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...und ist die Fremde auch noch so schön; zur Heimat wird sie nie...
Das ist die traurige Geschichte des Unterganges von Altgraun, eines Großteils von Reschen und der Stockerhöfe bei St. Valentin, aufgearbeitet und den Schülern näher gebracht von Lehrer Ludwig Schöpf. Und wenn Sie diese Geschichte lesen, die es zwar in vielen verschiedenen Ausgaben gibt, soll Ihnen doch verdeutlicht werden, dass hier Kinder Geschichte erfahren und weitergeben und vielleicht ihre Heimat mehr schätzen und lieben lernen. Diese Kinder aus Graun haben sich mit dem Thema Seestauung ausgiebig auseinandergesetzt, was Sie vielleicht auch in den verschiedenen Schülerarbeiten feststellen können. Wir in der Grundschule Graun finden, dass es einfach richtig ist, wenn wir zum 50-jährigen Gedenken an den Untergang eines großen Teiles des Oberlandes diese Geschichte noch einmal erzählen. Und da wir uns sehr viel Mühe gaben und viele, viele Stunden auch außerhalb des Unterrichts für viele Arbeiten aufbrachten, wollen wir einen Großteil dieser Arbeiten auch vorzeigen! Die Arbeit mit den Schülern fand stets fächerübergreifend statt: Deutsch, Heimat - Umweltkunde, Bildnerisches Gestalten, Musik ... ...und es sollte auch mit allen Sinnen gelernt werden:
Sehsinn: Bilder, Fotos, Filme, Dokumentationen, Darstellungen, ... Gehörsinn: Alte Menschen, Großeltern, ... Tastsinn: See, Gemäuer, ... Geruchsinn: See, Sand, ... Geschmacksinn: Eltern kochen Gerichte nach alten Rezepten, ... pv
Wie es zur Seestauung kamIm Jahre 1919 kam Südtirol zu Italien. Schon
im Jahre 1920 wurden mehrere Gesuche beim Ministerium in Rom eingereicht,
um im Vinschgau u. a. bei Schluderns und Kastelbell ein Elektrizitätswerk
bauen zu dürfen. Der
Reschensee und der Graunersee sollten dabei um 5 m angehoben werden, und
als Staubecken dienen, wie es bereits alt-österreichische Pläne
besagten. Die Seen sollten von 1475 auf 1480 m angehoben werden, also um 5
m. Das Ministerium gab die Erlaubnis zur Anhebung der Seen dem „Comitato
promotorio per lo sviluppo delle forze idrauliche dell´ Alto Adige “,
da diese Gesellschaft als erste das Gesuch eingereicht hatte. Später übernahm
die Gesellschaft Montecatini diese Baugenehmigung. Aber
im Jahre 1939 wurde ein neuer Plan vorgelegt. Dieser
Plan
sollte für die Bevölkerung sehr gefährlich werden
Denn er sah vor, die Seen nicht um 5 m zu stauen, sondern um 22 m, also von 1475 m auf 1497 m! Das sollte bedeuten, dass das ganze Dorf Graun und ein Großteil von Reschen unter Wasser gesetzt werden würden. In St. Valentin sollten die Stockerhöfe zerstört werden. Diese Pläne wurden vom damaligen Gemeindevorsteher nur für 14 Tage und nur in italienischer Sprache veröffentlicht. Ohne
dass die Firma Montecatini eine Genehmigung besaß, erlaubte ihr das
Ministerium in Rom am 4. April 1940 mit den Arbeiten zu beginnen. (Dekret
Nr. 1532) Die eigentliche Baugenehmigung wurde erst am 4. Februar 1943 ausgestellt. Die Anhebung des Wasserspiegels um weitere 17 m wurde dabei nicht als wesentliche Abänderung des ursprünglichen Plans anerkannt. Diese Elektrizitätswerke sollten der Wirtschaft und der Verteidigung dienen. Als im Jahre 1943 die Deutsche Wehrmacht Norditalien besetzte, wurden die Arbeiten für das E- Werk eingestellt. Die Deutschen zeigten kein Interesse am Bau des Stausees. Nun schöpfte die Bevölkerung wieder Hoffnung, dass das Dorf nicht unter Wasser gesetzt würde. 1945 hatte Deutschland den Krieg verloren. Der 2. Weltkrieg war zu Ende. 1946 wurde weitergebaut, der Kanal wurde fertig gestellt. 1947
begann man mit der Staumauer, die 1949 fertig war. Am 01.August 1949 wurden die Schleusen geschlossen. Der Stausee war endgültig fertig. Wie sich die Bevölkerung wehrte Am
20. März 1947 erschienen zwei Vertreter der Firma Montecatini in Graun
und gaben bekannt, dass die Arbeiten am Stauprojekt wieder aufgenommen würden
und bis 1949 abgeschlossen sein müssten. Nun war die Bevölkerung sehr betroffen und traurig. Alles wurde unternommen, um dieses Vorhaben zu verhindern und zu Fall zubringen.
- a) Der bekannte Geologe Raimund von Klebelsberg aus Innsbruck erarbeitete ein Gutachten. Darin sagte er, dass der Grund, auf dem die Staumauer errichtet werden sollte, nicht stark genug sei, dem Druck des Wassers hundertprozentig standzuhalten. - Die Montecatini gewährte ihm aber keinen Einblick in die Ergebnisse der tiefen Bohrungen, die sie durchgeführt hatte. Professor Trenner aus Trient behauptete, das Staubecken würde sich nie füllen, weil zu wenig Wasser hineinfließen würde. Die von der Montecatini 1937 – 1939 durchgeführten Bohrungen (bis 181,45 m tief) konnten den Fels des Talbodens nicht erreichen. Das sagt uns, dass die Aufschüttungen nach der letzten Eiszeit sehr tief und mächtig sind. (Schuttkegel) Das zeigt aber auch, dass die Staumauer nicht im Fels verankert ist. - b) Weiters forderten die Grauner den Widerruf der Baugenehmigung für das Stauprojekt.
Warum? Die Stauung um 22 m war eine gewaltige Abänderung des ursprünglichen Projektes (Stauung 5 m) und hätte einer neuen Ausschreibung und Genehmigung bedurft. Man drohte der Montecatini mit einem Gerichtsverfahren, denn: - 1939 wurde das Projekt (22m) nur für 14 Tage und nur in italienischer Sprache veröffentlicht. - Die Bevölkerung hatte die Veröffentlichung gar nicht bemerkt, weil sie unter vielen anderen Erlässen angebracht worden war. - Hätte die Regierung in Rom diese wesentliche Abänderung anerkannt, hätte die Firma Montecatini wieder von vorne beginnen müssen und nicht weiterbauen dürfen. - c) Auch Österreich protestierte bei der italienischen Regierung gegen das Stauwerk, das genau auf der Passhöhe liegt und eine Gefahr für das ganze Inntal bedeuten könnte. Jetzt war sich die Firma Montecatini ihrer Sache nicht mehr so sicher, da ja die Proteste von allen Seiten kamen. Da die Grauner mit einem Prozess drohten, sagte die Montecatini. „Wenn die Baugenehmigung widerrufen wird, fordert sie vom Staat Ersatz für die hohen Ausgaben, die sie bereits hatte.“ - d) am 3. Juli fuhr der Grauner Pfarrer Alfred Rieper mit dem Fürstbischof von Brixen, Johannes Geisler zum Papst Pius XII, nach Rom. Sie baten den Papst um Hilfe, damit die Bevölkerung einigermaßen gerecht entschädigt würde. e) Um nicht zahlen zu müssen, verbreitete die Montecatini die Meinung, der Obere Vinschgau sei eine unfruchtbare Gegend, in der es sich nicht lohnen würde zu leben.
Dem 1948 gewählten Südtiroler Abgeordneten Friedl Volgger ist es zu verdanken, dass der damalige Landwirtschaftsminister Antonio Segni nach Graun kam.
Der Minister hat die blühenden Wiesen, die schönen Äcker, das zahlreiche Vieh und die verzweifelten Menschen gesehen. So schreibt Friedl Volgger in seinem Buch „Mit Südtirol am Scheideweg“: ....Dort bot sich Segni ein unvergessliches Bild , von dem er immer und immer wieder sprach.... - Dem Minister standen die Tränen in den Augen.... - Er könne die Seestauung nicht verhindern, aber er werde dafür sorgen, dass die Bauern mindestens richtig entschädigt würden... Geld aus der Schweiz
Warum wollte bzw musste die Montecatini das Stauprojekt am Reschenpass so schnell zu Ende führen? Am Splügenpass in der Schweiz sollte ebenfalls ein Stauwerk errichtet werden. Dabei wären die Dörfer Splügen und Medels mitsamt dem Kulturland unter Wasser gesetzt worden. Die Bürger wehrten sich aber gegen dieses Vorhaben, (bei uns hat man sich auch gewehrt – ohne Erfolg) und die Regierung in Bern erteilte keine Baugenehmigung. Darauf trat die Firma „Elektro Watt“ an die Firma Montecatini heran, um sich mit 30 Millionen Schweizer Franken (heute ca 36 Milliarden Lire) am Reschen-Stauwerk zu beteiligen , bzw . dieses Projekt vorzufinanzieren. Am 30. August 1947 schloss die Firma Elektro-Watt mit der Firma Montecatini einen Vertrag ab.
Um das Geld von 30 Millionen Franken zurückzuzahlen, musste die Montecatini über 10 Jahre lang die Hälfte des Stromes des Reschen Stausees in die Schweiz liefern. Zu spät erfuhr der Schweizerische Verband für Heimatschutz, welches Trauerspiel sich im Oberen Vinschgau durch Mitverschulden der Schweiz ereignete. Als das Schweizer Volk von der „Schweizer Hilfe“ in den Zeitungen erfuhr, war es empört darüber. Jetzt fuhren Vertreter aus Graun mit dem Landeshauptmann von Tirol nach Zürich, um die Firma Elektro–Watt zum Widerruf des Vertrages mit der Firma Montecatini zu bewegen. Aber die Grauner wurden nur mit leeren Versprechungen abgespeist. Wir haben nun gesehen, dass die Grauner Bevölkerung mit dem Pfarrer Alfred Rieper alles unternommen hat, um das Dorf zu retten und das Stauprojekt zu verhindern.
Entschädigungen???
Schon in den Jahren 1940 – 1941 wurde den Grundbesitzern die Grundbesetzung und Grundenteignung angekündigt. Der Preis für 1 m² der schönsten Felder betrug 75 Centesimi bis 1 Lira 40 Centesimi Diese Preise hatte das Staatsbauamt festgelegt. Dieses Geld entsprach in keiner Weise dem wahren Wert der Felder.
Die Beträge wurden auf der Staatsbank (Depositenbank ) in Bozen hinterlegt. Die Enteigneten haben diese lächerlichen Beträge nie behoben, da die Freischreibung teurer war, als die hinterlegten Beträge ausmachten . In den Jahren des Krieges und besonders nach dem 2. Weltkrieg hatte das Geld immer mehr an Wert verloren. 1,40 – 0,75 Lire für 1 m² Wiese (1940) war nach dem Krieg (1945) noch viel weniger wert als bei der Enteignung. Durch die Hilfe des Papstes wurde am 28. Oktober 1948 ein Schiedsgericht einberufen, das alle Liegenschaften (Wiesen, Felder..) neu bewerten musste. Dieses Schiedsgericht bestand aus: 2 Vertretern aus Graun 2 Vertretern der Montecatini 1 Universitätsprofessor aus Padua. Aber in allen Verhandlungen wurden die 2 Grauner von den 3 Italienern überstimmt. Notgedrungen mussten die Grauner unterschreiben, damit die Bevölkerung endlich Klarheit über die Enteignungssumme erhalten konnte. Dieser Schiedsspruch sollte im April 1949 erfolgen. Tatsächlich erfolgte er aber erst im Oktober 1949. Dabei wurden die Entschädigungen zwar um das 35 fache angehoben, das war aber dennoch beinahe nichts. Für 1 m³ eines Hauses wurden 4000 L bezahlt. Für die Bevölkerung war das alles ein sehr großes Trauerspiel, da sie ja entscheiden musste, ob sie auswandern musste oder dableiben konnte. Am 01. August 1949 wurden nämlich schon die Schleusen geschlossen und eine Probestauung vorgenommen.
Arbeiten.... Die intensiven Arbeiten an der Staumauer usw. begannen also im Jahre 1947. Für die Aufschüttung der Staumauer, für Straßen, Tunnel... benötigte die Montecatini sehr viele Arbeiter. Diese wurden zum größten Teil aus Süditalien geholt. Bis
zu 1000 Arbeiter waren im Einsatz. Für diese Arbeiter mussten Baracken errichtet werden. Es wurde Tag und Nacht und auch an Sonntagen gearbeitet. Viele Maschinen, Bagger, Lastwägen ... wurden gebracht. Eisenbahnschienen wurden verlegt, um die riesigen Mengen Material für die Staumauer heranzuführen. Das ganze Gemeindegebiet war nahezu eine einzige Baustelle. Viele Dinge wurden einfach ungeordnet dort abgeladen, wo es am einfachsten, bequemsten und am billigsten war. Dadurch ging schon während des Baues wertvoller Kulturgrund verloren und die Bevölkerung konnte nichts dagegen unternehmen. Man sieht auch hier, wie willkürlich vorgegangen wurde, und wie unsere Menschen gedemütigt wurden. Eine neue Straße musste gebaut werden. Sie musste auch höher gelegen sein, höher als der Stausee sein würde. Dafür wurden viele Felsen gesprengt, Galerien wurden errichtet, da am Berghang Erdrutschgefahr herrschte. Sogar heute noch kommen Muren, Steine und Lawinen auf die Straße herunter. Durch den St. Anna Hügel wurde ein Tunnel gebaut. Die
Straße nach Reschen führt heute oberhalb des alten Arlund-Weilers
vorbei. Der letzte Protest In der Zwischenzeit hatte die Bevölkerung verstanden, dass das Stauprojekt nicht mehr aufzuhalten war. Jetzt kamen die großen Sorgen. Denn man musste sich entscheiden, ob man auswanderte oder hier blieb. Niemand wusste im Sommer 1949, welche Entschädigungssumme er von der Montecatini erhalten sollte. Und am 1. August wurden die Schleusen am Staudamm geschlossen. Das Wasser stieg und begann die Felder vor der Ernte zu überfluten, denn weder Grummet, noch Getreide und Kartoffeln sind bei uns zu dieser Zeit geerntet. Deshalb waren die Grauner sehr erbost. Am 8. August wurde in Graun Sturm geläutet. Die männliche Bevölkerung unter der Führung von Pfarrer Rieper, Pfarrer Giacomelli und von Alois Theiner marschierte nach Reschen. Dort wollten die Grauner die schaltenden und waltenden Herren der Montecatini zur Rechenschaft ziehen. Diese Herren hatten aber Wind bekommen und wollten abhauen. Bei Arlund kamen sie den Graunern entgegen. Sie wurden aufgehalten und gezwungen, nach Reschen zurückzufahren. In Reschen wurde der Protest der Bevölkerung vorgetragen. Doch die herbeigerufene Polizei zersprengte die Menge und die unerschrockenen Anwälte der Grauner wurden nach Mals gebracht, wo sie verhört und verwarnt wurden. Pfarrer Rieper wurde aufs gröbste beschimpft und sogar tätlich angegriffen. |