Lesespaß ganz individuellSeit Jahren wächst der Prozentsatz an Kindern, welche zum Zeitpunkt des Schuleintritts bereits des Lesens und Schreibens mächtig sind. Ein von der Lehrperson gesteuertes gleichschrittiges Absolvieren des Lese- und Schreiblernprozesses macht deshalb weniger Sinn denn je, machte dies nach reformpädagogischen Ansichten eigentlich nie. von Irmtraud Kuntner Die Fibellehrgangsmethode ist überholt, weil sie stark zum Gleichschritt verleitet; sie geht davon aus, dass alle Kinder einer Klasse im selben Lerntempo lesen und schreiben lernen. Es geht auch anders – spannender und auf die Leseentwicklung des einzelnen Kindes und die jeweils individuellen Bedürfnisse abgestimmt. Dieser folgende Bericht zeigt mögliche Wege auf, wie Lehrerinnen und Lehrer angesichts der oben genannten Bedingungen, d. h. unter Berücksichtigung der Heterogenität ihrer Klasse, jedem einzelnen Kind gerecht werden. DAS MATERIAL Meist schon am ersten oder zweiten Schultag erhalten die Kinder aus unseren Gruppen eine Anlauttabelle, welche ganz nach individuellem Vorwissen und Sprachansatz geändert werden kann. Dies ist vor allem für jene Kinder wichtig, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Auch stellen wir den jungen Leserinnen und Lesern von Beginn an Leitfäden zur Verfügung, welche auf kindgerechte Art und Weise aufzeigen, wie die Lese- und Schreibfertigkeit individuell weiterentwickelt und ausgebaut werden kann. Anlauttabelle und Leitfaden geben den Kindern Überblick über das, was sie schon kennen, und machen neugierig auf Neues. Zudem lernt das Kind, sich selbst und seine Fähigkeiten einzuordnen und einzuschätzen. Auch mit dem „Lesefutter“ halten wir nicht zurück; es ist wesentlicher Bestandteil der vorbereiteten Lernlandschaft. Verschiedene Bilderlesebücher, Regenbogenlesekisten, einzelne Exemplare von klassischen „Schullesebüchern“ sowie selbst geschriebene Geschichten der älteren Partnerkinder (wir lernen und arbeiten in altersgemischten Gruppen) stehen zur Verfügung. Sämtliche Materialien sind farblich strukturiert, von rot – dem leichtesten Level – über gelb, grün, blau bis hin zu violett – dem höchsten Niveau. Dadurch orientiert sich das Kind leichter bei der gezielten Auswahl des Lesematerials, und die Lernarbeit kann unabhängiger und dennoch zum Ziel führend gestaltet werden.
DIE GRUPPE Ganz von selbst ergeben sich während der bei uns zum überwiegenden Teil freien Lernarbeitszeit Austauschgespräche unter Kindern zu Erfahrungen mit dem Lesen und Schreiben. Diese natürliche Neugier und Mitteilungsfreude schätzen wir sehr, Raum und Zeit hierfür sind stets gewährleistet. So finden sich Lesepartnerkinder (meist zwei bis vier) zusammen, welche gemeinsam lesen. Verbindendes Glied ist zumeist das ähnliche Lesetempo und ein gemeinsames Interesse an Themen und Geschichten. Zusehends werden diese spontanen Treffen fester Bestandteil der freien Lesetätigkeit der Kinder. In einem der Lernräume sind die Mitglieder der Lesegruppen aufgelistet und für alle ersichtlich. Auch hier kommen die Farben von rot bis violett vor; sie ordnen die Gruppen fünf Leseniveaus zu, welche sich vor allem am Lesetempo orientieren. Jeder Lesetext steht nur einmal zur Verfügung, dies fördert die Zusammenschau und ist in derartigen Kleingruppen kein Hindernis. Während des gemeinsamen Lesens wird genau hingehört, das Lesetempo der anderen beobachtet und die Aus-sprache mitverfolgt. Wichtig dabei ist, dass kein Kind beim Lesen unterbrochen werden darf. Rückmeldungen und Tipps erfolgen am Ende, etwa: „Lorenz, du musst die Buchstaben/Laute zuerst denken, dann erst sagen.“ Oder: „Sami, ich finde, du liest schneller als wir, du solltest Gruppe wechseln.“ Die Lesegruppen werden flexibel gehandhabt, nach jedem Treffen können Gruppenwechsel stattfinden, und jeden Tag trifft sich bei uns die Fachlehrerin mit einer anderen Lesegruppe. Gemeinsam wird ein Text ausgesucht, gelesen, diskutiert. Häufig entscheidet sich die Gruppe auch ganz spontan und freiwillig einen Text zu Hause zu üben, zu „trainieren“, wie die Kinder sagen, damit „das Tempo wie bei den Sportlern schneller wird.“
DIE ROLLE DER LEHRPERSON Die Begleitung und Beobachtung derartig vielfältiger Lesetätigkeit stellt für die Lehrkraft eine besondere Herausforderung dar. Vorbei sind die Zeiten, in denen alle gleichzeitig den gleichen Text lasen oder sich derselben Leistungserhebung stellten. Gezielte Begleitung ist beim individualisierten Lesenlernen unumgänglich und stützt sich auf genaue Planung und Register-führung. Dies wussten bereits Maria Montessori mit ihrem Pensen-Buch, Celesten Freinet mit seiner Fieberkurve oder Helen Parkhurst mit ihrem Graphen-System. Die Größe der Gruppe (maximal sechs Kinder) ermöglicht einen sehr differenzierten Einblick in die Leseentwicklung eines jeden einzelnen Kindes. Die Aufzeichnung von Lernfortschritten und Tipps (nach dem Motto „Schatzsuche statt Fehlerjagd“) erfolgt transparent mit den Kindern im Anschluss an die Lesetätigkeit. Die Notizen sind dann auch Gesprächsthema bei den individuellen Lernberatungsgesprächen. Häufig kommen die Kinder dabei auch selbst darauf zurück, sprechen über ihre Überlegungen, Vorsätze, Erfahrungen. Eine wesentliche Rolle spielt bei uns das Vorlesen von Kinderliteratur. Regelmäßig gibt es im Lernangebot Geschichten. Den Kindern steht es frei, sich dem zuhörenden Publikum anzuschließen. Es kommt jedoch kaum vor, dass sich jemand diese Gelegenheiten entgehen lässt. Vorrangig ist hierbei das Vermitteln von Lust auf Lesen, das Kennenlernen von Büchern, Geschichten, Märchen, Autorinnen und Autoren aller Art. Oft entstehen während des Vorlesens oder im Anschluss daran inter-essante Gespräche, in denen sich die Kinder mit den Informationen und Geschehnissen aus den Texten auseinandersetzen. Interessant ist dabei auch der Austausch von Ansichten und in der Folge das Übernehmen von Ideen und Erzählmustern für das eigene Schreiben. Die Bedeutung des Lesens für lebenslanges Lernen hat Elias (6 Jahre) während eines Gesprächs über Zirkuskünstler verdeutlicht: „Ich kann nicht jonglieren und auf dem Seil tanzen auch nicht. Aber ich kann lesen, und das ist auch ein Kunststück!“
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PRAXIS
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