Lesen als Wettbewerbsvorteil
Der Titel dieses Themenheftes besagt, dass Lesen die Grundlage aller Bildung darstelle und ohne Lesen also keine Bildung möglich sei. Stimmt das denn überhaupt? Gibt es nicht andere Gegenstände, von denen sich dasselbe behaupten ließe? Ist das nicht nur die Betriebsblindheit der Deutschlehrpersonen? Viele meiner Schüler/innen würden das genau so sehen. Ich unterrichte als Deutschlehrer an einer technischen Oberschule und mache in meinen Klassen regelmäßig Umfragen, wer in den letzten zwölf Monaten ohne schulischen Druck ein Buch gelesen habe. Das Ergebnis ist ebenso regelmäßig ernüchternd: Im Durchschnitt ist es einer unter 20! Viele von ihnen haben eben diese Schule deswegen gewählt, weil sie sich viel Technik und möglichst wenig lästiges Lesen erwarten. Tatsächlich gibt es auch Schüler (bei uns gibt es fast keine Schülerinnen), die trotz dieses Befundes sehr erfolgreich sind. Leider kenne ich aber auch viele Jugendliche, die trotz großartiger technischer, mathematischer oder naturwissenschaftlicher Begabung scheitern. Wenn nicht in der Schule, dann – schlimmer noch – an der Universität oder im Beruf. Ich behaupte, dass dies meist am allzu geringen Leseinteresse liegt. Wer nicht liest, hat notgedrungen große Defizite im sprachlichen Bereich. Aber nicht nur das: Eifrige Leser/innen haben einen anderen Horizont, andere Erfahrungen, ein anderes Weltbild. Meiner Erfahrung nach sind sie einfühlsamer, fantasievoller, abenteuerlustiger, ja sogar toleranter. Wer nicht liest, hat Wettbewerbs-nachteile. Ein wesentliches Ziel der Schule ist es also, Kinder und Jugendliche zum Lesen hinzuführen. Wie Sie sich denken können, ist das ein schwieriges (und meist wenig nachhaltiges) Unterfangen. Wer im Grundschulalter ungern liest, liest später selten mehr. Es ist klar, dass dies am Ende einer schulischen Karriere kaum mehr umzubiegen ist. Das wirft natürlich sofort den Gedanken auf, dass die Grundschule in erster Linie Lesekompetenzen vermitteln sollte. Aber eigentlich fängt es noch viel früher an: Die moderne Lernforschung zeigt uns, dass Leseförderung schon im Kleinkindalter beginnt. Das fordert in erster Linie die Familien. Regelmäßiges Vorlesen und die selbstverständliche Verfügbarkeit von Büchern zu Hause trägt z. B. zum Erfolg bei. Die soziodemografischen Daten der PISA-Studie zeigen, dass jene Schülerinnen und Schüler, die schwache Leistungen zeigen, daheim wenige oder keine Bücher vorfinden. Das Projekt „Bookstart“ gilt als ein positives Beispiel zur Leseförderung, ist aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir müssen uns alle bewusst machen, dass Lesen die Basiskompetenz schlechthin ist! Sie ist nicht Zuständigkeit des Landes oder der Deutschlehrperson oder irgendeiner Bibliothekarin. Lesen fordert (und fördert) alle!
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frei heraus gesagt
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