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Lern- und Verhaltensstörungen an Grund- und Mittelschulen
  

Petra Gehrmann: Lern- und Verhaltensstörungen an Grund- und Mittelschulen in der Autonomen Provinz Bozen- Südtirol -Bozen: Pädagogisches Institut und Deutsches Schulamt 2004. -156 S.

Im Schuljahr 2001/2002 endete die dreijährige wissenschaftliche Untersuchung in den Bereichen Lern- und Verhaltensstörungen an deutschen Grund- und Mittelschulen. Im Februar 2003 wurden die Ergebnisse bei einer Tagung vorgestellt. Nun liegt die Untersuchung in Form eines Buches vor, herausgegeben vom Pädagogischen Institut und der Dienststelle für Gesundheitserziehung, Integration und Schulberatung am Schulamt.

Zwischen Anforderung und Erwartung

Aus der Sicht der Schulverwaltung waren folgende Überlegungen für die Durchführung der Studie ausschlaggebend: Die Schule befindet sich durch Autonomie und Schulreform in einem ständigen Erneuerungsprozess.

Die Förderung aller Schülerinnen und Schüler steht im Vordergrund, und zwar sowohl jener mit Schwierigkeiten als auch jener mit besonderen Begabungen.
Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich oft überfordert, wenn sie den vielen Ansprüchen gerecht werden wollen.

Forderungen nach zusätzlichem Personal, Beratungsangeboten bei den schulischen Beratungsdiensten werden laut. Lehrerinnen und Lehrer müssen in ihrer komplexen Arbeit unterstützt werden. Es gilt:

  • gemeinsam nach pädagogisch-didaktischen Möglichkeiten zu suchen, um in den vielfältigen und oft schwierigen Unterrichtssituationen kompetent intervenieren zu können;
  • gemeinsam mit den Lehrpersonen verschiedene Organisationsformen des Unterrichts zu reflektieren, didaktische Modelle umzusetzen und die an den Schulen vorhandenen Ressourcen zu nutzen;
  • wissenschaftlich evaluierte Maßnahmen und Formen der Weiterbildung vor Ort auch an andere weiterzugeben;
  • die wissenschaftliche Untersuchung als Teil des Schulentwicklungsprozesses zu sehen, da gerade in einer autonom gestalteten Schule die individuelle Förderung einen wesentlichen Bestandteil der Qualität von Schule und Unterricht darstellt.

Die Zielsetzungen der Studie

Die Zielsetzungen für die Untersuchung im Bereich so genannter Lern- und Verhaltensstörungen waren folgende:

  • Erfassung von vorhandenen Lern- und Verhaltensstörungen in den Schulen,
  • Vergleich zwischen den tatsächlichen und den von den Lehrpersonen wahrgenommen Situationen in Bezug auf Lernschwierigkeiten und Verhaltensstörungen,
  • Sensibilisierung der Lehrpersonen in Bezug auf die beiden oben genanten Phänomene unter Berücksichtigung der eigenen Anteile an der Entstehung und Festschreibung der Störungen,
  • Erweiterung des Handlungsrepertoires der Lehrpersonen sowohl in Bezug auf den Umgang mit Störungen als auch in Bezug auf die Intervention bei entstehenden Schwierigkeiten,
  • Entwicklung von Maßnahmen und Vorgangsweisen, die auch auf andere Schulen übertragen bzw. in anderen Schulen angewandt werden können.

Geleitet wurde die Untersuchung von Petra Gehrmann, die zurzeit an der Universität Bielefeld lehrt. Zur wissenschaftlichen Bearbeitung der festgelegten Zielsetzungen wurden sowohl quantitative als auch qualitative Untersuchungsmethoden und Testverfahren heranzogen, die sehr ausführlich beschrieben werden.

Ergebnisse sind Denkanstöße und Entwicklungschancen

Wer die Studie genau durchliest, kann daraus interessante Erkenntnisse und Entwicklungen entnehmen. Es stimmt nachdenklich, wenn sich zum Beispiel feststellen lässt,

  • dass sich Lehrerinnen und Lehrer der Grundschule in Bezug auf die sozialen Prozesse in der Lerngruppe und die individuelle Persönlichkeitsentwicklung einzelner Kinder eher in der Verantwortung fühlen als Lehrerinnen und Lehrer der Mittelschule,
  • dass Akzeptanz und Anerkennung in der sozialen Gemeinschaft einer Lerngruppe direkten Einfluss auf die Lernmotivation und Lernbereitschaft haben,
  • dass insbesondere Fachlehrerinnen und -lehrer deutliche Abgrenzungsbedürfnisse gegenüber Aufgaben der sozialen Erziehung zeigten,
  • dass Grundschulen weniger Gebrauch von außerschulischen Beratungs- und Unterstützungsangeboten zu machen scheinen …

Die Autorin fasst die Ergebnisse in zwölf Thesen zusammen und ordnet diese den drei Schwerpunkten der Untersuchung zu: Lehrereinstellungen, Rahmenbedingungen, Fortbildungen bzw. Interventionen bei Lern- und Verhaltensstörungen.

Es bedarf einer langfristigen und kontinuierlichen Begleitung der Schulpraxis, um die Sensibilität für sozialpsychologische Zusammenhänge weiterzuentwickeln. Insbesondere die Notwendigkeit innerschulischer und unterrichtlicher Interventionen und die einer stärkeren Kooperation zwischen Schule und Diensten sollte im Rahmen der Fortbildung vermittelt werden.

Veronika Fink


© Pädagogisches Institut Bozen
Zuletzt aktualisiert am 11.06.2007