...und ist die Fremde auch noch so schön; zur Heimat wird sie nie...

 

Das ist die traurige Geschichte des Unterganges von Altgraun, eines Großteils von Reschen und der Stockerhöfe bei St. Valentin, aufgearbeitet und den Schülern näher gebracht von Lehrer Ludwig Schöpf. Und wenn Sie diese Geschichte lesen, die es zwar in vielen verschiedenen Ausgaben gibt, soll Ihnen doch verdeutlicht werden, dass hier Kinder Geschichte erfahren und weitergeben und vielleicht ihre Heimat mehr schätzen und lieben lernen. Diese Kinder aus Graun haben sich mit dem Thema Seestauung ausgiebig auseinandergesetzt, was Sie vielleicht auch in den verschiedenen Schülerarbeiten feststellen können. Wir in der Grundschule Graun finden, dass es einfach richtig ist, wenn wir zum 50-jährigen Gedenken an den Untergang eines großen Teiles des Oberlandes diese Geschichte noch einmal erzählen. Und da wir uns sehr viel Mühe gaben und viele, viele Stunden auch außerhalb des Unterrichts für viele Arbeiten aufbrachten, wollen wir einen Großteil dieser Arbeiten auch vorzeigen!

Die Arbeit mit den Schülern fand stets fächerübergreifend statt:

Deutsch, Heimat - Umweltkunde, Bildnerisches Gestalten, Musik ...

...und es sollte auch mit allen Sinnen gelernt werden:

 

Sehsinn: Bilder, Fotos, Filme, Dokumentationen, Darstellungen, ...

Gehörsinn: Alte Menschen, Großeltern, ...

Tastsinn: See, Gemäuer, ...

Geruchsinn: See, Sand, ...

Geschmacksinn: Eltern kochen Gerichte nach alten Rezepten, ...

pv

 

Wie es zur Seestauung kam

Im Jahre 1919 kam Südtirol zu Italien.

Schon im Jahre 1920 wurden mehrere Gesuche beim Ministerium in Rom eingereicht, um im Vinschgau u. a. bei Schluderns und Kastelbell ein Elektrizitätswerk bauen zu dürfen.

Der Reschensee und der Graunersee sollten dabei um 5 m angehoben werden, und als Staubecken dienen, wie es bereits alt-österreichische Pläne besagten. Die Seen sollten von 1475 auf 1480 m angehoben werden, also um 5 m. Das Ministerium gab die Erlaubnis zur Anhebung der Seen dem „Comitato promotorio per lo sviluppo delle forze idrauliche dell´ Alto Adige “, da diese Gesellschaft als erste das Gesuch eingereicht hatte.

Später übernahm die Gesellschaft Montecatini diese Baugenehmigung.

Aber im Jahre 1939 wurde ein neuer Plan vorgelegt. Dieser

Plan sollte für die Bevölkerung sehr gefährlich werden

Denn er sah vor, die Seen nicht um 5 m zu stauen, sondern

um 22 m, also von 1475 m auf 1497 m!

Das sollte bedeuten, dass das ganze Dorf Graun und ein Großteil von Reschen unter Wasser gesetzt werden würden. In St. Valentin sollten die Stockerhöfe zerstört werden.

Diese Pläne wurden vom damaligen Gemeindevorsteher nur für 14 Tage und nur in italienischer Sprache veröffentlicht.

Ohne dass die Firma Montecatini eine Genehmigung besaß, erlaubte ihr das Ministerium in Rom am 4. April 1940 mit den Arbeiten zu beginnen. (Dekret Nr. 1532)

Die eigentliche Baugenehmigung wurde erst am 4. Februar 1943 ausgestellt.

 

Die Anhebung des Wasserspiegels um weitere 17 m wurde dabei nicht als wesentliche Abänderung des ursprünglichen Plans anerkannt.

 

Diese Elektrizitätswerke sollten der Wirtschaft und der Verteidigung dienen.

Als im Jahre 1943 die Deutsche Wehrmacht Norditalien besetzte, wurden die Arbeiten für das E- Werk eingestellt. Die Deutschen zeigten kein Interesse am Bau des Stausees.

Nun schöpfte die Bevölkerung wieder Hoffnung, dass das Dorf nicht unter Wasser gesetzt würde.

1945 hatte Deutschland den Krieg verloren. Der 2. Weltkrieg war zu Ende.

1946 wurde weitergebaut, der Kanal wurde fertig gestellt.

1947 begann man mit der Staumauer, die 1949 fertig war.

Am 01.August 1949 wurden die Schleusen geschlossen.

Der Stausee war endgültig fertig.

Wie sich die Bevölkerung wehrte

 

Am 20. März 1947 erschienen zwei Vertreter der Firma Montecatini in Graun und gaben bekannt, dass die Arbeiten am Stauprojekt wieder aufgenommen würden und bis 1949 abgeschlossen sein müssten.

Nun war die Bevölkerung sehr betroffen und traurig.

Alles wurde unternommen, um dieses Vorhaben zu verhindern und zu Fall zubringen.

 

-     a) Der bekannte Geologe Raimund von Klebelsberg aus Innsbruck erarbeitete ein Gutachten. Darin sagte er, dass der Grund, auf dem die Staumauer errichtet werden sollte, nicht stark genug sei, dem Druck des Wassers hundertprozentig standzuhalten.

-     Die Montecatini gewährte ihm aber keinen Einblick in die Ergebnisse der tiefen Bohrungen, die sie durchgeführt hatte. Professor Trenner aus Trient behauptete, das Staubecken würde sich nie füllen, weil zu wenig Wasser hineinfließen würde. Die von der Montecatini 1937 – 1939 durchgeführten Bohrungen (bis 181,45 m tief) konnten den Fels des Talbodens nicht erreichen. Das sagt uns, dass die Aufschüttungen nach der letzten Eiszeit sehr tief und mächtig sind. (Schuttkegel) Das zeigt aber auch, dass die Staumauer nicht im Fels verankert ist.

-     b) Weiters forderten die Grauner den Widerruf der Baugenehmigung für das Stauprojekt.

 

Warum?

Die Stauung um 22 m  war eine gewaltige Abänderung des ursprünglichen Projektes (Stauung 5 m) und hätte einer neuen Ausschreibung und Genehmigung bedurft.

Man drohte der Montecatini mit einem Gerichtsverfahren, denn:

-    1939 wurde das Projekt (22m) nur für 14 Tage und nur in italienischer Sprache veröffentlicht.

-    Die Bevölkerung hatte die Veröffentlichung gar nicht bemerkt, weil sie unter vielen anderen Erlässen angebracht worden war.

-    Hätte die Regierung in Rom diese wesentliche Abänderung anerkannt, hätte die Firma Montecatini wieder von vorne beginnen müssen und nicht weiterbauen dürfen.

 

-    c) Auch Österreich protestierte bei der italienischen Regierung gegen das Stauwerk, das genau auf der Passhöhe liegt und eine Gefahr für das ganze Inntal bedeuten könnte. Jetzt war sich die Firma Montecatini ihrer Sache nicht mehr so sicher, da ja die Proteste von allen Seiten kamen. Da die Grauner mit einem Prozess drohten, sagte die Montecatini. „Wenn die Baugenehmigung widerrufen wird, fordert sie vom Staat Ersatz für die hohen Ausgaben, die sie bereits hatte.“

-    d) am 3. Juli fuhr der Grauner Pfarrer Alfred Rieper mit dem Fürstbischof von Brixen, Johannes Geisler zum Papst Pius XII, nach Rom. Sie baten den Papst um Hilfe, damit die Bevölkerung einigermaßen gerecht entschädigt würde.

e) Um nicht zahlen zu müssen, verbreitete die Montecatini die Meinung, der Obere Vinschgau sei eine unfruchtbare Gegend, in der es sich nicht lohnen würde zu leben.

 

Dem 1948 gewählten Südtiroler Abgeordneten Friedl Volgger ist es zu verdanken, dass der damalige Landwirtschaftsminister Antonio Segni nach Graun kam.

 

Der Minister hat die blühenden Wiesen, die schönen Äcker, das zahlreiche Vieh und die verzweifelten Menschen gesehen.

So schreibt Friedl Volgger in seinem Buch  „Mit Südtirol am Scheideweg“: ....Dort bot sich Segni ein unvergessliches Bild , von dem er immer und immer wieder sprach....

 

-         Dem Minister standen die Tränen in den Augen....

-         Er könne die Seestauung nicht verhindern, aber er werde dafür sorgen, dass die Bauern mindestens richtig entschädigt würden...

Geld aus der Schweiz

 

Warum wollte bzw musste die Montecatini das Stauprojekt am Reschenpass so schnell zu Ende führen?

Am Splügenpass in der Schweiz sollte ebenfalls ein Stauwerk errichtet werden.

Dabei wären die Dörfer Splügen und Medels mitsamt dem Kulturland unter Wasser gesetzt worden. Die Bürger wehrten sich aber gegen dieses Vorhaben, (bei uns hat man sich auch gewehrt – ohne Erfolg) und die Regierung in Bern erteilte keine Baugenehmigung.

Darauf trat die Firma „Elektro Watt“ an die Firma Montecatini heran, um sich mit 30 Millionen Schweizer Franken (heute ca 36 Milliarden Lire) am Reschen-Stauwerk zu beteiligen , bzw . dieses Projekt vorzufinanzieren.

Am 30. August 1947 schloss die Firma Elektro-Watt mit der Firma Montecatini einen Vertrag ab.

 

Um das Geld von 30 Millionen Franken zurückzuzahlen, musste die Montecatini über 10 Jahre lang die Hälfte des Stromes des Reschen Stausees in die Schweiz liefern.

Zu spät erfuhr der Schweizerische Verband für Heimatschutz, welches Trauerspiel sich im Oberen Vinschgau durch Mitverschulden der Schweiz ereignete.

Als das Schweizer Volk von der „Schweizer Hilfe“ in den Zeitungen erfuhr, war es empört darüber. Jetzt fuhren Vertreter aus Graun mit dem Landeshauptmann von Tirol nach Zürich, um die Firma Elektro–Watt zum Widerruf des Vertrages mit der Firma Montecatini zu bewegen.

Aber die Grauner wurden nur mit leeren Versprechungen abgespeist.

Wir haben nun gesehen, dass die Grauner Bevölkerung mit dem Pfarrer Alfred Rieper alles unternommen hat, um das Dorf zu retten und das Stauprojekt zu verhindern.

 

 

Entschädigungen???

 

Schon in den Jahren 1940 – 1941 wurde den Grundbesitzern die Grundbesetzung und Grundenteignung angekündigt. Der Preis für 1 m² der schönsten Felder betrug 75 Centesimi bis 1 Lira 40 Centesimi

Diese Preise hatte das Staatsbauamt festgelegt.

Dieses Geld entsprach in keiner Weise dem wahren Wert der Felder.

Die Beträge wurden auf der Staatsbank (Depositenbank ) in Bozen hinterlegt.

Die Enteigneten haben diese lächerlichen Beträge nie behoben, da die Freischreibung teurer war, als die hinterlegten Beträge ausmachten .

In den Jahren des Krieges und besonders nach dem 2. Weltkrieg hatte das Geld immer mehr an Wert verloren. 1,40 – 0,75 Lire für 1 m² Wiese (1940) war nach dem Krieg (1945) noch viel weniger wert als bei der Enteignung.

Durch die Hilfe des Papstes wurde am 28. Oktober 1948 ein Schiedsgericht einberufen, das alle Liegenschaften (Wiesen, Felder..) neu bewerten musste.

Dieses Schiedsgericht bestand aus:

2 Vertretern aus Graun

2 Vertretern der Montecatini

1 Universitätsprofessor aus Padua.

 

Aber in allen Verhandlungen wurden die 2 Grauner von den 3 Italienern überstimmt.

Notgedrungen mussten die Grauner unterschreiben, damit die Bevölkerung endlich Klarheit über die Enteignungssumme erhalten konnte. Dieser Schiedsspruch sollte im April 1949 erfolgen.

Tatsächlich erfolgte er aber erst im Oktober 1949. Dabei wurden die Entschädigungen zwar um das 35 fache angehoben, das war aber dennoch beinahe nichts. Für 1 m³ eines Hauses wurden 4000 L bezahlt.

Für die Bevölkerung war das alles ein sehr großes Trauerspiel, da sie ja entscheiden musste, ob sie auswandern musste oder dableiben konnte.

Am 01. August 1949 wurden nämlich schon die Schleusen geschlossen und eine Probestauung vorgenommen.

 

Arbeiten....

 

Die intensiven Arbeiten an der Staumauer usw. begannen also im Jahre 1947.

Für die Aufschüttung der Staumauer, für Straßen, Tunnel... benötigte die Montecatini sehr viele Arbeiter.

Diese wurden zum größten Teil aus Süditalien geholt.

Bis zu 1000 Arbeiter waren im Einsatz.

Für diese Arbeiter mussten Baracken errichtet werden. Es wurde Tag und Nacht und auch an Sonntagen gearbeitet. Viele Maschinen, Bagger, Lastwägen ... wurden gebracht.

 

Eisenbahnschienen wurden verlegt, um die riesigen Mengen Material für die Staumauer heranzuführen. Das ganze Gemeindegebiet war nahezu eine einzige Baustelle. Viele Dinge wurden einfach ungeordnet dort abgeladen, wo es am einfachsten, bequemsten und am billigsten war. Dadurch ging schon während des Baues wertvoller Kulturgrund verloren und die Bevölkerung konnte nichts dagegen unternehmen.

Man sieht auch hier, wie willkürlich vorgegangen wurde, und wie unsere Menschen gedemütigt wurden.

 

Eine neue Straße musste gebaut werden. Sie musste auch höher gelegen sein, höher als der Stausee sein würde.

Dafür wurden viele Felsen gesprengt, Galerien wurden errichtet, da am Berghang Erdrutschgefahr herrschte. Sogar heute noch kommen Muren, Steine und Lawinen auf die Straße herunter.

 

Durch den St. Anna Hügel wurde ein Tunnel gebaut.

Die Straße nach Reschen führt heute oberhalb des alten Arlund-Weilers vorbei.

Der letzte Protest

 

In der Zwischenzeit hatte die Bevölkerung verstanden, dass das Stauprojekt nicht mehr aufzuhalten war.

Jetzt kamen die großen Sorgen.

Denn man musste sich entscheiden, ob man auswanderte oder hier blieb. Niemand wusste im Sommer 1949, welche Entschädigungssumme er von der Montecatini erhalten sollte.

Und am 1. August wurden die Schleusen am Staudamm geschlossen.

 

Das Wasser stieg und begann die Felder vor der Ernte zu überfluten, denn weder Grummet, noch Getreide und Kartoffeln sind bei uns zu dieser Zeit geerntet.

Deshalb waren die Grauner sehr erbost. Am 8. August wurde in Graun Sturm geläutet. Die männliche Bevölkerung unter der Führung von Pfarrer Rieper, Pfarrer Giacomelli und von Alois Theiner marschierte nach Reschen.

Dort wollten die Grauner die schaltenden und waltenden Herren der Montecatini zur Rechenschaft ziehen.

Diese Herren hatten aber Wind bekommen und wollten abhauen. Bei Arlund kamen sie den Graunern entgegen. Sie wurden aufgehalten und gezwungen, nach Reschen zurückzufahren. In Reschen wurde der Protest der Bevölkerung vorgetragen.

Doch die herbeigerufene Polizei zersprengte die Menge und die unerschrockenen Anwälte der Grauner wurden nach Mals gebracht, wo sie verhört und verwarnt wurden. Pfarrer Rieper wurde aufs gröbste beschimpft und sogar tätlich angegriffen.

Der letzte Grauner Kirchtag

Der 26. Juli, der St. Anna Tag war für die Grauner der höchste Festtag. Dieser Tag wurde immer besonders gefeiert. Um 5.00 Uhr morgens zog die Musikkapelle durch das Dorf. Dabei hat sie an verschiedenen Orten gespielt. Das Dorf war geschmückt. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Von überall kamen die Verwandten. Die Hausfrauen hatten Krapfen, Kiachl, Guglhupf usw. gebacken. In der Kirche wurde ein feierlicher Gottesdienst gehalten. Anschließend fand eine Prozession statt. Alle Einwohner waren dabei. Die Altäre im Freien waren wunderschön geschmückt. Der Tag klang mit einem Platzkonzert der Musikkapelle aus.

 

Aber am 26. Juli 1949 war alles ganz anders.

 

Der letzte Grauner Kirchtag war für die Bewohner des alten Dorfes ein Trauertag. Der Fürstbischof Johannes Geisler war aus Brixen gekommen, um die Menschen zu trösten.

 

Nach dem feierlichen Einzug des Bischofs in die Kirche bestieg der Oberhirte die Kanzel und hielt folgende ergreifende Predigt an die Pfarrgemeinde:

 

Liebe Pfarrkinder von Graun!

 

Ich sage es gleich am Anfang. Ich bin nicht gekommen, um euch den Abschied vom Heimatdorf schwer zu machen; im Gegenteil, ich bin gekommen, um euch zu trösten und euch zu ermutigen, dass ihr das Unvermeidliche mit christlichem Starkmute ertraget. Es ist ja wahr: Der Mensch hängt an seiner Heimat, er ist mit ihr verwachsen, er ist in ihr verwurzelt.

Er fühlt sich verbunden mit den Menschen seiner Heimat, mit der Landschaft und der Gegend seiner Heimat, mit dem Klima und dem Boden seiner Heimat, mit Bräuchen und Sitten seiner Heimat, mit der Kirche und dem Friedhof, auf dem seine Vorfahren liegen. Jeder Weg und Winkel seiner Heimat hat ihm etwas zu sagen und ruft Erinnerungen in ihm wach.

Außer der Heimat ist die Fremde, und der Mensch fühlt sich in der Fremde mehr oder weniger einsam und verlassen.

Es kommt ihm vor, als ob er aus einem Zusammenhang losgelöst worden wäre, zu dem er als Glied gehört, und dieses Gefühl des „Losgelöstseins“ kann so stark sein, besonders bei jungen Leuten, dass es zu einer Art Krankheit wird, die man Heimweh nennt. Wenn der Mensch auch losgelöst ist vom Boden, so gleicht er doch in mancher Hinsicht einer Pflanze, die an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Erde und unter einem bestimmten Himmel aufgewachsen ist und die man nicht überallhin versetzen kann, ohne dass ihr Wachstum und ihr Gedeihen Schaden leidet. Heimat gibt es eben nur eine. Nur ein Plätzchen auf Erden ist für jeden Menschen das schönste und beste, das ist die Heimat, in der er aufgewachsen ist. Die Heimat ist darum nicht bloß eine materielle Angelegenheit, sie ist auch eine Herzenssache.

Was sollen wir tun beim Gedanken, dass unser Heimatdorf unter Wasser gesetzt wird? Sollen wir trauern und weinen, wie man an einem Sterbebette oder an einem Grabe trauert und weint? Aber da würde der Apostel Paulus uns sagen: „Seid nicht traurig, wie die Heiden, die keine Hoffnung haben!“ Die Heiden haben am Sterbebette und am Grabe keine Hoffnung, weil sie an kein Fortleben nach dem Tode glauben; sie kennen nur die irdische Heimat. Wir Christen aber glauben an ein Fortleben nach dem Tode und wir wissen, dass die wahre Heimat des Christen im Himmel ist. Darum sagt der Apostel: „Unsere Heimat ist eine ganz andere Heimat als die irdische. Die irdische Heimat kann man verlieren, und beim Tode müssen sie alle Menschen verlassen.“

Darum sagt der Apostel: „Wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern suchen die zukünftige.“ Wir sind hier auf Erden nur Fremdlinge und Pilger. Die himmlische Heimat aber dauert ewig. Einmal erworben, kann sie nicht mehr verloren gehen. Die irdische Heimat ist auch nicht frei von Kummer und Sorgen, von Trauer und Tränen; von der himmlischen Heimat aber sagt die Heilige Schrift: „Gott wird abwischen von ihren Augen. Der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz.“ Die himmlische Heimat ist auch eine viel schönere und herrlichere Heimat als die irdische. Von ihr sagt die Heilige Schrift: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“

Für diese himmlische Heimat sind wir alle bestimmt, sie zu erwerben ist unsere wichtigste Aufgabe auf Erden. Der göttliche Heiland hat sie „das eine Notwendige“ genannt. Und um uns dieses eine Notwendige um so mehr ans Herz legen zu können, hat er auf die irdische Heimat verzichtet. Denn in der Heiligen Schrift heißt es, dass er von einem Ort zum anderen wanderte, um das Evangelium zu verkünden, und dass „er nichts hatte, wo er hätte sein Haupt hinlegen können.“

Der Gedanke an die Herrlichkeit der himmlischen Heimat soll uns trösten in allen Leiden und Widerwärtigkeiten und Wechselfällen des Erdenlebens.

„Ich halte dafür,“ sagt der Apostel Paulus, „dass die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der zukünftigen Herrlichkeit , die an uns offenbar werden wird.“

Kein Leid, kein Opfer, auch nicht der Verlust der irdischen Heimat, soll imstande sein, uns niederzudrücken, wenn wir an die Herrlichkeit der himmlischen Heimat denken. Er soll uns jene weltüberwindende Kraft geben, von der die Heilige Schrift sagt: „Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube.“ Darum rufe ich euch allen mit dem Apostel Paulus zu: „Steht fest im Glauben, handelt männlich und seid stark!“ Euer Schicksal ist nicht so hart, wie das von Millionen deutscher Menschen, die nach dem Kriege von ihrer Heimat vertrieben wurden und nichts retten konnten als das nackte Leben. Ihr bekommt eine Entschädigung und ihr habt die Möglichkeit, eine neue Heimat zu gründen; es gibt ja auch Menschen, die freiwillig die alte Heimat verlassen, um anderswo eine neue Heimat zu gründen. Und wenn es euch auch nicht gelingen sollte, die Heimatgefühle auf einen anderen Ort und unter andere Menschen zu übertragen, so denkt daran , dass der göttliche Heiland keine irdische Heimat hatte und dass die wahre Heimat des Christen im Himmel ist.

In der ganzen und großen Diözese Brixen, wie sie vor dem Ersten Weltkriege bestand, hat es wohl keine Pfarrgemeinde gegeben, die der Diözese so viele Priester schenkte als wie die Pfarrgemeinde Graun.

Das ist einer der Gründe, warum ich zu euch gekommen bin: Ich wollte euch den Dank der Diözese zum Ausdruck bringen.

Ich hoffe, dass ihr den religiösen Sinn, den Arbeitsfleiß und den sittlichen Ernst, der Graun immer auszeichnet, mit hinausnehmt in die neue Siedlung und Wohnung. So ist das Heimatrecht im Himmel am besten sichergestellt.

Nun wollen wir alles Leid, alle Opfer, alle Schäden und Nachteile dem göttlichen Heiland beim Messopfer auf die Patene legen und dem himmlischen Vater aufopfern.        Amen.

 

Die Menschen wussten, dass dies der letzte Kirchtag war, an dem sie alle zusammenwaren.

Sie wussten auch, dass viele wegziehen mussten.

Sie wussten, dass das Wasser irgendwann steigen würde, denn an den Häusern waren überall rote Striche angebracht.

 

Diese zeigten an, wie hoch das Wasser steigen würde. Sie kannte den genauen Zeitpunkt aber nicht.

Sie wussten, die Häuser würden gesprengt.

Sie wussten, dass sie auswandern mussten.

Sie wussten aber nicht wohin.

Sie sahen sich noch einmal um, sie betrachteten die Plätze ihrer Kindheit, ihrer Jugend und ihres Erwachsenwerdens.

Und überall, wohin sie auch schauten, fühlten sie Heimat.

Eine Heimat, die bald vom Erdboden verschwunden sein würde.

 

Probestauung 1949

 

Keine Woche nach dem letzten Grauner Kirchtag, am 1. August 1949, wurden also am Staudamm in St. Valentin zum ersten Mal die Schleusen geschlossen.

Das Wasser stieg 11 m.

Wiesen und Felder kamen unter Wasser. In Reschen drang das Wasser zum Teil schon in die tiefer gelegenen Häuser ein. So hat es sich zugetragen, dass manch einer am Morgen sein Vieh im Stall im Wasser stehen sah.

 

 

Es ist ebenfalls vorgekommen , dass die Menschen trockenen Fußes am Morgen in die Kirche gingen , aber durch das steigende Wasser die Kirche verlassen mussten.

Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, wie viel er an Entschädigung erhalten würde. Niemand wusste, wohin er gehen würde. Es standen auch noch keine neuen Häuser. Die Menschen wurden also regelrecht „hingewässert!“ Eine weitere Demütigung mussten die Bewohner also erleiden.

 

Aber im Winter 1949/50 „durften“ sie noch in ihren Häusern bleiben.

Ein Trauerspiel!

Diese Probestauung 1949 wurde deshalb durchgeführt, weil die Montecatini die Festigkeit des Staudammes erproben wollte. Dies zeigt uns, welche Unsicherheit bei der Montecatini herrschte.

Die Wiesen wurden nach dem 1. August überschwemmt. Dabei hatten die Grauner noch nicht das Grummet gemäht. Die Äcker wurden unter Wasser gesetzt. Dabei war das Getreide noch nicht geschnitten und die Kartoffeln noch nicht gegraben.

In Untergraun war bald auch schon das Wasser in Kellern und Ställen. Die Tiere mussten also im Wasser stehen.

 

Davon erzählte uns Pfarrer Rieper:

Eines Morgens kam die „Häuserin“ und rief: „Unsere Hennen schwimmen im Stall im Wasser!“ Da ging ich in den Stall hinunter, um nachzusehen, was los war. Dabei musste ich eine alte Treppe hinuntersteigen. Das Wasser hatte die Holztreppe angehoben. Dadurch war sie sehr wackelig geworden. Ich war nur auf die Hennen konzentriert, besann mich nicht auf die Treppe und „plumps“, lag ich selbst im Wasser.

 

Zum Glück hatte ich mich nicht verletzt und so konnte wieder alleine aufstehen.

Danach war ich sehr traurig.

 

Hier bleiben oder auswandern!

 

Bereits im Jahre 1949 wurden also die Grauner vor die schwere Entscheidung gestellt abzuwandern und in der Fremde mit dem äußerst geringen Erlös ihrer Wiesen und Felder eine neue Existenz aufzubauen.

Oder in der Heimat zu bleiben und sich auf dem St. Anna Hügel neu anzusiedeln.

Zuvor waren auch noch andere Orte im Gespräch gewesen. Man wollte z.B. bei Prad ansiedeln, weiter war eine neue Dorfgründung bei Arlund im Gespräch.

Doch letztendlich entschied man sich für den St. Anna Hügel und Margrond .

An die 30 der 120 Parteien entschieden sich für das Verbleiben in Graun.

 

Dazu ist zu sagen:

Wenn man jemandem das Haus wegnimmt, kann dieses anderswo  wieder aufgestellt werden.

Wenn man aber einem Bauern die Wiesen und Felder, also seine Existenz wegnimmt, ist das viel schlimmer. In einem Hochtal , wie es der Obere Vinschgau ist, kann man die Wiesen und Felder nicht mehr ersetzen. Deshalb war der Großteil der Bevölkerung gezwungen auszuwandern.

Alle, die hier blieben und die auswanderten, alle mussten von neuem beginnen, und das war schwer.

Die Grauner, die auswandern mussten, gingen mit Tränen in den Augen und dem Tod im Herzen!

 

Die Toten werden ausgegraben

Wie schon erwähnt, „konnten“ die Bewohner von Graun im Winter 1949/50 noch in ihren Häusern bleiben. Die endgültige Stauung erfolgte also erst im Jahre 1950.

Durch die Stauung hatten nicht einmal die Toten mehr ihre Ruhe auf dem Friedhof.

Seit 1422 waren die Toten auf diesem Friedhof begraben worden. Zuvor waren sie in Mals begraben worden. Bevor die Toten vom alten Friedhof ausgegraben wurden, musste man alles desinfizieren (Chloroform, Kresole). Nur hartgesottene Burschen konnten diese Arbeit verrichten. Niemand außer den Arbeitern durfte den Friedhof betreten. Die Männer trugen hohe Gummistiefel, Gummihandschuhe und Gasmasken bei der Arbeit.

Die Gebeine der Toten wurden aufgestapelt und auf den neuen Friedhof getragen.

Die Familiengrabstätten um die Kirche herum wurden mit Baggern niedergewalzt. Holzkreuze schwammen bald im Wasser. Kreuze aus Schmiedeeisen und einige Grabsteine kamen auf den neuen Friedhof. Nicht alles wurde gerettet, vieles ging verloren.

 

So z.B. auch ein Grabstein mit folgendem Spruch:

 

 

Hier ruht mein Weib,

Gott sei´s gedankt.

Sie hat ihr Leben lang

mit mir gezankt.

Darum lieber Leser,

rat ich dir,

geh weit von hier

sonst steht sie auf

und zankt mit dir!

 

 

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