigen Büchern zu überzeugen vermag, sondern seine Lesung durch schauspielerische und kabarettistische Einlagen zu einem unvergesslichen Moment macht.

Begegnungen mit Autorinnen und Autoren geben Büchern ein Gesicht und können ein guter Motor für die Leselust und das außerschulische Lesen sein. Eine andere Möglichkeit, junge Leute für das Lesen zu motivieren sind Lesewettbewerbe wie z. B. der Jugendlesewettbewerb Read & Win, der im Sommer 2010 und 2011 ausgetragen wurde. Jugendliche ab 14 Jahren konnten sich auf der Homepage des Wettbewerbs einloggen, Kommentare zu einem oder mehreren der zehn Bücher der Shortlist abgeben und interessante Preise wie iPods oder Mediengutscheine gewinnen. Für den Kreativpreis – die Gestaltung eines alternativen Buchumschlags zu einem der 10 Bücher – gab es sogar ein iPad zu gewinnen. Das Interesse von Seiten der Jugendlichen war groß: über 300 junge Leserinnen und Leser haben sowohl 2010 wie auch 2011 teilgenommen. Im Sommer 2013 wird es wieder ein solches Angebot für junge Leserinnen und Leser geben. Mit einer regen Beteiligung darf natürlich auch da wieder gerechnet werden.

 

 

Wer zu lesen versteht,

besitzt den Schlüssel zu großen Taten,

zu unerträumten Möglichkeiten,

zu einem berauschend schönen,

sinnerfüllten und glücklichen Leben.“

Aldous Huxley, britischer Schriftsteller (1894 – 1963)
 

Helga Hofmann arbeitet im Amt für Bibliotheken und Lesen und ist für die Leseförderung für Kinder und Jugendliche zuständig.

 

PRAXIS