Lesekompetenzen mit Portfolios verbessern

 

Die Arbeit mit Leseportfolios lohnt sich. Sie gewährleistet, dass Kinder lieber und besser lesen und Lesefortschritte bewusster erleben. Portfolios unterstützen die Lehrperson bei der Individualisierung und Personalisierung des Leseunterrichts und die Schülerinnen und Schüler beim selbstständigen und selbstbestimmten Erwerb der in den Bildungsstandards geforderten Lesekompetenzen.

von Elfriede Schmidinger

Frau S., eine Lehrerin an einer Grundschule, besucht mit ihrer zweiten Klasse die Schulbücherei, damit die Schüler/innen diese näher kennen lernen. Die Kinder dürfen sich nach Belieben Bücher aussuchen und darin schmökern. Am Ende dieser Phase steht ein Rätselspiel: Die Kinder wählen aus kopierten Buchumschlägen, in denen Wörter fehlen, einen Umschlag aus und suchen sich danach das Buch, um die fehlenden Wörter einzusetzen.

Nun sollen die Kinder die Bücher aufgrund des Umschlagbildes und des Titels gruppieren, ohne dass sie diese gelesen haben. Sie ordnen sie als Tierbücher, Gruselgeschichten, Liebesgeschichten usw. zu und begründen in der Folge im Sitzkreis ihre Einteilung.

Am Ende des Büchereibesuches überlegen die Schüler/innen gemeinsam, welche Lesefertigkeiten ihnen geholfen haben, ihre Aufgaben zu lösen: Frau S. zeigt im Leseportfolio das entsprechende Registerblatt und kündigt an, dass die Kinder besonders gelungene Lesearbeiten, die sie noch machen werden, dort in ihr Portfolio einordnen können.In den nächsten freien Arbeitsphasen arbeitet jedes Kind mit einem Buch aus der Bücherei, das es selbst ausgewählt hat. Die folgenden Aufgaben, bei denen vielfältige Leseprodukte entstehen sollen, werden vorher gemeinsam besprochen:

  • Gestaltung einer Zeichnung zum vermuteten Buchinhalt anhand des Titels und des Umschlagbildes;
  • Kennzeichnen der Buchgruppe durch einen Aufkleber;Lesen des ausgewählten Buches;
  • Kennzeichnen der Seiten, die das Kind gerne vorlesen möchte;
  • Aufschreiben der Namen und Berufe der Personen, die im Buch vorkommen auf der  Rückseite von kleinen Pappkörperpuppen (kopierte Umrisse eines Körpers); 
  • Eintragen der unbekannten Wörter in eine Wörterliste;
  • Eintragen des Buchtitels und des Namens des Autors/der Autorin in die Leseliste im Leseportfolio;
  • Gestaltung eines eigenen Lesezeichens für die gekennzeichneten Seiten;
  • Anfertigung einer Stabpuppe: Bemalen von Kartonpuppen nach den Buchaussagen und Befestigung eines Stabes;
  • Nachbauen von Objekten mit Bastelmaterial je nach Inhalt des Buches.

Diese Arbeiten werden in einigen freien Arbeitsphasen individuell von jedem Kind erstellt und mit einer gemeinsamen Reflexionsphase abgeschlossen. Um die spätere Auswahl eines Leseproduktes für das Portfolio und dessen Einordnung „vorzuüben“, überlegen die Kinder in einem Gesprächskreis, welche Lesefertigkeiten bei all diesen Arbeiten notwendig waren und wie gut sie diese schon können. Sie besprechen auch, wie man sein Buch vorstellen könnte und was es dabei zu beachten gilt. In den folgenden Tagen stehen die Buchpräsentationen in Kleingruppen auf dem Programm, die auch als Video aufgenommen werden, wenn das Kind dies möchte.

Am Ende dieser Periode schaut sich jedes Kind seine Produkte an und wählt jene aus, die ihm am besten gefallen, um sie in sein Leseportfolio zu geben. Frau S. hilft, sie beim richtigen Registerblatt einzuordnen. Dabei fragt sie das Kind in einem kurzen Portfoliogespräch, warum es das Stück in das Leseportfolio geben möchte und regt es an, mit Hilfe der Symbole auf dem Selbstreflexionsbogen einzuschätzen, wie gut ihm seine Arbeit gelungen ist. Sie bespricht mit ihm auch ihre Einschätzung, die sie auf der Rückmeldungsseite einträgt.

 

LESEPORTFOLIO ALS DIDAKTISCHER BEGLEITER

Die österreichischen Bildungsstandards enthalten unter anderem die Lesekompetenzen, die in der Grundschule bis zur 4. Schulstufe und in der Sekundarstufe bis zur 8. Schulstufe von allen Schülerinnen und Schülern erreicht werden sollen. Zur Unterstützung des Erwerbs dieser Lesekompetenzen im Unterricht und zu Hause entwickelte die Autorin in Zusammenarbeit mit zwei Gruppen von Lehrpersonen ein Leseportfolio für die Grundschule und eines für die Hauptschule und AHS-Unterstufe, die vom Bildungsverlag Lemberger herausgegeben werden, aber auch selbst gestaltet werden können. Die beiden Leseportfolios mit genauen Anleitungen für die Portfolioarbeit und eigenen Hinweisen für Lehrpersonen und Eltern können die Kinder während der gesamten Grundschul- und Sekundarstufenzeit begleiten.

Die Leseportfolios sind Ordner mit Registerblättern und Kopiervorlagen für Selbstreflexions- und Rückmeldebögen, in welche die Schüler/innen ihre ausgewählten Arbeiten geben, mit denen sie ihre individuellen Fortschritte im Bereich des Lesens reflektieren. Die Individualität wird noch durch das von den Schülern und Schülerinnen selbst zu gestaltende Deckblatt des Leseportfolios unterstrichen. Alles, was im Zusammenhang mit dem Lesen entsteht, kann als Lesebeweis dienen. Das können Texte, Bilder usw. sein. Die von den Kindern ausgewählten Portfolioarbeiten zeigen ihr jeweiliges Kompetenzniveau.

ORDNUNG IM LESEPORTFOLIO

Die Leseergebnisse werden im Leseportfolio zu verschiedenen Registerblättern eingeordnet. Zum Registerblatt "Das bin ich"

kommen Texte oder andere kreative Formen, in denen sich das Kind jährlich als Leser vorstellt. Es beschreibt und reflektiert darin seine Lesevorhaben und anderes mehr. Zu diesem Registerblatt ordnen die Schüler/innen auch die Briefe ein, die sie z. B. am Ende des Semesters oder des Schuljahres an die Portfolioleser/innen – in der Regel an die eigene Lehrperson, die Eltern und Mitschüler/innen – mit ihren Überlegungen zum Portfolioinhalt schreiben. Dabei reflektieren sie rückblickend verschiedene Aspekte ihrer Portfolioarbeit, wie deren Zweck, ihre Zielerreichung und die eigene Arbeitsweise.

Die für das Portfolio ausgewählten Leseergebnisse ordnen die Schüler/innen zu den für die Lesebildungsstandards vorge-sehenen Registerblättern ein. Auf diesen finden sich eine schülergerechte Formulierung des jeweiligen Lesebildungsstandards und ein Hinweis, welche Arbeiten von den Schülerinnen und Schülern hier einzuordnen sind. So haben sowohl die Lehrer/-innen als auch die Schüler/innen immer vor Augen, was in den jeweiligen vier Schulstufen gekonnt werden soll. Zum letzten Registerblatt werden individuell erstellte "Leselisten" eingeordnet, für die es ebenfalls eine Kopiervorlage gibt.

SELBSTREFLEXION UND RÜCKMELDUNG

Die Leseportfolios enthalten zu jedem Lesebildungsstandard auch eine Kopiervorlage eines Selbstreflexions- und Rückmelde-bogens. Darauf sind die Teilkompetenzen, die die Schüler/innen zu einem bestimmten Standard erwerben sollen, als „Can-do-Statements“ (Ich-kann-Statements) aufgelistet, die mit den konkreten Zielen, welche die Lehrperson mit ihren Schülerinnen und Schülern vereinbart hat, ergänzt werden können. Auch persönliche Ziele können hier festgehalten werden. Zur Einschät-zung der Zielerreichung findet sich bei jedem Statement eine dreistufige „Smiley“-Skala. Auf der Rückseite der Selbstrefle-xionsbögen ist Raum für „freie Reflexionen“. Um die Zuordnung des jeweiligen Bogens zu einer bestimmten Schülerarbeit zu ermöglichen, ist Platz für den Titel der Arbeit vorgesehen.

In den Rückmeldebögen heißt es statt „Ich kann...“ nun „Du kannst...“. Damit man sehen kann, von wem die Rückmeldung stammt, muss der Name des/der Rückmeldenden vermerkt werden. Die Rückseite bietet weiteren Raum für schriftliche Anmerkungen.

DIDAKTISCHE PRINZIPIEN

Das oben vorgestellte Unterrichtsbeispiel zeigt die wesentlichen Handlungsbereiche, welche die Portfolioarbeit im Unterricht erfordert:

  • Erstellen und Sammeln der Lernbeweise,
  • Auswahl der Lernbeweise und Reflexion,
  • Portfoliogespräche,
  • Präsentationen.

Damit individuelle Lernbeweise entstehen können, müssen mit den Schülerinnen und Schülern die Teilkompetenzen der Lesebildungsstandards als in der nächsten Zeit zu erreichende Ziele vereinbart sowie entsprechende Aufgaben gestellt werden, die auf verschiedenen Schwierigkeitsniveaus bearbeitet werden können. Dies wird meist durch Wahlmöglichkeiten erreicht. Im oben angeführten Beispiel kann das Kind sich ein Buch wählen und bestimmt damit auch zum großen Teil den Schwierigkeits-grad seiner Arbeiten. Auch die Einzelaufgaben, die zum Buch zu lösen sind, bieten Spielräume für unterschiedlich schwierige Lösungen.

Für die Bearbeitung der Aufgaben ist eine Lernumgebung notwendig, die alle Materialien für die Bearbeitung der Aufgaben im Rahmen von offenen Arbeitsphasen enthält. Dafür müssen ausreichende Zeiträume eingeplant werden. Wenn die Aufgaben bearbeitet sind, muss den Kindern Gelegenheit gegeben werden, die Arbeit, die ihre Zielerreichung beweist, für ihr Portfolio auszuwählen. Wie im Beispiel zu sehen ist, kann dies in Klassengesprächen vorbereitet werden, aber auch mit individuellen Portfoliogesprächen der Lehrperson mit einem Kind unterstützt werden.

Die individuellen Gespräche begleiten die gesamte Portfolioarbeit. In diesen Gesprächen stellt das Kind seine Arbeit und die dabei gemachten Lernerfahrungen mit seinen Erfolgen und Schwierigkeiten kurz vor. Der/die Gesprächspartner/in (z. B. Lehrperson, Mutter, Vater...) gibt Rückmeldungen, die eine Bestätigung für das Kind sein können, aber auch Hinweise zur Bewältigung aufgetretener Probleme enthalten. Die gemeinsame Reflexion der Schülerarbeit im Portfoliogespräch ist ein wesentlicher Faktor für die Qualität des Lernens. Ohne Portfolioarbeit kommt dieser Aspekt meist zu kurz. Die Gespräche bereiten auch die schriftlichen Reflexionen der Schüler/innen vor.

So wie die Gespräche sollten auch vorbereitete Präsentationen die gesamte Portfolioarbeit begleiten. An einem vereinbarten Termin darf ein Kind sein Portfolio oder einen Ausschnitt daraus in einer von ihm „dekorierten“ Umgebung vor der eigenen Klasse, einer Partnerklasse im Schulhaus oder anlässlich eines Elternabends präsentieren. Diese Präsentationen stärken besonders die Motivation, nur die besten Arbeiten in das Portfolio zu geben.

Literatur

Schmidinger, E. et al. (2008): Leseportfolio für die Grundschule zu den Bildungsstandards Deutsch/Lesen auf der 4. Schulstufe, Wien: Bildungsverlag Lemberger

Schmidinger, E. et al. (2007): Leseportfolio für die HS und AHS-Unterstufe zu den Bildungsstandards Deutsch/Lesen auf der 8. Schulstufe, beide Wien: Bildungsverlag Lemberger

 

Elfriede Schmidinger war Landeschulinspektorin für allgemein bildende Pflichtschulen in Oberösterreich und arbeitet weiterhin als Lehrerbildnerin sowie als Erziehungswissenschaftlerin

 

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