Der Untergang von Altgraun

 

Ein Augenzeuge schreibt:

Graun liegt in den letzten Zügen.

Wie bei einem Todkranken stirbt Glied für Glied ab.

Tag für Tag dringt das Wasser weiter vor,

Tag für Tag erdröhnen die Sprengungen,

und sobald sich der Rauch verzogen hat,

ist wieder ein Haus in sich zusammengesunken.

Untergraun ist schon nicht mehr.

Trümmer dort wo einst Häuser standen.

Auch das Schulgebäude ist bereits ein Schutthaufen.

Ihm gegenüber steht noch die Kirche.

An den Häusern die noch stehen,

sind überall die roten Striche zu sehen,

die ankündigten, wie weit das Wasser steigen wird.

 

 Wie wurde vorgegangen

Dann wurden die Zäune niedergerissen, um leichter an die Häuser heranzukommen. Jetzt musste es schnell gehen. Dächer, Fensterstöcke, Türen Vertäfelungen, Holztreppen, Schreine, Tische und vieles mehr wurden von der Montecatini mit Lastwagen weggebracht.

Alles was verkauft werden konnte, an altem Mobiliar usw., wurde von manchen Herren der Montecatini nach Trient, Verona und in die Schweiz teuer verkauft.

Die Häuser wurden zur Sprengung hergerichtet. Man wollte noch retten, was man retten konnte. Doch vieles ging in dieser Zeit auch verloren. Es musste ja alles sehr schnell gehen, denn gleichzeitig stieg das Wasser, kam immer näher...

Wie mit den Menschen umgegangen wurde, erzählt die folgende Geschichte:

Eine Familie in Graun hatte vor der Sprengung ihres Hauses auf 

dem Dachboden alte Möbel vergessen. Sie wollte diese in letzter Minute noch retten.

 

Doch, um ihr eigenes Hab und Gut vom Dachboden noch holen zu dürfen, musste die leidgeprüfte Familie es den Herrn der Fa. Montecatini abkaufen.

 

Sprengungen

 

Innerhalb Juli 1950 wurden alle Häuser, Stallungen, Scheunen, Gasthöfe, die Schule, die Kirche ..... gesprengt.

Den Menschen war furchtbar weh ums Herz, sie mussten  mit ansehen, wie ihr Heimatdorf, Stück für Stück langsam dahinstarb.

Sie sahen ihr Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatten, ein letztes Mal. Es war leer, keine Blume am Fenster.

Diese Fenster blickten wie aus müden traurigen Augen ins Leere. Die Menschen schauten ein letztes Mal zu ihrem Haus, als drückten sie ihm noch einmal die Hand.

In Gedanken gingen sie noch einmal durchs Haus, lebten all die schönen Erinnerungen noch einmal auf, und dann .... ein dumpfer Knall und nur mehr ein Trümmerhaufen!

 

Die Pfarrkirche wird gesprengt

 

Am Sonntag, den 9. Juli 1950 wurde in der Pfarrkirche die letzte hl. Messe gelesen. An Stelle der Seitenaltäre gähnte die Leere der verputzlosen Mauer. Die Orgel war auch schon entfernt worden. Das Harmonium der Schule begleitete den letzten Chorgesang. Herzergreifend waren die Abschiedsworte des Pfarrers von der Kanzel. Viele, sehr viele Leute haben geweint.

Am Nachmittag wurde das Allerheiligste nach St. Anna auf den Hügel oberhalb des sterbenden Dorfes gebracht.

Am Sonntag, den 16. Juli 1950 abends um 8.00 Uhr läuteten die Glocken ein letztes Mal zum Abschied von ihrem alten Graun. Gemeinsam läuteten sie eine halbe Stunde. Anschließend wurde jede Glocke noch alleine fünf Minuten lang geläutet.

Dieser letzte Gruß wird allen Menschen, die dies miterlebt haben, unvergesslich bleiben.

Am 18. Juli 1959 wurden die Glocken vom Turm geholt, in dem sie zum Teil 450 Jahre lang gewohnt hatten.

Am 23. Juli 1950 wollte man die Pfarrkirche sprengen. 100 Bohrlöcher mit Sprengladungen wurden angebracht. Die Kirche fiel jedoch nicht. Nur ein Stück  der Sakristei wurde weggerissen.

 

Der Pfarrer Alfred Rieper sagte dazu immer: „Der liebe Gott wollte nicht, dass die Kirche an einem Sonntag gesprengt würde!“

Vielleicht ist sie deshalb am 23. Juli nicht gefallen? An den darauffolgenden Tagen wurde dann Stück für Stück gesprengt. Vier Tage benötigte man letztendlich.

An dem Sonntag, an dem die Kirche gesprengt werden sollte, kamen viele Menschen und hohe Funktionäre der Firma Montecatini, um dieses „Spektakel“ anzusehen. In Wirklichkeit war es aber ein sehr, sehr trauriges Ereignis. Nur für die Grauner, die es erlebt haben, wird dieses Bild immer in Erinnerung bleiben. Sie haben das nicht vergessen. Ihnen wurde die Heimat geraubt, ihr Allerliebstes zerstört.

Allein der alte romanische Kirchturm, der schon 600 Jahre lang stand, der wurde nicht gesprengt. Das Denkmalamt wollte den Kirchturm als Erinnerung an das alte Dorf Graun erhalten und führte deshalb einen jahrelangen Streit mit der Montecatini.

 

Der Kirchturm und die Glocken von Graun

 

Der Grauner Kirchturm stand schon vor dem Jahre 1357, also ist er auf jeden Fall ca. 650 Jahre alt.

Er wurde vor ca. 400 Jahren umgebaut, ein zweites Mal im Jahr 1727, da bekam er einen höheren Dachstuhl.

Die älteste Glocke stammt aus dem Jahre 1505 und wiegt 2.800 kg. Darauf steht: „Osanna hais ich, alle Wetter wais ich , Hans Selos gos mich anno domini 1505.“

Sie wurde oft bei Gewitter und bei Gefahr geläutet.

Im Jahre 1914 mussten die Grauner 3 Glocken abgeben.  Die Glocken wurden zu Kanonenkugeln umgegossen. Die „olt Glogg“ haben sie auf der Nordseite des Friedhofs vergraben und ein Kreuz darüber aufgestellt. Nach dem Krieg wurde sie wieder ausgegraben.

 

Im Jahre 1941 sollten nach einem italienischen Gesetz alle Glocken abgegeben werden.

Doch die Grauner haben es geschafft, keine einzige Glocke abzugeben.

 

Die alte Glocke konnte bleiben, weil sie ein „Altertum“ war.

Die große Glocke mussten die Grauner nicht abgeben, weil sie ein Grauner, der nach Amerika ausgewandert war, 1926 spendiert hatte.

 

Auf dieser Glocke steht:

 

„Der Heimatgemeinde Graun diese Glocke

als Vergissmeinnicht aus Amerika.

Der schönste Akkord, der zusammenhält

die Söhne der alten und neuen Welt,

der Klang, der über Berge geht,

das ist der Liebe Tat und der Liebe Gebet.“

 

Peter Paul Bernhard

 

Auf der Glocke von 1924 standen die Namen der Gefallenen des 1. Weltkrieges. Deshalb mussten sie diese Glocke nicht abgeben.

Im Jahre 1638 hingen 3 Glocken im Kirchturm. 1727 wurden 2 Glocken ausgetauscht, weil sie nicht zusammengestimmt hatten. 1924 wurde eine Glocke geweiht, auf der die Namen der Grauner Gefallenen des 1. Weltkrieges standen.

 

So haben die Glocken erst bei der Seestauung aus ihrem Turm gehen müssen. Doch heute klingen sie immer noch im neuen Dorf.

 

 

Die Grauner

 

Vor der Seestauung hatte das Dorf knapp 700 Einwohner. Die meisten von ihnen lebten von der Landwirtschaft. Doch daneben gab es auch viele Handwerker: Tischler, Zimmermann, Wagner, Schuster, Schneider, Drechsler, Maurer, Bäcker, Schmied, Weber, Müller, Elektriker, Holzschneider.

Doch alle Handwerker hatten nebenbei auch eine kleine Landwirtschaft. In Graun gab es auch vier Gasthäuser und vier Geschäfte. Einen Arzt und eine Hebamme gab es ebenfalls. Die Grauner waren bekannt wegen ihrer Gemütlichkeit, ihrer Zufriedenheit und wegen ihres Fleißes. Die Nachbarschaftshilfe wurde in Graun großgeschrieben.

 

Nachbarschaftshilfe

 

So hatten einige Familien im Sommer nur eine Kuh im Stall. Die anderen waren auf der Alm. Wenn nun ein Bauer Heu nach Hause fahren musste, (mit der „Mein“) lieh ihm der Nachbar die zweite Kuh. Hatte ein Bauer eine Kuh zum Kalben, so sagte er dem Nachbar Bescheid. Dieser wusste dann, warum er in der Nacht geweckt wurde. Das waren wenige Beispiele der Nachbarschaftshilfe. Doch auch heute noch helfen die Grauner zusammen, und das ist schön so.

 

Zufriedenheit

 

Die Grauner waren mit dem zufrieden, was sie hatten. Sie hatten Arbeit und genug zu essen. Wenngleich die Arbeit mühselig war, so zeigten die Grauner immer Fleiß und Einsatz. Das macht zufrieden.

Stolz waren die Grauner auf ihr Braunvieh, welches auf Ausstellungen oft den 1. Preis gewann. Die Preise wurden über der Stalltür aufgehängt. Bei manchen Bauern war bald kein Platz mehr. Den schönsten Pferden hingegen wurde ein Edelweiß eingebrannt. In Graun gab es viele Pferde mit einem Edelweiß. Und das machte auch zufrieden.

 

Gemütlichkeit

 

Die Grauner saßen gern am Abend vor ihren Häusern und haben ihre Neuigkeiten ausgetauscht. „Panklhukkn“ nannte man das und „Hoangrtn“.

Das Singen und das Musizieren waren großgeschrieben.  Es gab einen guten Kirchenchor und eine Musikkapelle.

Oftmals hat man sich am Abend zusammengesetzt und musiziert. Manche Familie hat vierstimmig gesungen:

Bass, Tenor, Alt und Sopran.

Am Sonntag ist man gemeinsam auf den Grauner Hausberg, auf den „Joggl“ gestiegen und hat zusammen gefeiert. Die Grauner liebten ihr Heimatdorf, und trotzdem mussten sie es leider verlassen

 

Zusammenhalt

 

Was die Heimat für die Grauner war, und wie sie daran hingen, hat sich bei der Seestauung gezeigt. Niemand wollte sie verlassen. Das „Schworz Trinele“ mussten die Carabinieri aus dem im Wasser stehenden Haus mit aller Gewalt herausziehen. Als Grauner die Heimat verlassen mussten, sind immer einige Nachbarn mitgefahren und haben ihnen geholfen.

Noch heute, wenn ein ausgewanderter Grauner stirbt, fahren ein paar Grauner mit dem Pfarrer Rieper zur Beerdigung, egal ob sie weit weg sind oder nahe.

 

 

S schworz Trinali

 

Untrennbar mit dem Untergang von Graun ist die Geschichte vom „Schworza Trinali“ verbunden.

Über 40 Jahre war sie Köchin in der Schweiz gewesen. Nach der Saison kam sie immer nach Hause. Ihren Lebensabend wollte sie ebenfalls zu Hause verbringen. Sie hatte in ihrem Haus viele Bücher und Zeitschriften. Die Menschen konnten bei ihr Bücher ausleihen. Auf einer Ablage waren die Bücher für die jungen Menschen, in einem Schrank mit großen Schubladen lagen die Bücher für die Erwachsenen.

Der Schweizer Naturschutz, der von dem Unrecht in Graun wusste, besuchte die Frau im Oktober 1949, als ihr Haus schon im Wasser stand.

 

Um das Heim zu verlassen, musste sie durch das Fenster kriechen und dann über Bretter zum nahen Hang gehen. Zuvor hatte bei Sprengarbeiten der Montecatini ein Stein das Dach ihres Hauses durchgeschlagen. Den Vertretern des Naturschutzes erklärte sie diesbezüglich folgendes: “Zuerst haben sie mich gesteinigt und jetzt wollen sie mich ersäufen. Aber ich weiche nicht, sondern ziehe in den oberen Stock, wo schon meine Hennen sind. Und wenn das Wasser auch dahin kommt, steige ich in die Dachkammer hinauf.“

Letztendlich wurde sie von den Carabinieri mit Gewalt aus ihrem Haus gezerrt. Dabei musste sie alle ihre Bücher zurücklassen.

Ihre Bücher wurden einfach aus dem Fenster geworfen. Und als ihr Haus dann gesprengt wurde, schwamm ihr Hab und Gut im Wasser herum. Das war das Schlimmste für das „Schworz Trinali.“

Auf der Suche nach der neuen Heimat

 

Die Menschen, die die Heimat verlassen mussten, mussten oft lange suchen, bis sie etwas Neues fanden. Manche mussten Wochen und Monate lang suchen. Wenn sie hörten, dass irgendwo etwas verkauft würde, fuhren sie hin, um es anzuschauen. Oft kamen sie unverrichteter Dinge nach Hause. Manche Bauernhöfe waren für die Grauner auch zu teuer, denn das was sie als Entschädigung bekamen, entsprach keineswegs dem richtigen Wert.

Diese lange Suche war sehr schwer für die Auswanderer. Denn, wer verkauft schon einen Hof? Und zu kaufen gab es nur heruntergewirtschaftete Bauernhöfe. Diese waren manchmal auch schon verlassen. Manche Bauernhöfe waren schon verfallen. Solche Höfe konnten von den Graunern gekauft werden. Natürlich musste hier viel gearbeitet werden. Neue, schwierige Aufgaben warteten auf die Grauner. Doch sie bewiesen, dass sie durch Fleiß und durch ihrer Hände Arbeit es schaffen konnten.

 

Zwei junge Männer suchen ihre neue Heimat

 

Eine Familie war in Untergraun zu Hause. Ein Sohn war in Italien beim Militär. Die Mutter schrieb ihm, dass die Häuser schon im Wasser standen. Sie schrieb ihm aber auch, dass sie in Schluderns einen kleinen Hof gekauft hätten. Die Mutter wollte die Meinung ihres Sohnes wissen. Dieser schrieb nach Hause, dass alles recht wäre, was die Eltern tun würden. Später, als er einmal Urlaub bekam, fuhr der Sohn nach Schluderns. Mit dem letzten Zug kam er dort an. Er fragte eine alte Frau, wo die „Hinausgewässerten“ ihren Hof hätten. Sie beschrieb ihm ungefähr den Weg. Daraufhin begab er sich in Richtung Schludernser Höfe. Als er an den ersten Hof gelangte, schaute er, ob er etwas Bekanntes sah. Doch alles war ihm fremd. Er ging also weiter. Am nächsten Hof war auch nichts. Jetzt begab er sich auf einen anderen Weg. Irgendwann am Morgen sah er einen bekannten Heuwagen. Dort klopfte er an ein Fenster. Seine Mutter öffnete die Tür. Die Freude war groß, als sie ihren Sohn sah, der die ganze Nacht seine „neue Heimat“ gesucht hatte.

Der Mann war der „Riigler Honzepp.“

Ein anderer junger Mann hieß Warger Karl Paul.

Er studierte zur Zeit des Untergangs von Altgraun in Meran. Seine Familie war in Arlund zu Hause. Die Mutter hatte ihm geschrieben, dass sie in Schlinig einen Hof gepachtet hätten. Nach Schulschluss fuhr der junge Mann zu seinen Eltern. Er musste von Mals nach Schlinig zu Fuß gehen. Damals hatten nur wenige ein Auto. Als der junge Mann mit seinem Koffer so des Weges ging, holte ihn ein älterer Mann ein. Dieser fragte ihn: „Junge, wohin des Weges?“ Der junge Mann antwortete: „Wir haben unsere Heimat verloren und meine Eltern wohnen jetzt in Schlinig.“

Der ältere Mann hatte mit dem Jungen Erbarmen. Er nahm seinen Koffer, trug ihn bis nach Schlinig und zeigte ihm, wo seine Eltern wohnten. So wie diesen beiden Männern erging es noch vielen anderen auch. Manch einer kam aus der Gefangenschaft aus Russland zurück und fand kein Heimatdorf mehr vor. Es war nicht mehr. Und dies wegen des „Fortschritts“, der Stromerzeugung. Ein sehr fragwürdiger Fortschritt.

 

Die neue Heimat

 

Immer wenn eine Familie wegzog, begleitete sie ein Nachbar und half ihr in der ersten Zeit. Ein Bauer aus Graun hatte sich beim Kauf des Hofes nur die Felder angesehen, nicht aber das Bauernhaus. So fuhr seine Familie mit dem Lastwagen der Montecatini zur neuen Heimat. Als sie dort ankam, stellte sie fest, dass man mit dem Lastwagen nicht bis zum Haus fahren konnte. Nur ein Steig führte zum Haus. So musste alles auf Schlitten verladen und zum Haus gezogen werden. Als sie das Haus betraten, konnten sie den Himmel sehen. Das Haus war armselig beieinander. Es regnete und das Wasser kam bis in das Erdgeschoss. Die Frau und die Kinder blieben in der armseligen Hütte und suchten sich ein trockenes Plätzchen zum Schlafen. Der Bauer und der Nachbar fuhren wieder nach Hause, um den Rest abzuholen. Doch in Mals sagten die Herren der Montecatini, dass sie heute nicht mehr nach Graun fahren würden. So mussten die beiden Männer zu Fuß bis Graun im strömenden Regen gehen.

Dies ist die Geschichte eines Grauners. Doch so, oder ähnlich erging es vielen anderen auch.

Ein anderer Bauer konnte auf seinem „neuen“ Hof zuerst nur 4 Stück Vieh halten. Durch harte Arbeit, durch Fleiß, durch Einbau einer Bewässerung konnte er im Laufe der Zeit 40 Stück Vieh halten, ohne dass er noch Wiesen und Äcker dazugekauft hatte. Ebenso hat er ein neues Bauernhaus errichtet.

Der Fleiß der ausgewanderten Grauner war bekannt. Alle waren strebsam und hatten nur Zeit für ihre Arbeit. So hieß es z.B. bei einem Grauner:

„Däir hott et amoul zun prunzn Zait, däir tuaat schpringatr prunzn.“

 

 

Der letzte Wunsch eines Grauners

 

Eine Familie aus Graun wanderte ins Nonstal ab. Nicht lange danach wurde der Vater schwer krank. Das Heimweh hatte ihn krank gemacht. Und so musste er nach kurzer Zeit ins Krankenhaus nach Meran. Dort besuchte ihn der Krankenhauspfarrer. Diesen bat er um die Erfüllung eins letzten Wunsches: „Bitte Herr Pfarrer, gehen Sie hinaus auf die Straße und fragen Sie alle Leute, die des Weges kommen, ob jemand aus Graun ist. Wenn Sie einen gefunden haben, bitten Sie ihn, er möchte zu mirkommen. Ich möchte vor dem Sterben noch einmal einen Grauner sprechen hören.“ Der Pfarrer hatte verstanden, dass es der Mann ernst meinte, ging hinaus vor das Krankenhaus und fragte die Menschen, woher sie kämen. Dabei hatte er tatsächlich einen Grauner gefunden. Die beiden gingen zu dem Kranken hinein. Der Grauner musste dem Kranken von der Heimat erzählen, vom geliebten Graun. Dabei hielt der Kranke die Augen immer geschlossen und war mit seinen Gedanken zu Hause.

Zum Schluss bedankte er sich herzlich mit den Worten: „Jetzt will ich gern sterben.“ Und es dauerte nicht mehr lange, bis er gestorben war. Dies ist die Geschichte vom letzten Wunsch eines ausgewanderten Grauners.

 

Der Preis für den Fortschritt

 

-         6 km ist er heute lang, der Reschen Stausee .

-         10 km² ist er groß .

-         120 Millionen m³ beträgt die Wassermenge im Staubecken.

-         250 Millionen KWh Strom werden jährlich bei Schluderns erzeugt.

-         170 Häuser wurden gesprengt.

-         120 bäuerliche Betriebe verloren ihre Existenzgrundlage.

-         1000 Menschen waren von der Katastrophe betroffen.

-          

Die Seestauung brachte für die gesamte Gemeinde Graun große Verluste. Verluste, die nie mehr zu bezahlen sind, die nicht rückgängig gemacht werden können. Einerseits gingen Felder und Wiesen durch Enteignung bei der Seestauung verloren. Weiter wurden dadurch viele Menschen ihrer Arbeitsplätze beraubt.

Ganz abgesehen von der Zerstörung der Landschaft, und des Landschaftsbildes. Jedes Jahr im Frühling, wenn das Becken leer ist, sieht das Gebiet des Staubeckens wie eine Wüste aus. Der Sand wird vom Wind in die Dörfer getrieben, Staubwolken wirbeln durch die Luft. Das schönste Seengebiet Südtirols, umrahmt von Wiesen, Almen und Bergen, wurde zerstört. Diese Zerstörung ist durch nichts mehr zu ersetzen und zu bezahlen.

Und die Daheimgebliebenen wurden jedes Jahr an die schreckliche Zeit von 1949/50 erinnert. Sie kehrt immer und immer wieder, wird bis zum Tod nicht vergessen werden.

Mag der Kirchturm im Sommer auch noch so schön aus dem Wasser ragen,

doch, wovon er erzählt, liegt begraben in den Fluten.

 

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