Bildungsgrundlage Lesen

 

Jahrhundertelang war "in-die-Schule-gehen“ identisch mit dem Lesen- und Schreibenlernen. Für viele war dies schon ein Privileg und nur wenige Menschen kamen darüber hinaus und durften auch Rechnen und, als Sprache der Gebildeten, Latein lernen. Noch heute steht das Lesen im Zentrum des Unterrichts zu Beginn der Grundschule.

von Rudolf Meraner

Für die gesamte schulische Bildung ist keine Fähigkeit so wichtig wie das Lesen. In sehr vielen Fächern eignet man sich das Grundwissen an, indem man Texte liest, versteht und bearbeitet. Nehmen wir als Beispiel die Geschichte. Das Grundwissen ist in schriftlich dargelegten Gesamt- oder Detaildarstellungen niedergelegt, die es zu erfassen gilt. Die Quellen bestehen zu einem großen Teil aus Urkunden, Verzeichnissen, Inschriften, Berichten, Notizen. Selbst bei mündlichen Aussagen geht es um das Textverständnis, und viele Prozesse laufen gleich ab wie beim Erfassen von schriftlichen Texten.

Nicht zu vergessen ist, dass ein Großteil der Aufträge oder Handlungsanweisungen, welche in der Schule gegeben werden, in schriftlicher oder mündlicher Form an die Schülerinnen und Schüler herangetragen werden und es zunächst darum geht, diese Texte zu erfassen und zu verstehen. Doch längst ist das Lesen nicht auf geschriebene Texte, welche aus Sätzen und Absätzen bestehen, beschränkt. Das Lesen von Diagrammen, von Tabellen, von Übersichten aller Art, von Piktogrammen, von Karten und anderen schematischen Darstellungen spielt eine immer größere Rolle.

Selbst wenn wir das Feld der Schule verlassen und den Alltag bemühen, stellen wir schnell die Bedeutung des Lesens für viele Bereiche fest. Einige Stichworte genügen: Gebrauchsanweisungen, Sicherheitshinweise, SMS und E-Mails, Facebook-Einträge. Auch wenn immer öfter Handlungsanweisungen oder Erklärungen nicht mehr in Textform, sondern als Video-Botschaften verfasst werden, nimmt die Bedeutung des Lesens nicht ab. Kurzum: Die Bedeutung des Lesens in der Schule und im Alltags-leben ist unbestritten und wird durch die Neuen Medien nicht geringer, sondern noch ansteigen, aber etwas verändert.

LESEKOMPETENZ UND PISA

Mit der Bedeutung des Lesens hängt auch zusammen, dass bei der größten Schulleistungsstudie der Welt, nämlich PISA, als erste Untersuchungsdomäne das Lesen bestimmt wurde. Dabei haben im Vorfeld die bedeutendsten Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern zusammengearbeitet und zusammengetragen, was unter Lesen oder, genauer gesagt, unter Text-verstehen oder Lesekompetenz (im Englischen wird der Begriff „reading literacy“ verwendet, für den es keine überzeugende Übersetzung ins Deutsche gibt) zu verstehen ist. Diese Kompetenz wurde in Teilkompetenzen gegliedert und in Niveau-Stufen unterteilt. Für die PISA-Studie 2009 wurde diese Aufstellung aufgrund der inzwischen gewonnen Erkenntnisse überarbeitet und dabei präzisiert und weiter verfeinert.

Für PISA 2009 wurde die Lesekompetenz als die Fähigkeit definiert, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen, über diese zu reflektieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um die eigenen Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“ (OECD 2009, S. 23). Die Definition macht deutlich, dass es um viel mehr als um das Dekodifizieren von Texten geht; das Anwenden anderer Fähigkeiten („Texte nutzen“, „eigene Ziele erreichen“) und die intensive Aneignung („reflektieren“, „auseinandersetzen“) sind genauso wichtig. (Eine ausführliche Erläuterung der Definition findet sich in Siniscalco 2011.) Die Definition wurde auf drei Merkmale hin genauer aufgeschlüsselt: Text, Aspekt; Situation.

 

TEXT

Welche Art von Text müssen die Schüler lesen?

Medium:

In welcher Form erscheint der Text?

Auf Papier

In digitaler Form

Umfeld:

Kann der Leser digitale Texte ändern?

Autorenbestimmt (der Leser ist nur Empfän­ger)

Austauschbasiert (der Leser kann Änderun­gen vornehmen)

Textformat:

Wie ist der Text dargestellt?

Kontinuierlicher Text (Sätze)

Nichtkontinuierlicher Text (Liste)

Gemischter Text (Kombination kontinuier­licher und nichtkontinuierlicher Elemente)

Textkomplex (Texte aus mehreren Quellen)

Texttyp

Welcher rhetorischen Struktur entspricht der Text?

Beschreibung (antwortet auf “Was”-Fragen)

Narration („Wann“-Fragen)

Darlegung (“Was”-Fragen)

Argumentation (“Warum”-Fragen)

Instruktion

Transaktion (Informationsaustausch)

ASPEKT

Welchen Zweck verfolgt der Leser und wie geht er an den Text heran?

Informationen im Text suchen und extrahieren

Das Gelesene kombinieren und interpretieren

Reflektieren und bewerten, sich vom Text lösen und ihn mit eigenen Erfahrungen in Zusammenhang bringen

SITUATION

Für welche Nutzung hat der Autor den Text bestimmt?

Persönlich: Für eigene Interessen

Öffentlich: Für die Allgemeinheit

Bildungsbezogen: Für den Unterricht

Berufsbezogen: Für die Arbeitswelt

     Abbildung 1: Merkmale des Rahmenkonzepts Lesekompetenz in PISA 2009                                                                        Quelle: OECD 2010, S. 38.

Die Breite der Definition von Text hat inzwischen Lehrpläne, Rahmenrichtlinien, Schulbücher und Unterrichtsmaterialien stark beeinflusst. Von besonderer Bedeutung ist die Gliederung der Lesekompetenz in die verschiedenen Kompetenzstufen.

Die Beschreibung der Kompetenzniveaus gibt wertvolle Hinweise für den Deutschunterricht.

WAS HAT SICH VERÄNDERT?

Die PISA-Studie hat vor allem in den deutschsprachigen Ländern, aber nicht nur dort, große Auswirkungen:

  1. Die Orientierung an Kompetenzen hat durch die PISA-Studie einen großen Schub erhalten. In der Forschung war die Kompetenzorientierung in ihrer Bedeutung zwar schon bekannt und beschrieben (Weinert 2001), aber durch PISA hat sie die Bildungspolitik, Bildungsverwaltung und die Schulen erreicht. Kompetenzorientierte Lehrpläne und Rahmenricht-linien, Bildungsstandards, Kompetenztests und Ähnliches sind eine unmittelbare Folge der Kompetenzorientierung in PISA.
  2. Die erweiterte Definition von Text war in der Deutschdidaktik zwar schon vorhanden, aber auch hierbei haben die weite Definition von Text bei PISA und die Anwenderorientierung der erweiterten Definition von Text zum Durchbruch verholfen. Dem Lesen von Sachtexten und von nicht-kontinierlichen Texten wird heute gleiche Bedeutung wie dem Lesen von narrativen Texten zugesprochen.
  3. Der Zusammenhang zwischen Lesefreude und Lesefertigkeit wird aufgrund der PISA-Ergebnisse differenzierter betrachtet. Der Glaube, dass anregende Leseumgebungen und damit Lesefreude einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Lesefertigkeit erbringen, ist zutiefst erschüttert worden. Es wurde, auch durch vertiefte Studien, erkannt, dass sich die Lesefertigkeit nicht allein durch Lesen verbessert, sondern dass dies gezielt angegangen werden muss. In der Deutschdidaktik ist deshalb das Lesetraining deutlich aufgewertet worden.

 

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Bez. der Kurzbeschreibung der sieben Kompetenzstufen im Bereich Lesekompetenz verweisen wir auf die Quelle: OECD 2010, S. 47 und Daten Italiens (ebenda, S. 194) und Südtirols (ebenda, S. 232)

 

Literatur

Kruse, Gerd (2007). Das Lesen trainieren. Zu Konzepten von Leseunterricht und Leseübung. In: Bertschi-Kaufmann, Andrea (Hrsg.): Lesekompetenz – Leseleistung – Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien. Zug: Klett & Balmer, S. 176 - 188.

OECD (2009), PISA 2009 assessment framework. Key competencies in reading, mathematics and science. Paris, OECD. (http://www.oecd.org/dataoecd/11/40/44455820.pdf)

OECD (2010): PISA 2009 Ergebnisse: Was Schülerinnen und Schüler wissen und können. Schülerleistungen in Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften. Bd. 1. Paris: OECD

Siniscalco, Maria Teresa (2011): La competenza di lettura nel framework di PISA 2009. In: PISA 2009. Risultati dell’Alto Adige. Ergebnisse Südtirols. Hrsg. Von Maria Teresa Siniscalco u. Rudolf Meraner. Bozen: Autonome Provinz Bozen 2011, S. 23 ff. (Übersetzung: http://www.schule.suedtirol.it/pi/themen/documents/BZ2009Kapitel3_Lesekompetenz_DEU_2011-09-08.pdf)

Franz E. Weinert (Hrsg.): Leistungsmessungen in Schulen, Weinheimu. Basel: Beltz 2001

Rudolf Meraner ist Leiter des Bereichs Innovation und Beratung im Bildungsressort und Inspektor für den sprachlich-expressiven Bereich

 

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