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Neue Medien erobern die Welt – und die Schule
 

Die Menschheit schreitet im Kind über den Erzieher hinaus fort. Dies bezeichnet dem erzieherischen Anspruch die Grenze, die allem scheinbar gesicherten Wissen durch eine offene Zukunft gesetzt ist. (Susanne Popp: Der Daltonplan in Theorie und Praxis)

Dieser Aussage kommt speziell im Zusammenhang mit den Neuen Medien und aktuellen medienpädagogischen Fragen eine enorme Bedeutung zu. Kommunikations- und Informationstechnologien bringen eine zeitlich rasante Entwicklung mit sich, wie sie die Menschheit bisher noch nicht erlebt hat und die nicht unbedingt nur aus einem positiven Blickwinkel betrachtet werden kann.

Der Umgang mit Computern im Alltag ist selbstverständlich, zum Standard geworden, auch wenn dies häufig nicht bewusst ist: vom Handy zum Bankomaten, von der Waschmaschine zum Navigationssystem im Auto.


Überlegen Sie mal, wo überall computergesteuerte Technik in Ihrem eigenen Umfeld im Einsatz ist. Sie werden staunen!

Durch die Computertechnologie findet aber nicht nur eine Automatisierung menschlicher Handarbeit statt, auch der Einfluss auf geistige Tätigkeiten wird immer stärker. Das Zusammenspiel zwischen menschlichem und von Menschen an Maschinen delegiertem Wahrnehmen, Denken und Erkennen eröffnet unzählige neue Möglichkeiten. Die Neuen Medien und dazugehörigen Technologien ermöglichen die Schaffung von neuen Erfahrungsräumen und Erlebnismöglichkeiten, die vorher nicht vorhanden waren. Alle Medien haben dies immer schon getan, sie bewirken grundlegende soziokulturelle Veränderungen.

Wichtiges Ziel: eine angemessene Medienerziehung

Wie wird die Welt in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren aussehen? Welche Rolle werden die Medien dann spielen – und brauchen wir dann noch, oder dann erst recht, eine Medienpädagogik? Niemand kann diese Fragen genau beantworten, aber es lassen sich doch einige Trends zeichnen, Vermutungen anstellen.

Wie schwierig Vorhersagen sind, wird an der Entwicklung des Internets deutlich: Für Kinder und Jugendliche gehört es heute zum Alltag, vor dreißig Jahren wurde es aber in fast keiner der Technik- und Medienprognosen erwähnt. Vielleicht gibt es ja in einigen Jahrzehnten wieder eine neue Technologie, ähnlich dem Internet, die wir uns heute kaum vorstellen können, die aber ebenfalls stark in das gesellschaftliche Leben eingreifen wird.

In diesem Lichte gewinnt ein Bildungsbegriff an Bedeutung, der auf die von Medien geprägte Gesellschaft hin ausgerichtet ist. Bildung und Erziehung sollten jedem Mitglied der Gesellschaft Autonomie und Kompetenz für eine konstruktive Auseinandersetzung mit den medientechnologischen Herausforderungen ermöglichen. Selbstbestimmtes und kompetentes Handeln werden die wesentlichen Bedingungen der Zukunft sein. Die Schule muss sich diesen Herausforderungen stellen und ihrer Aufgabe einer angemessenen Medienerziehung gerecht werden. Dabei sind vier Bereiche von großer Bedeutung:

  • Mediennutzung
  • Medienkunde
  • Mediengestaltung
  • Medienkritik

Diese Bereiche bilden das Fundament für eine sinnvolle Nutzung der Medien allgemein und der Neuen Medien im Besonderen. Auf dieser Basis muss die Schule Konzepte entwickeln, welche für Kinder und Jugendliche für ihr späteres Leben von Bedeutung werden.

Mediennutzung und Medienkritik

Lehrpersonen, besonders in höheren Schulstufen, müssen sich immer häufiger mit der Situation auseinander setzen, dass ihnen nicht wenige Schülerinnen und Schüler besonders in der Mediennutzung, der Mediengestaltung und der Medienkunde überlegen sind. Aufgrund der rasanten Entwicklung erleben sie die Grenzen ihres inneren Anspruches, für ihre Schülerinnen und Schüler eine wesentliche Rolle in der Wissensvermittlung zu spielen.

Den Schülerinnen und Schülern fehlt aber meist die Kompetenz der Medienkritik, und gerade hier liegt eines der wichtigsten Ziele der schulischen Medienerziehung: Lehrpersonen können ihren Erfahrungsvorsprung beim Erkennen, Beschreiben, Bewerten virtueller Medienrealitäten einsetzen und helfen Schülerinnen und Schülern, ihr erworbenes medienkritisches Wissen auf die eigenen Handlungen und (Medien-) Äußerungen zu beziehen, also medienkompetent zu werden.

Deshalb müssen Medienerziehung und Medienbildung in der heutigen Schulwelt sicher auch weiter gehen als ein „Computer-Führerschein“ oder ein „Internet-Führerschein“, mit denen vielfach ein Konzept verbunden ist, das sich auf mechanische Bedienungsfähigkeiten und die Schulung im Bedienen bestimmter Software beschränkt.

Medienerziehung kann nicht nach traditionellen Instruktionskonzepten vermittelt werden, und Medienkompetenz lässt sich nicht mittels Einführung eines eigenen Fachs garantieren, sondern nur durch ein fächerübergreifendes didaktisches Leitkonzept, das in den normalen Unterrichtsalltag integriert wird.

Die „Medienkluft“ überwinden

Eine weitere wichtige Aufgabe der Schule ist die Überwindung der so genannten „Medienkluft“. Es gibt Kinder und Jugendliche, die in ihrem familiären Umfeld wenig oder keinen Zugang zu einem Computer haben und somit auch keine außerschulischen Lernerfahrungen in diesem Bereich sammeln können.

Diesen Schülerinnen und Schülern muss die Schule entsprechende Möglichkeiten bieten, diese Erfahrungen machen zu können und in allen Teilbereichen entsprechende Fähigkeiten und schließlich Kompetenzen zu erwerben.

In der Schule Südtirols hat sich in den letzten zehn Jahren sehr viel im Bereich der Neuen Medien getan, begonnen bei der Ausstattung bis hin zu Pilotprojekten im Kindergarten und Projekten und verschiedenen Tätigkeiten in allen Fächern und allen Schulstufen: zum Beispiel Arbeit mit CDs, Konstruktion von Hypertexten, Schülerzeitungen, erste Erfahrungen mit Programmieren von Robotern bereits in der Grundschule und vieles andere mehr. Auch das Internet wird vermehrt im Unterricht aller Schulstufen genutzt, wobei hier von der technischen Seite der Verbindungen her sicherlich noch Lösungen zu finden bzw. Verbesserungen anzustreben sind, um allen Klassen aller Schulstufen einen Internetzugang zu ermöglichen.

Damit das Lernen mit Neuen Medien insgesamt mehr und mehr dem Paradigma des Neuen Lernens mit Medien gerecht wird, ist es in der pädagogischen Diskussion immer wieder notwendig, darüber nachzudenken, was Lernen heißt und was die Neuen Medien zur Qualität des Lernens beitragen können. Ihr Einsatz muss sowohl unter dem Gesichtspunkt der Kosten gerechtfertigt sein als auch durch eine fundierte Antwort auf die Frage: Was kann ich mit den Neuen Medien mehr und besser machen als mit traditionellen Verfahren, Medien und Materialien?

Und ganz im Sinne von Martin Wagenschein: Kann ich begründen, warum ich mit meinen Schülerinnen und Schülern etwas Bestimmtes lerne, oder fülle ich nur, beharrend auf unreflektierten traditionellen Abläufen, einen inhaltlichen Teil?

Dabei sollten wir uns immer wieder das Anfangszitat ins Bewusstsein rufen: „Die Menschheit schreitet im Kind über den Erzieher hinaus fort“. In der Offenheit für die Zukunft liegt unter Berücksichtigung der Medienbildung eine Chance für die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen auf dem Weg in ihre Zukunft. Vielleicht hilft uns dabei auch immer wieder das Nachdenken über die Frage: Wo würden wir heute stehen, wenn jede vorherige Generation sich zukünftigen Entwicklungen verschlossen hätte?

Marta Herbst & Christian Laner


© Pädagogisches Institut Bozen
Zuletzt aktualisiert am 11.06.2007