Projekte Schuljahr 2003/2004

       

Projekt Schreibwerkstatt

Der Einsamen liebstes Kind

von Michaela Senn

Ist Lyrik die einzige wahre Möglichkeit Gefühle in Worten auszudrücken?

Tagtäglich entsetzen, erfreuen oder verwundern Schlagzeilen die Welt. Das Abhandenkommen der Wahrheit ist ein weit verbreitetes Phänomen im allzu wahrheitsforschenden Grüppchen der Journalisten. Sensation. Sensation. Wo? Wie? Wann? Wen interessiert´s? Was zählt ist die "story". Die Glücklichen sollen glücklicher, die Entsetzten entsetzter und die Neugierigen neugieriger(er...) werden. Morgen wird alles vergessen sein. Egal?

Eigentlich nicht. Die Lyrik stellt den Gegensatz dar; jenen Gegensatz, der beweißt, dass Ereignisse auch ohne maßlose Übertreibungen ins Herz der Leser zielen. Den Traurigen glücklich macht und den Entsetzten beruhigt. Lyrik - der Balsam der Seele. Fotos werden (fast) überflüssig; die kunstvolle Aneinanderreihung von Worten - ähnlich einer Perlenkette - macht das Bild lebhafter, heller, erkennbarer oder eben leerer, dunkler und lebloser.

Gut erkennbar an Georg Trakls "Grodek": ein totes Schlachtfeld, die ausklingenden Töne der Schlacht vor dem Ausbruch der Nacht, lebende Tote, die Gott durchfließt, Hass, Schmerz... Tragisch! Aber nicht sensationell, sondern sentimental tragisch. Die Bilder der Seele - auch sie kommen nicht zu kurz: "Die Verknüpfung eines Bildes mit etwas äußerlich ganz anderem, die wörtlich genommen unmöglich ist" (Gabriele Rico). Lösen diese Bilder nicht andere Gefühle aus als halbtote, völlig langweilig aneinandergereihte Worte, die zusammen eine Sensation ergeben sollen? Eigentlich ja.

Immer mehr Menschen zieht es weg von der Schlagzeilengier hin zur zeitlosen Lyrik. Besonders heute, in der Zeit der Vereinsamung, können lyrische Worte die Leere füllen und die Seele heilen. Viel zu sehr ist der Mensch darauf bedacht seine Bedürfnisse zu befriedigen um seine Existenz zu verlängern. Er sollte doch vielmehr die Wände, zwischen denen er gefangen ist, bemalen. Er sollte im Dezember Rosen blühen sehen - nicht optimistisch sein - er sollte das Auge nass haben - nicht weinen. Wozu ist uns die Sprache gegeben? Um sie ziellos zusammenzuwerfen? Warum nicht versuchen jedes Wort so einzufädeln, dass sich schlussendlich eine Perlenkette ergibt? Wir wollen hoffen, dass immer mehr Menschen zur Vernunft kommen.

Lyrik lässt Lachen - nicht Lächerlichkeit - und Trauer - nicht übertriebenen Horrorstories - zu. Anstatt sich im Gekritzle von Möchtegern-Intellektuellen krummzulesen, suchen immer mehr Menschen Antwort auf ihre unbeantwortbaren Fragen in Gedichten, Balladen, Liedern. Sie lassen sich lieber von Goethe oder Shakespeare trösten, aufmuntern, abbremsen oder bestätigen, als von völlig charakterlosen Schlagzeilen der "Bild" in Sensationsgier zu ziehen.

Der Lyriker selbst kann die Welt sehen, wie er sie gern hätte. Auch dem Leser ist durch die Interpretation eine eigene Auslegung der Gedanken und Gefühle gestattet. Lyrik beinhaltet Rätsel, die für jeden eine eigene Lösung ergeben. Die Genugtuung des Rätsels Lösung gefunden zu haben ist doch wohl Glück genug..

 

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