Horizonterweiterung über Klischees hinausMein erstes Wort soll – laut Berichten meiner Mutter, die felsenfest davon überzeugt ist – „Buch“ gewesen sein und ich soll mein Kinderbettchen mit Büchern austapeziert haben. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, oder ob die Nostalgie hier das Ihre zu diesem Mythos beiträgt, aber Fakt ist, dass ich mit Büchern glücklich aufgewachsen bin und dass mich das Lesen sehr geprägt hat. Heute bin ich im Besitz vieler Hundert. Sie reichen von meinen alten Kinderbüchern über Weltliteratur und Gegenwarts-autoren bis hin zu unzähligen Sachbüchern, die ich zu jedem Thema, das mich irgendwie beschäftigt, kaufe. Dazu gesellen sich etliche kleine, liebe Büchlein mit Sinnsprüchen, die man so an Geburtstagen und Weihnachten geschenkt bekommt. Und – oh ja, nicht zu vergessen! – es gibt eine Menge jener Bücher, die noch im Besitz meines Opas waren und die ich vor der Entsorgung gerettet habe. Manche Menschen schmücken mit Büchern nur ihre Wohnung, aber selbst sie, die in ihnen nur ein Dekorationsobjekt sehen, messen den Büchern einen gewissen Wert bei. Wie traurig sind hingegen Wohnungen, die ganz ohne Bücher auskommen, oder Wohnungen, in denen vereinzelte Exemplare sich eng aneinanderkuscheln, um nicht ganz so einsam zu sein. In manchen Wohnungen haben Hi-Tech-Geräte den Kultstatus, der einst den Büchern beschieden war, eingenommen. Aber nein, Achtung, wir dürfen hier nicht Klageklischees der Buchnostalgiker aufsitzen! Letzten Endes wird kein noch so eleganter Designer-Bildschirm das kultige Dekorationsobjekt Buch verdrängen. Oder haben Sie schon mal in einem Möbelhaus Bildschirme als Dekorationsobjekt für Wohnzimmermöbel entdeckt? Es sind immer noch Bücher, wenn auch nur fiktiv und aus Karton… Die Lesekultur ist ja ganz unterschiedlich ausgeprägt, aber ich glaube – und ich glaube auch irgendwann irgendwo eine Statistik gelesen zu haben – dass die Menschen eigentlich mehr lesen denn je; oder besser und richtiger gesagt: dass mehr Menschen lesen denn je. Es wird auch mehr gedruckt denn je. In manchen großen Buchläden der Stadt verliert man sich regelrecht im Wirrwarr des zu Lesenden. Da ist Kritikfähigkeit gefragt. Es gibt kein „Muss“ mehr, keinen Kanon, auch wenn Bestsellerlisten manchmal so wirken. Auch viele Jugendliche lesen viel. Auf ihrer Bestsellerliste stehen Comics (für deren Lektüre sie völlig zu Unrecht glauben, sich schämen und entschuldigen zu müssen), bei Mädchen sind es Jugend-Zeitschriften (die allerdings nicht wirklich zu einer Horizonterweiterung beitragen) und Unmengen von Vampirromanen (die dennoch irgendwann zumindest sprachlich ihre Früchte tragen), Erfahrungsberichte von Frauen aus bzw. in anderen Kulturen (sie leben mit!); bei Jungs sind es Fachzeit-schriften zu Freizeitthemen und Computer oder Sachbücher und auch Biografien. Subjektiv erlebt gibt es weniger Leseratten unter Jungs, aber ich weiß nicht, was die Statistik dazu sagt. Ja, ok, die Jugendlichen lesen nicht mehr Hesses Siddharta, leben auch nicht mehr mit Zögling Törleß mit, sondern sie lieben Jugendliteratur; sie ergötzen sich nicht so sehr an philosophischen Reflexionen, sondern wollen Action und eine Story. („ Das Buch hat mir nicht gefallen, da gibt es ja keine Handlung, da ist so viel nutzlose Beschreibung drin!“ bekommt man bisweilen zu hören). Aber sie lesen doch. Sie inspirieren sich am Stil des Gelesenen, ahmen ihn zuweilen sogar nach. Und es ist immer eine Bereicherung. Lernzuwächse auf den Aspekt Rechtschreibung zu reduzieren (eine weit verbreitete Ansicht), ist allerdings völlig irrsinnig und ungerecht. Auch Eltern glauben noch immer daran und stellen dann beim Elternsprechtag die hilflose Frage: „Soll meine Tochter mehr lesen?“ „Noch mehr?“ möchte ich dann fragen, denn besagte Tochter ist eine Leseratte (vielleicht liest sie zu flüchtig?), ich bin aber wohlweislich still und nicke, denn schaden tut es nicht. Für viele Jugendliche freilich ist tatsächlich auch der Umfang des Lesestoffes recht ausschlaggebend, wobei Vampirbücher möglichst dick, Pflichtlektüren für den Unterricht möglichst dünn sein sollen. Als Lehrkraft stellt man sich drauf ein, aber es ist freilich auch höchst peinlich, wenn eine richtige Leseratte wie Miriam (ihre Eltern verzweifeln, weil sie mit dem Bücherkaufen nicht nachkommen) einem dann vorwirft: „Ja, auch Sie, Frau Professor, Sie mögen es vielleicht nicht glauben und sich dessen nicht bewusst sein, aber auch Sie kommentieren den Umfang eines Buches, wenn Sie uns Lesetipps geben.“ Peinlich, zum Rotwerden. Man hatte es nur gut gemeint. Und ist dem Klischee vom lesefaulen Jugendlichen aufgesessen.
Fanni A. Storch |
zaun gast
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