Wissen und können - aber auch tun!
von Hans Peter Lercher
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In der Zukunft kommt es weniger darauf an, möglichst vieles zu wissen; man muss mit diesem Wissen in der Praxis auch etwas anfangen können. Das Zauberwort heißt Kompetenz. Auch die Südtiroler Schulen bewegen sich im Zuge der Schulreform in diese Richtung; das Realgymnasium Bruneck veranstaltete am 11. November seinen Pädagogischen Tag und lud zwei deutsche Experten ein, die über das Thema "Kompetenzorientierung - eine neue (Handlungs-)Perspektive für den Unterricht?" referierten.
Lars Holzäpfel und Andreas Schulz forschen und lehren an der Pädagogischen Hochschule Freiburg; spezialisiert sind sie auf die Didaktik der Mathematik und Informatik. In ihrer Einleitung wiesen sie darauf hin, dass im zunehmend rauer werdenden Klima der globalisierten Welt (Bildungs-)Politiker immer häufiger nach einem "effizienteren Bildungssystem" rufen. Gefordert werden etwa einheitliche(re) Bildungsstandards, die die Ausbildungswege in allen Ländern verbessern und vergleichbarer machen sollen. In den USA ging man schon vor 20 Jahren daran, flächendeckende Tests ("High Stakes Tests") für alle Schüler auszuarbeiten. Im deutschsprachigen Raum sind solche Tests bislang nicht vorgesehen, weil sie auch unerwünschte Effekte haben können. Wie auch immer: Die Internationale Vergleichsstudie PISA, bei der manche Industrienationen nicht so toll abgeschnitten haben, brachten die Vergleichbarkeit der nationalen Schulsysteme erneut aufs Tapet. Für Lars Holzäpfel und Andreas Schulz ist die Notwendigkeit neuer Ansätze zur Sicherung der Qualität in Bildungssystemen durchaus gegeben; das Problem ist aber zum einen die Definition von Bildungszielen und zum anderen die Umsetzung und Messung, ob die angepeilten Ziele erreicht worden sind.
Probleme lösen
Beim Seminar in Bruneck gaben sie der versammelten Lehrerschaft des Realgymnasiums Informationen über den theoretischen Hintergrund von "Kompetenzorientierung". Unter "Kompetenz" versteht die Forschung "die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können" (Weinert, 2001). Es werden also Wissen, Fertigkeiten, Fähigkeiten und Einstellungen in den Blick genommen, die in variablen Problemlöse-Situationen zur Anwendung kommen. Die Wissenschaftler lieferten aber nicht nur Theorie, sondern auch viele Beispiele, wie sich der kompetenzorientierte Unterricht vom traditionellen Unterricht unterscheidet. Während der traditionelle Unterricht mehr auf Wissensvermittlung achtet und dieses Wissen systematisch prüft, legt die kompetenzorientierte Unterrichtskultur mehr Wert auf die Anwendung und Umsetzung der erworbenen Fähigkeiten.
Tanken in der Schweiz
Ein Beispiel für kompetenzorientierten Unterricht aus der Mathematik: "Herr Stein wohnt in Müllheim, einer deutschen Stadt, 20 Kilometer von der Grenze zur Schweiz entfernt. Er fährt mit seinem VW Golf zum Tanken in die Schweiz, wo sich direkt hinter der Grenze eine Tankstelle befindet. Dort kostet der Liter Benzin nur 1,01 Euro - im Gegensatz zu 1,26 Euro in Müllheim. Lohnt sich diese Fahrt für Herrn Stein? Begründen Sie Ihre Antwort!" Die Schüler müssen bei der Lösung dieser Aufgabe ihre mathematischen Kenntnisse nutzen, aber auch auf ihr "Weltwissen" zurückgreifen. Denn dieses Problem ist keinesfalls ein rein mathematisches, sondern es umfasst viele weitere Fragen: Wir groß ist der Tank des Golf? Welchen Golf fährt Herr Stein? Wie fährt er? Wie groß ist der Zeitaufwand für diese Fahrt Welchen Beruf hat er? Wäre es sinnvoller, wenn er stattdessen arbeiten würde? Ist die Tank-Fahrt eine Extra-Fahrt oder hat Herr Stein in der Schweiz auch noch was anderes zu erledigen? Wie hoch sind die zusätzlichen Kosten (Autoabnutzung, Öl, Batterie...)? Was ist mit möglichen Staus an der Schweizer Grenze, was mit den Polizeikontrollen (an der Schweizer Grenze wird nach wie vor kontrolliert)? Wie hoch ist die Unfallgefahr, wie groß die Umweltverschmutzung? Kurz: Die Aufgabe ist komplexer als gedacht; die Schüler können bei dieser durchaus praktischen Aufgabe ihr ganzes Wissen anwenden.
Allerdings ist es nicht gerade einfach, den ganzen Unterrichtsstoff in solche praktisch orientierten Aufgaben zu packen; aber das ist nach Ansicht der beiden Experten auch gar nicht nötig. Die Umstellung kann Schritt für Schritt erfolgen. Klar ist auch nicht unbedingt, wie eine "gute Aufgabe" überhaupt aussehen sollte: "Die Frage, wann eine Aufgabe eine `gute` Aufgabe ist, lässt sich nicht so einfach beantworten, weil in einem lebendigen Unterricht aus jeder noch so unscheinbaren Aufgabe durch Variation von Inhalten und Fragestellungen sowie eine geschickte Einbettung in einen ansprechenden Kontext durch die Lehrkraft ein beachtlicher Lernzuwachs gelingen kann. Es kommt also nicht nur darauf an, möglichst `gute` Aufgaben zu finden, sondern die Art des Umgangs mit den Aufgaben ist letztlich entscheidend für den Lernerfolg" (Bruder 2008).
"Scientific Literacy"
Im Zuge der Umstellung zum kompetenzorientierten Unterricht geht es auch darum, die erworbenen Kompetenzen angemessen zu überprüfen. Voraussetzung sind auch einheitliche Bildungsstandards und einheitliche Bildungsziele auf allen Ebenen, angefangen bei der Reflexion der eigenen Unterrichtsgestaltung durch die Lehrer. Allgemeine Bildungsziele etwa im Bereich Naturwissenschaften könnten so aussehen: Die "Scientific Literacy" besteht darin,
- naturwissenschaftliches Wissen anzuwenden, um Fragestellungen zu erkennen, sich neues Wissen anzueignen, naturwissenschaftliche Phänomene zu beschreiben und aus Belegen Schlussfolgerungen zu ziehen
- die charakteristischen Eigenschaften der Naturwissenschaften als eine Form menschlichen Wissens und Forschens zu verstehen
- zu erkennen und sich darüber bewusst zu sein, wie Naturwissenschaften und Technik unsere materielle, intellektuelle und kulturelle Umwelt formen.
Die allgemeinen Bildungsziele für die Sprachfächer hat der Europarat so definiert (Interkulturelle kommunikative Kompetenz - ICC):
- EuropäerInnen mit Rüstzeug auszustatten für die Herausforderungen verstärkter internationaler Mobilität und engerer Zusammenarbeit
- Verständnis und Toleranz für kulturelle Vielfalt
- Reichtum und die Vielfalt des kulturellen Lebens in Europa erhalten und weiterentwickeln
- ununterbrochene lebenslange Bemühungen sind notwendig
- Vorbereitung auf demokratische Staatsbürgerschaft: "die Unabhängigkeit des Denkens, des Urteilens und des Handelns zusammen mit sozialen Fähigkeiten und Verantwortungsbewusstsein stärken".
Für das Erlernen von Fremdsprachen wurden bereits konkrete Bildungsziele ausgearbeitet; über die Niveaustufen gibt es breiten Konsens. Beschrieben wird eine Globalskala (Verstehen, Sprechen, Schreiben), der Wortschatz, die Grammatik, die Aussprache, die Orthografie, die soziolinguistische Angemessenheit, die Flexibilität und die Flüssigkeit und Genauigkeit bei der Rede.
Nachhaltiges Lernen
Die Lehrer des Realgymnasiums waren skeptisch, was die flächendeckende Umsetzung solcher Standards angeht; sie befürchteten etwa einen den höheren Zeitaufwand und sie hielten die kompetenzorientierte Unterrichtskultur eher geeignet für die lernstarken Schüler, nicht aber für die lernschwachen Schüler. Zudem werde die Notengebung erschwert, da man Kompetenzen nicht ohne weiteres schwarz auf weiß belegen könne. Und auch die Schulbücher müssten erst alle umgeschrieben werden. Aber Lars Holzäpfel und Andreas Schulz konnten die Lehrer beruhigen: Das Ziel des kompetenzorientierten Unterrichts sei die Förderung des nachhaltigen Lernens (aktive statt passive Aneignung von Wissen), es geht also nicht mehr um das oberflächliche Abarbeiten von Aufgaben. Die kompetenzorientierte Unterrichtskultur werde, wenn überhaupt, schrittweise eingeführt werden; sie erlaube sehr wohl die Differenzierung zwischen starken und schwachen Schülern. Zudem müsse jede Schule selbst überlegen, was sie mit diesem neuen Ansatz anfangen könne, was zur Schule passe und was nicht. Klar sei auch, das diese Umstellung nur in Teamarbeit erfolgen könne. Klar scheint immerhin eines: Der Unterricht könnte durch den kompetenzorientierten Unterricht nur gewinnen.
Die nachfolgenden Bilder zeigen einige Szenen des Tages.