Das Leben auf der Straße – ein täglicher Existenzkampf

Es regnet. Der Himmel ist überfüllt mit schwarzen Wolken und die Straßen sind verwüstet. Es ist 22.00 Uhr, meine Kleidung ist durchnässt und ich laufe zum U-Bahnhof, um nach Hause zu fahren. Dort angekommen, werde ich auf einen Jungen aufmerksam, der im atemberaubendem Tempo durch den U-Bahnhof schreit: „Ich lebe auf der Straße und verkaufe Straßenzeitungen. Möchten Sie eine kaufen?“ Er wird jedoch von allen Menschen ignoriert. Sein Name ist Jonas und ich kaufe eine seiner Zeitungen. Ich frage ihn, wie er auf der Straße gelandet sei. Er zögert, antwortet jedoch: „Ich bin hier auf der Straße aufgewachsen. Meine Mutter ist schon früh gestorben und mein Vater und meine Verwandten leben außerhalb von München. Ich war schon in verschiedenen Zentren für Straßenkinder, bin aber immer wieder abgehauen, weil ich auf der Suche nach meiner Familie bin, aber auch weil ich die Freiheit brauche und manchmal Probleme mit den Betreuern in den Zentren hatte.“  

Jonas ist mit seinem Leben zufrieden, er wird jedoch oft von Polizisten und Sicherheitsleuten verprügelt. Sein Körper ist übersät von Narben. „Hast du Zukunftspläne?“, frage ich ihn. Enttäuscht antwortet er mir: „Nein, ich habe alle meine Träume schon aufgegeben, weil es nichts bringt zu träumen. Ich habe schon zu viele Schwierigkeiten erlebt.“ Doch Jonas ist kein Ausnahmefall. Etwa 600 wohnungslose und allein stehende Menschen leben in München das ganze Jahr auf der Straße .

Man nennt sie "Penner", "Tippelbrüder", "Stadt- und Landstreicher" oder einfach "Obdachlose". Sie sind die Armen in unserer reichen Gesellschaft, arbeits- und mittelslos — Randpersönlichkeiten. Sie sind Personen, die ohne gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage umherziehen, allein stehende Personen ohne Wohnung und regelmäßige, sozialversicherungspflichtige Arbeit, ohne abgesicherte Existenzverhältnisse und häufig ohne Beziehungen zu Familie oder anderen Lebensgemeinschaften. Personen, deren besondere soziale Schwierigkeiten der Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft entgegenstehen.  Etwa 10 – 15 Prozent von ihnen sind Frauen. Im Winter, wenn es so richtig kalt ist, sitzen sie vermummt in Wartehäuschen, liegen schlafend auf Parkbänken und verbringen so die ganze Nacht bei Minustemperaturen im Freien. Muss das sein? Gibt es keine geheizte Unterkunft für diese Menschen?

Obdachlose werden immer wieder bedroht und angegriffen und brauchen deshalb einen geschützten Zufluchtsort. Nicht weil sie nach außen hin gefährlich wären, sondern weil sie untereinander Probleme bekommen, wenn zu viele von ihnen zusammenhocken. Natürlich müssen Obdachlose gerade im Winter von der Straße. Aber was sie brauchen, sind betreute Einrichtungen. Orte, an denen solche Menschen medizinische und soziale Versorgung erhalten. Einige Obdachlose sind drogenabhängig. Jonas erzählt mir:“ Wir schnüffeln oft z.B. an einer Flasche Klebstoff, da sie billig ist und man nachher keinen Hunger mehr spürt.

Was München und viele andere Städte noch brauchen sind bezahlbare Wohnungen. In den letzten zehn Jahren aber sind bezahlbare Sozialwohnungen um etwa ein Drittel zurückgegangen. Deshalb errichtet die Stadt immer mehr Bettplätze. Oft gegen den erbitterten Widerstand der Anwohner, die sich gegen Obdachlose wehren.“ Viele Bürger verhalten sich so, als wären Obdachlose Schwerverbrecher. Dabei sind diese Menschen einfach nur in Not, und es gibt nachweislich keinen Zusammenhang zwischen Notunterkünften und dem Anstieg von Kriminalität.                          

Doch es gibt auch Orte, an denen Obdachlosen geholfen wird. Sie müssen nicht daran denken, wo der nächste Cent, wo das nächste Bier oder die nächste Mahlzeit herkommt. Einfach hinsetzen, eine warme Suppe essen und mit den Sozialarbeitern hinter der Theke reden.

Solche Obdachlosen-Treffpunkte, Cafés oder Wärmestube genannt, gibt es in fast jeder größeren Stadt. Jeder Mensch hat ein Recht auf Menschlichkeit. Es gibt Hilfsangebote, aber keiner muss sie annehmen. Wer nur kommt, um eine Suppe zu essen und sich kurz auszuruhen, ist auch willkommen.

Die Anlaufstellen haben unterschiedliche Angebote: Es gibt Treffpunkte für Drogenabhängige, an denen sauberes Spritzbesteck ausgegeben wird, und ein kostenloser medizinischer Check gemacht wird. In anderen Stuben sind Drogen, auch Alkohol, komplett untersagt.

Keiner weiß so genau, wie viele Obdachlose es in Deutschland tatsächlich gibt, denn laut Gesetz muss der Staat für jeden eine Wohnung oder zumindest ein Zimmer in einem Wohnheim zur Verfügung stellen. Trotzdem gibt es einige hunderttausend Menschen, die ganz auf der Straße leben. Darunter auch viele Jugendliche, die von zu Hause abgehauen sind. Einige Menschen schaffen es nach einer Zeit der Obdachlosigkeit, wieder Fuß zu fassen in der Gesellschaft.

Niemand muss im Freien übernachten. Das hat der Gesetzgeber so geregelt und die Kommunen dazu verpflichtet, ausreichend Betten in Notunterkünften bereitzustellen. Erfrieren muss im Winter also keiner, und das geschieht auch äußerst selten. Warum es so viele Obdachlose aber vorziehen, die Nacht bei Eis und Schnee im Freien zu verbringen: Die Kommunen nehmen ihre Aufgabe sehr unterschiedlich wahr. Eingeschränkte Öffnungszeiten, restriktive Essenszeiten, Alkoholverbot und die Aussicht auf ein überfülltes Mehrbettzimmer halten möglicherweise viele Menschen von der Übernachtung in einer Notunterkunft ab. Als ich mich bei Jonas verabschiede und einen Beamten des U-Bahnhofes frage, wieso sich niemand auf den U-Bahnhof am Abend für längere Zeit aufhalten darf, erzählt er mir: „Auf den U-Bahnhöfen haben wir das Hausrecht. Niemand darf sich dort ohne gültigen Fahrschein aufhalten, das gilt auch für Obdachlose. Nach Dienstschluss schicken wir Patrouillen durch den Untergrund, die alle Leute an die Luft setzen, die dort nichts verloren haben - selbst wenn es draußen bitterkalt ist. Erstens sind Obdachlose von Schwarzfahrern oft nicht zu unterscheiden, und zweitens ist nachts auf den Münchner U-Bahnhöfen viel los: Da fahren Reinigungswagen hin und her, da wird rangiert und gewartet. Wir können nicht verantworten, dass uns da jemand auf die Gleise fällt." Obdachlose werden oft diskriminiert, obwohl man die Vergangenheit dieses Menschen oder den   Grund, wie er zu einem Obdachlosen geworden ist, nicht kennt.

Beleidigungen, Ignoranz, Gewalt und Vergewaltigungen sind Alltag im Leben eines Obdachlosen. Wir sollten uns besser über Schicksale Obdachloser informieren, bevor wir ihre Lebensweise kritisieren.

Anna Zanchi, 2 B HOB

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