Lernen mit Kopf, Herz, Hand und Fuß
von Hans Peter Lercher
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In der Schulwelt geistern seit Jahren die Kürzel ADS, ADHS und ADD herum und die entnervten Lehrer und Eltern rufen gleich nach dem Psychologen. Doch das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Syndrom und das attention deficit disorder sind kein unabwendbares Schicksal; ihnen kann mit recht einfachen Mitteln begegnet werden. Wie? Das weiß kaum jemand besser als der Sportpädagoge Dieter Breithecker von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e.V. In Wiesbaden. Vor kurzem war er am Realgymnasium Bruneck zu Gast.
Dabei präsentierte der Experte keine weltbewegenden Neuigkeiten, sondern altbekannte Tatsachen, die aber im Fortschrittswahn leider vergessen worden sind. Breitheckers Ausgangsthese lautet folglich ganz simpel: "Eine ausgewogene körperliche, geistige und seelische Gesundheit beruht auf der anthropologischen Vorannahme: Der Mensch ist ein Bewegungswesen!" Folglich ist der Mensch, und vor allem nicht der Schüler, nicht zum stundenlangen Stillsitzen geschaffen. Laut World Health Report aus dem Jahr 2002 sind 51 Prozent der Menschen pro Woche weniger als 2,5 Stunden körperlich aktiv! Die Folgen betreffen mehr als nur den Rücken und das Körpergewicht; Breithecker: "Fehlsteuerungen der Sinneskoordination sind auf die heute vorherrschende sitzende Beschäftigung in Schule, Ausbildung und Freizeit ebenso zurückzuführen wie auch die einseitige Nutzung von elektronischen Medien. Hierdurch kommt es zu einer einseitigen Stimulierung des Seh- und Hörsinns, während andere Sinne und hier insbesondere das Tasten sowie die Sinne, die für das Körper- und Bewegungsgefühl verantwortlich sind, vernachlässigt werden." Die schwerwiegenden Folgen sind Bewegungspassivität, Wahrnehmungsschwächen, geringer Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft, Haltungsauffälligkeiten, Ängstlichkeit, Gehemmtheit, motorischer Unruhe und Aggressivität, Übergewicht und anderen Zivilisationskrankheiten. Folglich gilt es, diesen Fehlentwicklungen mit kindgerechten, sinnstiftenden Bewegungs- und Gesundheitskonzepten entgegen zu wirken.
"Use it or lose it!"
Denn in der Kindheit ist die neuronale Plastizität am höchsten und wird in starkem Maße über die Bewegung beeinflusst. Einfacher gesagt: Die Bewegung ist Grundlage der Hirnreifung, gemäß dem Motto: "Use it or lose it!" Durch die permanente Aktivierung des Bewegungsapparats werden die Hirnareale beansprucht, neurotrope (nervenzellschützende) Stoffe ausgeschüttet, die wiederum die Verschaltung und Erhaltung neuronaler Strukturen gewährleisten und den Nervenstoffwechsel fördern. Dieser Einfluss lässt sich auch messen: Laut Breithecker steigert schon mäßige Bewegung die Gehirndurchblutung um 13,5 Prozent und folglich auch die Hirnleistung und das allgemeine Wohlbefinden. Auf die Schule bezogen, reicht es deshalb zunächst schon, die Schüler gelegentlich zu animieren, Grimassen zu schneiden, mit ihren Stühlen zu wippen (ohne umzukippen und sich das Genick zu brechen), auf Gymnastikbällen zu wippen und Kaugummi zu kauen. Für fortgeschrittene Schüler gibt es selbstverständlich Anspruchsvolleres: Sie können ihr Lernen mit selbst organisiertem Lernen, Freiarbeit, Wochenplanarbeit, Projektlernen und ähnlichem aktiv selbst verwalten und ihr Lernen durch vielfältige eigene Erfahrungen potenzieren - gemäß der Lehre von Jean Piaget, wonach die motorische Aktivität das Instrument ist, um die Umwelt wahrzunehmen und zu erfahren. Breithecker: "Das neugiergesteuerte Verhalten bringt das wachsende Gehirn des Kindes immer wieder aus seiner Balance, wodurch es immer wieder gefordert ist, sich neu zu strukturieren. Die Voraussetzung ist aber, dass Kinder Gelegenheiten brauchen, ihre Aktivitäten selbst zu planen und zu gestalten."
Rhythmisierung des Unterrichts
Hilfe bietet die "Bewegte Schule":Was ist darunter zu verstehen? Breithecker: " Schule in Bewegung bringen heißt konkret: Schule verändern durch eine kind-, lehrer- und lerngerechte Rhythmisierung des Unterrichts, durch bewegtes und selbsttätiges Lernen, durch bewegte Pausen, durch bewegte und beteiligende Organisationsstrukturen, durch Öffnung der Schule nach außen, durch vernetztes Denken - getreu dem Motto: `Lernen mit Kopf, Herz, Hand und Fuß.` In einer `Bewegten Schule` muss mehr passieren als nur eine verstärkte körperliche Aktivität der Schülerinnen und Schüler: Es geht darum, die innere Bewegung zu aktivieren, denn innere Bewegung geht äußerer Bewegung voraus. Diese Bewegung muss alle erreichen, vor allem die Lehrerinnen und Lehrer, um das System Schule in Bewegung zu bringen."
Räume als "heimliche Lehrmeister"
Jugendlichen besser zu entsprechen. Das zu ändern ist freilich nicht einfach. Der Wechsel der Wechsel der Arbeitsformen und -orte lässt sich hingegen leichter bewerkstelligen, ebenso das regelmäßige Lüften der Klassen, das die die Konzentration steigert.
Weil Räume "heimliche Lehrmeister" sind, sind ergonomisch akzeptable Schulen und Klassen überaus wichtig; Breithecker: "Schon ein lieblos oder liebevoll eingerichteter Klassenraum kann dem Schüler signalisieren, wie wichtig er genommen wird, und kann so sein Lernen beeinträchtigen und fördern. Wir stehen in Beziehung zu einem Raum, der unser Handeln unterstützt - oder auch nicht. In Schulen braucht es folglich Nischen, Lerninseln, Ecken und flexible Klassenzimmer; ebenso müssen die Akustik, die Farben und alles andere passen, damit insgesamt gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen für Schülerinnen und Lehrkräfte herrschen. In der Schweiz zum Beispiel sind höhenverstellbare Tische Pflicht. Auch die Außenräume und Freiräume müssen so gestaltet sein, dass Spiel, Erholung, Ruhe, Kommunikation möglich sind." Der Montessori-Pädagoge Franz Hammerer hat es so gesagt: "Schulbauten und Klassenräume sind eine in Beton gegossene Antwort auf die Vorstellung, wie sich Erwachsene das Lernen und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in der Institution Schule vorstellen." Dem ist wenig hinzuzufügen.
Download der Präsentation zur Tagung hier!

Der Referent Dr. Dieter Breithecker, Leiter der "Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V." aus Wiesbaden